Großangelegte Grabungen im Museumspark Kalkriese

Seit Mitte April wird im Museumspark Kalkriesegegraben. In einem bis zu 1000 Quadratmeter großen Grabungsareal quer durch den Museumspark begibt sich das Kalkrieser Archäologie-Team in Kooperation mit der Universität Osnabrück und in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität München in diesem Jahr wieder auf Spurensuche.

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Im Gespräch auf der aktuellen Grabung
Im Gespräch auf der aktuellen Grabung: (v.l.) Dr. Joseph Rottmann, Geschäftsführer Varusschlacht im Osnabrücker Land, Prof. Dr. Joachim Härtling, Institut für Geographie Universität Osnabrück, Prof. Dr. Thomas Bals, Vizepräsident Universität Osnabrück und Prof. Dr. Salvatore Ortisi, Wissenschaftlicher Leiter. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land, Foto: Hermann Pentermann)

In den vergangenen zwei Jahren haben die Forscher auf der nördlichen Seite des Museumsparks eine weitere Wall-Graben-Anlage entdeckt. Bei den diesjährigen Ausgrabungen soll dieser Befund überprüft und mit dem „Germanenwall“ auf der gegenüberliegenden Seite verglichen werden. Ein weiteres Ziel der Grabung ist es, gemeinsam mit dem Institut für Geographie der Universität Osnabrück, durch geoarchäologische Untersuchungen die Landschaftsgeschichte des Ortes besser zu verstehen. Ziel der Grabungskampagne ist es, langfristig neue Erkenntnisse ans Tageslicht zu bringen, die mit dem Schlachtverlauf zusammenhängen. „Bei den Grabungen in den vergangenen Jahren haben neue Funde und Befunde einige Fragen gelöst, aber auch viele neue Fragen aufgeworfen. Mit der jetzigen Kampagne versuchen wir den Schlachtverlauf und den Ort besser zu verstehen, um so das Bild über die Geschehnisse vor 2000 Jahren besser fassen zu können“, so Prof. Dr. Salvatore Ortisi, Wissenschaftlicher Leiter des Projekts Kalkriese.

Durch ein besseres Verständnis der Landschaft vor, während und nach der Schlacht möchten die Forscher das Kampfereignis im Jahr 9. n. Chr. besser verstehen. Wie lassen sich etwa Veränderungen durch die Eiszeit, frühe Besiedlungen und Ackerbau und die Bodenveränderungen durch die Plaggenwirtschaft deuten? Und welche Rückschlüsse lassen sich daraufhin auf den Schlachtverlauf ziehen? Das sind nur einige Fragen, die sich den Archäologen bei der Betrachtung der komplexen Befundsituation stellen. „Wir betrachten hier 15.000 Jahre Landschaftsgeschichte und wollen ein Ereignis fassen, das zwei oder drei Tage gedauert hat. Das ist eine wirkliche Herausforderung, die aber auch die Bedeutung des antiken Schlachtfelds von Kalkriese zeigt. Hier können wir ein Zeitereignis eingrenzen und fassen – ähnlich wie in Pompeji oder auf dem Schlachtfeld am Harzhorn“, erklärt Ortisi.

„Das Projekt Kalkriese ist und bleibt spannend. Die enge und langjährige Kooperation des Museums mit der Universität Osnabrück im Bereich der Forschung hat sich bewährt. Hier arbeiten unterschiedliche Fachdisziplinen, wie jetzt das Institut für Geographie, zusammen und tragen dazu bei, diesen Teil der Geschichte zu erschließen – für die Forschung, aber auch für ein interessiertes Publikum vor Ort im Museum“, so Prof. Dr. Thomas Bals Vizepräsident Universität Osnabrück. „Mitte Mai ist der Ruf auf die Professur Archäologie an unserer Universität herausgegangen, der diese Forschungsarbeiten weiter unterstützen wird.“

Eine Reihe von römischen Funden haben die Archäologen bei den diesjährigen Ausgrabungen entdeckt. Darunter einen Schlüssel an einem römischen Fingerring. Der Schlüssel eignete sich für Federschlösser. Vermutet wird eine Nutzung von Frauen für das Schließen und Öffnen von zum Beispiel Schmuckkästchen oder Köfferchen. Die Größe der Ringe schließt aber auch einen Mann als Träger nicht aus. Neu im Kalkrieser Fundspektrum ist eine schön gearbeitete Distelfibel, die typisch für augusteische Fundplätze ist. Viele Funde wurden bei den diesjährigen Grabungen im Block, also zusammen mit dem umgebenden Erdreich geborgen. Dies dient dem Schutz komplexer Fundzusammenhänge und soll eine fachgerechte Freilegung gewährleisten. Eine zum Teil freigelegte Blockbergung scheint dabei ein kleines Kästchen aus dünnem Bronzeblech zu enthalten. Aufgesetzt ist eine Kreisverzierung; innenliegend werden ein Bleiobjekt und vielleicht sogar Holzreste vermutet. Wie auch bei anderen Grabungen in Kalkriese üblich sind viele Fragmente von römischen Ausrüstungsgegenständen aus dem militärischen und zivilen Bereich wie Schwertscheidenringe, Münzen, Knoten- und Kugelfibeln ans Tageslicht gekommen.

An der Datierung des Kampfplatzes ändern die Befunde und Funde nichts. Nach wie vor geht das Kalkrieser Wissenschaftlerteam davon aus, dass es sich hier um ein Ereignis im Kontext der Varusschlacht handelt. Die Grabungen laufen noch bis Mitte Juni weiter. „Zum jetzigen Zeitpunkt treiben uns noch viele Fragen an. Schon im ersten Jahr nach der Verlängerung des Kooperationsvertrages um 12 Jahre mit dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen und der Universität Osnabrück zeigt sich, wie groß der Forschungsbedarf ist. Es ist gut, dass wir die Zeit und auch die Mittel haben, tiefgehend zu forschen. Hier ist noch lange nicht alles eindeutig geklärt – das treibt uns an und lässt uns zuversichtlich in die Zukunft schauen“, freut sich Dr. Joseph Rottmann, Geschäftsführer Varusschlacht im Osnabrücker Land.

Die derzeitige Grabungskampagne wird im Rahmen der Grundförderung durch den Kooperationsvertrag mit dem Land Niedersachsen und der Universität Osnabrück und dem Grabungsvertrag mit dem Landkreis Osnabrück ermöglicht. Projektbezogen haben die Stiftung der Sparkasse Osnabrück, die Varus-Gesellschaft, MBN Bau AG und Boels/Rental die diesjährige Grabung unterstützt.

Äußerst gut erhaltener römischer Schlüsselring
Ein Fundstück im Fokus: ein äußerst gut erhaltener römischer Schlüsselring. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land, Foto: Hermann Pentermann)
Grabungsteam Kalkriese bei der Arbeit.
Das Grabungsteam Kalkriese bei der Arbeit. (© Varusschlacht im Osnabrücker Land, Foto: Hermann Pentermann)

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