Die Burgen der Mittelgebirgszone

Eisenzeitliche Fluchtburgen, befestigte Siedlungen, Zentralorte oder Kultplätze?

von: Dr. Jens Schulze-Forster , Dr. Jens Schulze-Forster
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DeutschlandEisenzeitWehrbautenArchitektur

Schon lange vor den Steinburgen des Mittelalters prägte ein dichtes Netz von Befestigungen die Mittelgebirge. Die verfallenen Wälle haben sich vor allem in den Wäldern erhalten, wo sie früh die Phantasie der Menschen bewegten. Die volkstümliche Verknüpfung mit übernatürlichen Wesen ("Hünenburg", "Riesenkopf") oder historischen Namen ("Wittekindsburg") waren erste Versuche, den Ursprung der rätselhaften Bauwerke zu erklären. Seit gut 100 Jahren beschäftigt sich die Ringwallforschung mit dieser Denkmälergruppe. Am Anfang standen die katalogartige Erfassung der Befestigungen und die Vorlage präziser Pläne. Begleitende Grabungen lieferten erste Hinweise auf die vorrömische Eisenzeit. Die Ringwälle wurden als konkrete Zeugnisse kriegerischer Auseinandersetzungen in den Jahrhunderten vor Christi Geburt betrachtet ("Fluchtburg").

Der Anspruch, das Phänomen der Burgen von der Hallstattzeit bis zur Spätlatènezeit darstellen und verstehen zu wollen, ist auf Grund des oftmals schlechten Forschungsstandes der Burganlagen nicht einzulösen. Was hat der frühkeltische Fürstensitz auf dem Glauberg mit der mittellatènezeitlichen Schnippenburg bei Osnabrück und der spätlatènezeitlichen Großsiedlung auf dem Dünsberg zu tun? Die drei Plätze stehen für unterschiedliche historische Erscheinungen. Bei genauem Hinsehen gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Alle drei weisen in größerem oder kleinerem Umfang Funde des dritten Jahrhunderts vor Christus auf. Sie befinden sich damit in bester Gesellschaft. Eine Belegung am Übergang von der Früh- zur Mittellatènezeit ist für die Befestigungen im Mittelgebirgsraum geradezu typisch. Sie bilden vom Main bis zum Wiehengebirge die größte Gruppe. Noch wichtiger ist die Feststellung, dass im Kunsthandwerk, im Brauchtum/Kult, wohl auch in der Sozialordnung enge kulturelle Gemeinsamkeiten sichtbar sind. Die Burgen des dritten Jahrhunderts vor Christus bezeichnen ein spezifisches historisches Phänomen. Neue Funde und Befunde wie von der Schnippenburg unterstreichen diese Ansicht (siehe Beitrag MÖLLERS).

Der mittellatènezeitliche Burgenhorizont - Definition und Chronologie

Bereits vor 30 bzw. 15 Jahren haben Peter Glüsing und Karl Peschel einen signifikanten mittellatènezeitlichen Fundhorizont auf Wallanlagen im Mittelgebirgsraum herausgestellt (GLÜSING 1976/77; GLÜSING 1980; PESCHEL 1992). Sie stützten sich dabei auf zeittypische Tracht- oder Schmuckgegenstände: Ringe mit plastischen Wülsten, Rippen oder Buckeln sowie Fibeln mit langgestieltem Vasenfuß. Die Stücke stehen unverkennbar in der keltischen Stiltradition der ausgehenden Frühlatènezeit ("plastischer Stil"), lassen aber örtliche Herstellung erkennen. Zeitlich markieren sie den Übergang von der Stufe Lt B2 zur Stufe Lt C1 (Mittellatènezeit), also die Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christus. Grabfunde aus Süddeutschland belegen das Nebeneinander traditioneller und fortschrittlicher Elemente in dieser Phase. Den beiden Forschern standen damals nur wenige Funde zur Verfügung. Die Ära der Schatzsucher hat zu einer sprunghaften Vermehrung des Fundmaterials geführt. Die Ringwallforschung musste kurz vor ihrem 100. Geburtstag lernen, dass sie vom Reichtum des Fundstoffs keine Vorstellung gehabt hatte. In Hessen hat sich die Zahl der mittellatènezeitlichen Wallanlagen auf diese Weise fast verdoppelt. Diese Kennziffer, die viel über den begrenzten Wissensstand aussagt, dürfte auf den gesamten Mittelgebirgsraum übertragbar sein. Fundkomplexe wie Holzhausen-Oberwald bei Wetzlar, der Negenborn bei Einbeck oder die Schnippenburg bei Osnabrück sind Entdeckungsfahrten in eine neue Welt. Es versteht sich von selbst, dass damit auch die Frage nach der Funktion der Wallanlagen in Bewegung geraten ist. Die Themen Deponierung und Kult spielen dabei eine tragende Rolle. Auch neue Untersuchungen sind in Gang gekommen (Dünsberg, Schnippenburg, Gellinghausen). Mit Recht kann von einem neuen Kapitel der Burgenforschung gesprochen werden.

Auf 37 Wallanlagen im nordwestlichen Mittelgebirgsraum sind Funde des dritten Jahrhunderts vor Christus belegt. Fünf weitere Burgen können aufgrund entsprechender 14C-Daten in diese Zeit gestellt werden. In den meisten Fällen markieren die Funde einen Neuanfang der Besiedlung. Ältere Metallfunde fehlen auf den Anlagen. Denselben Initialhorizont finden wir auf der Amöneburg bei Marburg, der Altenburg bei Niedenstein in Nordhessen sowie im Siegerland (Obernau, Bad Laasphe, Aue). Im Norden sind Gellinghausen, die Schnippenburg, wohl auch Barenburg und Babilonie anzuschließen. Die 14C-Daten westfälischer Burgen sprechen dieselbe Sprache. Die Mehrzahl der beprobten Wälle wurde im dritten Jahrhundert vor Christus errichtet.

Das Aussehen der Burgen

Was wissen wir über das Erscheinungsbild der neu gegründeten Burgen? Wie sind Lage, Topographie und Größe zu beurteilen? Was tragen sie zur Frage der Funktion und Bedeutung der Anlagen bei?

Lage, Grundriss

Lage, Grundriss und Größe der Befestigungen sind ausgesprochen variabel. Bevorzugt wurden Bergkuppen befestigt (z.B. der Dünsberg); in geringerem Umfang nutzte man Bergplateaus und Spornlagen. Die Wälle richten sich nach den topographischen Gegebenheiten. Bergkuppen sind üblicherweise mit einem geschlossenen Ringwall gesichert, während Plateau- und Spornlagen oft nur eine partielle Sicherung an den gefährdeten Abschnitten aufweisen. Schwer durchschaubar sind die zum Teil äußerst komplexen Wallsysteme, die sich aus verschiedenen Ring-, Abschnitts- und Vorwällen zusammensetzen. Mehrgliedrig gestaffelte Ringwälle sind typisch für Burgen mit einer mehrphasigen eisenzeitlichen Belegung.

Ein lebenswichtiges Anliegen der Festungskonstrukteure war die Wasserversorgung. Das Prinzip eines Wallannex´, der eine hangabwärts gelegene Quelle einschließt, ist schon vom frühlatènezeitlichen Altkönig im Taunus bekannt. Nach der geschützten Fläche lassen sich Kleinburgen mit bis zu 3 ha Innenfläche, eine Mittelgruppe (bis ca. 10 ha) und Anlagen von mehr als 10 ha unterscheiden. Die großen Befestigungen besetzten meist landschaftsbeherrschende Positionen am Rand wichtiger Siedlungs- und Durchgangsräume: der Dünsberg beherrschte das Gießener Becken, die Altenburg bei Römersberg das Schwalmtal, die Grotenburg kontrollierte die Westfälische Bucht, die Amelungsburg das Wesertal, die Babilonie das Vorland des Wiehengebirges und die Pipinsburg den Harzrand. "Sehen und gesehen werden" könnte man das Thema dieser Plätze überschreiben. Ähnliche strategisch-günstige Positionen finden wir auch bei den kleineren Burgen: z.B. die Barenburg am Rand des Calenberger Landes, der Tönsberg am Hellweg/Münsterländische Bucht sowie die Hünenburg, die den Bielefelder Pass und das Ravensberger Hügelland kontrollierte. Insgesamt sind aber vor allem die Kleinburgen deutlich weniger prominent aufgestellt. Der flache Sporn der Schnippenburg ist im Relief des westlichen Wiehengebirges kaum der Rede wert. Die Lage spricht für ein lokales Bezugsfeld. Signifikant ist der überregionale Anspruch bei den Großbefestigungen der Spätlatènezeit (Heidetränke, Dünsberg, Altenburg bei Niedenstein). Die kilometerlangen Wälle markieren einen neuen Maßstab in der eisenzeitlichen Ringwalltradition.

Die Befestigungen

Wo die Ringwallforschung den Spaten ansetzte, versuchte man zunächst Art und Alter der Befestigungen zu klären. Viele Wallschnitte wurden in jüngerer Zeit nachuntersucht. Die ernüchternde Erfahrung ist, dass nur unter idealen Überlieferungs- und Grabungsbedingungen eine komplette Rekonstruktion möglich ist. Am Christenberg wurden längere Abschnitte des keltischen Walls unter der mittelalterlichen Befestigung aufgedeckt. Die verkohlten Hölzer zeigten ein Holzkastenwerk aus quer und längs verlegten Eichenstämmen. Auf der Vorder- und Rückseite waren die 3 m breiten Kästen mit einer Trockenmauer verblendet. Die verfüllten Holzkästen gaben der "Mauer" den nötigen Halt. Die Steinverblendung schützte die Front und verlieh der Befestigung das repräsentative Aussehen einer Steinmauer. Caesar würdigte im Gallischen Krieg 52 v.Chr. die Zweckmäßigkeit und Schönheit der Mauern von Avaricum (Bourges/Frankreich). Die Merkmale des so genannten "murus gallicus" (Holzkastentechnik, Steinverblendung mit vorstehenden Balkenköpfen, vorgelagerter Graben) finden sich schon bei der am Ende des fünften Jahrhunderts vor Christus errichteten Mauer auf dem Christenberg.

Weitaus häufiger sind Wälle, bei denen senkrechte Pfosten dem Wall bzw. der Wallfront die nötige Stabilität verleihen. Die Grabungsbefunde deuten bei der Ausführung der Vorderfront (Pfostenwand, Pfosten-Bohlen-Wand, Steinverblendung), des Wallkerns (Holzbohlen-Mauer, Erde, Steinfüllung, hölzerne Queranker) und der Rückseite (Rückfront, Erdrampe) auf ein breites Spektrum von Varianten hin. In der Regel sind nur einzelne Elemente belegbar. Steinversturz weist zum Beispiel auf eine Blendmauer hin, in Kombination mit einzelnen Frontpfosten auf eine so genannte Pfostenschlitzmauer. Zu betonen ist, dass die Holz-Erde-Mauern eine alteuropäische Tradition widerspiegeln. Das Repertoire findet sich bereits im Burgenbau der Bronzezeit. Auch die Pfostenschlitzmauern sind Teil einer langen Traditionslinie, die von der Bronzezeit bis zu den spätkeltischen Oppida wie Kelheim und Manching reicht.

Baustrukturen, Häuser, Infrastruktur

Die Innenbebauung gibt den Archäologen nach wie vor die größten Rätsel auf. Selbst wo umfassendere Grabungen stattgefunden haben, sind die Ergebnisse mehr als dürftig. Das Problem betrifft sämtliche eisenzeitlichen Burgen im Mittelgebirgsraum. Die wenigen verwertbaren, aber teilweise fraglichen Hausbefunde sind schnell aufgezählt. Hinter dem Wall der "Burg" bei Aue z.B. wurden 1932 "Hausspuren in Gestalt von zerfallenen Trockenmauern ..., von vereinzelten Pfostenlöchern und einer gut erhaltenen Herdstelle" festgestellt (BÖTTGER 1932). Es handelt sich um kleine quadratische Grundrisse von ca. 6 m Kantenlänge mit einem umlaufenden Mauersockel, der als Unterlage für einen Schwellbalkenbau interpretiert wird (HÖMBERG/LAUMANN 1986). Die Befunde sind leider schwer überprüfbar und im Fall des Almerskopfes angezweifelt worden (u.a. auch als "Lesesteinhaufen"). Außerordentlich bedeutsam sind deshalb die 20 Hausbefunde vom Südhang der Amöneburg (WEIßHAAR 1986). Verbrannte Pfosten und Schwellbalken belegen eine zeilenartige Bebauung mit kleinen Rechteckbauten (ca. 3-4 m breit, 4,5 m lang) auf künstlichen Plattformen. Die terrassenartig in den Hang gesetzten Hausstellen (sog. "Podien") sind eine regionaltypische Erscheinung des hessischen und südwestfälischen Berglands. Sie unterstreichen, dass sogar steile Hänge intensiv genutzt wurden. Keramik, Hüttenlehm und Pfostenspuren sind typische Begleiterscheinungen. Der Nachweis von Gebäudegrundrissen ist aber bisher nur auf der Amöneburg gelungen.

Das Fehlen aussagekräftiger Baubefunde ist deshalb in erster Linie ein Forschungsproblem, kein Nachweis fehlender Besiedlung. Die häufig beobachteten Kulturschichten, Pfosten und Gruben sprechen eine deutliche Sprache. Die normalen Wohn- und Speicherbauten müssen wir uns als einfache Standardkonstruktionen vorstellen: einstöckig, mit lehmverputzten Flechtwerkwänden und mit Holzschindeln oder Stroh gedeckt. Ein Glücksfall ist die komplett erforschte Altburg von Bundenbach im Hunsrück (HAFFNER 1984). Der Plan der um 350 v.Chr. gegründeten Anlage zeigt eine kleinteilige Bebauung mit Hausund Speicherbauten; Zaun- bzw. Palisadengräben, ein kleiner freier Platz und eine abgegrenzte Oberburg ergänzen das Bild.

Handwerkliche Tätigkeiten sind vor allem auf den intensiv untersuchten hessischen Burgen belegbar. Einmalig ist der umfangreiche Werkzeugbestand aus Rittershausen. Besonders wertvoll sind die Hinweise zur Metallverarbeitung. Hinter dem Wall konnte der Standort einer Schmiede nachgewiesen werden. In einer Grube, die mit schwarzer Erde und "Eisenspänen" durchsetzt war, fanden sich zwei Hämmer, zwei Eisenstäbe zum Rundhämmern von Eisenringen und vermutlich ein Eisenbarren. Die reichen Funde und Befunde weisen auf eine dauerhafte Besiedlung der Burg bei Rittershausen in der Späthallstatt-und Frühlatènezeit hin; Siedlungsintensität und professionelle Handwerkstätigkeit sprechen für einen zentralen Ort im Lahn-Dill-Bergland (VERSE 1995). Eiserne Werkzeuge gehören aber auch auf anderen Plätzen zum Fundstoff der Grabungen.

Eine Besonderheit des Dünsbergs und der Altenburg bei Niedenstein sind die brunnenartigen Holzkästen oder Bassins. Es handelt sich um trapezförmige Gruben mit Eckpfosten und bretterverschalten Wänden. Die größte Anlage wurde 1907 im Schulborn am Dünsberg freigelegt. Die mehrphasige Konstruktion ist als Quellfassung anzusprechen. Sie stellte die lebenswichtige Versorgung des Dünsbergs mit sauberem Wasser sicher. Nach den neuen Dendrodaten existierte bereits in der Mittellatènezeit ein Holzeinbau (200/165 v. Chr.). Wichtig ist, dass die Anlagen eine entwickelte "öffentliche" Infrastruktur anzeigen. Ähnliche Einrichtungen dürfen auch auf anderen latènezeitliche Burgen des Mittelgebirgsraums vorausgesetzt werden.

Deponierungssitten

Die keltische Welt des dritten Jahrhunderts vor Christus ist durch große Waffendeponierungen geprägt. Schlüsselfunde sind die im Neuenburger See versenkten Waffen aus La Tène (Westschweiz) und das Heiligtum von Gournaysur-Aronde in Nordfrankreich. Im Mittelgebirgsraum zeichnen sich ähnliche Erscheinungen ab. Ein wichtigstes Beispiel stammt vom Südtor (Tor 4) des Dünsbergs. Kennzeichnend sind Waffen und Pferdegeschirr, die in Konzentrationen bzw. als komplette Ensembles zusammen mit Resten von Pferden im Boden liegen. Prunkvolle Bronzegeschirre, Wagenteile oder Fragmente eines Kettenpanzers heben sich vom üblichen Alltagsgut deutlich ab. Zerhackte Schwerter und umgebogene Schwertscheiden bezeugen absichtliche Zerstörung. Umfang und Auswahl der Funde, das Vorkommen großformatiger Objekte und ganzer Ensembles sowie intentionelle Beschädigungen lassen keinen Zweifel zu, dass es sich um absichtliche Niederlegungen handelt. Wesentliche Merkmale des Fundstoffs finden sich in keltischen Opferplätzen und Weihefunden wieder. Das Fundspektrum entspricht frappierend dem Inventar aus gallischen Heiligtümern. Gegenstücke zum Pferdegeschirr finden sich in La Tène. Eine gedellte Schwertkette zeigt, dass die Waffenfunde vom Südhang des Dünsbergs bis in die frühe Mittellatènezeit zurückgehen.

Der Dünsberg steht im Mittelgebirgsraum nicht allein. Vergleichbare Fundkonzentrationen wurden auf an anderen Orten entdeckt. Die Komplexe zeigen dabei bemerkenswerte Analogien: Waffen und Trensen spielen die Hauptrolle; Schwerter sind zusammengebogen bzw. zerbrochen, Lanzen teilweise verbogen. In kleineren Anteilen sind Wagenteile, Werkzeuge, Trachtbestandteile und Keramik vertreten. Der Fundstoff beginnt jeweils in der frühen Mittellatènezeit. Die Funde streuen ohne erkennbare Befunde über ein größeres Areal.

Hinter den übereinstimmenden Befunden zeichnet sich ein einheitliches Brauchtum ab. Die Ausbildung einer längeren Kultkontinuität unterstreicht die Bedeutung der Niederlegungen auf der Altenburg und am Dünsberg. Der Umfang der deponierten Gegenstände ist beträchtlich. Am Tor 4 ist eine Größenordnung von 1000 (großformatigen) Waffen plausibel, wenn man von den über 100 gesicherten Stücken ausgeht, dazu die bisherigen Verluste und das noch verbliebene Material hochrechnet. Trotz der offenen Fragen zur Struktur des Platzes kann man von einem bedeutenden Heiligtum ausgehen. Hinweise auf ein Wall-Graben-System, das als Abgrenzung des Deponierungs-Bezirks in Frage kommt, sind an anderer Stelle diskutiert worden (SCHULZE-FORSTER 2001). Der unklare Kontext der Funde spricht keineswegs gegen eine Deutung als Kultplatz oder Heiligtum. Im Gegenteil: Die Fundverteilung im Heiligtum von La Villeneuveau-Châtelot (Aube) zeigt, dass die Masse der Opfergaben, bewusst oder durch spätere (Zer-)Störung, sekundär verlagert ist.

Die Fundlage der meisten Deponierungen ist unklar. Ein Durchbruch ist den Forschungen auf der Schnippenburg zu verdanken. Menge, Verteilung und Lage/Kontext der Metallfunde sind dort zum ersten Mal verlässlich dokumentiert. Herausragend ist der Nachweis, dass die zahlreichen Schmuckbronzen überwiegend aus kleinen Deponierungen stammen (siehe Beitrag MÖLLERS). Es handelt sich meist um mehrteilige Schmuckensembles mit Armringen, Glasperlen, Broschen oder Ohrring. Viele Stücke tragen Gebrauchspuren, das heißt sie sind benutzt worden, bevor sie in kleinen Gruben niedergelegt wurden. Auch großformatige Eisenfunde sind vorhanden (Tüllenbeile, Lanzenspitzen, Lanzenschuhe, Sense u.a.m.). Hinweise auf Deponierungen oder Fundmassierungen wie auf der gleichzeitigen Altenburg bei Römersberg scheinen jedoch zu fehlen. Die Deponierungssitte auf der Schnippenburg hat daher einen völlig anderen Anstrich. Sie ist eher individuell-persönlich bestimmt. Die Opfergabe von Schmuckstücken ist in der antiken Welt weit verbreitet. Die Kleindeponierungen der Schnippenburg erweitern den Blick um eine neue Variante.

Die mittellatènezeitlichen Befestigungen des Mittelgebirgsraums - historischer Rückblick

Die mittellatènezeitlichen Burgen definieren im Mittelgebirgsraum ein zeitgebundenes historisches Phänomen. Die Gründungswelle am Übergang zur Mittellatènezeit setzt eine Zeitmarke, die in Hessen und im Siegerland mit einem allgemeinen Aufschwung einhergeht. Zahlreiche jüngerlatènezeitliche Siedlungen und Gräberfelder setzen mit Funden des fortgeschrittenen dritten Jahrhunderts vor Christi Geburt ein (Lt C1). In Bad Nauheim beginnt die "industrielle" Salzproduktion, in deren Gefolge sich der Ort schnell zum zentralen Wirtschaftsstandort in der Wetterau entwickelt. Im Siegerland belegen zahlreiche Verhüttungsplätze eine verstärkte Ausbeutung des Eisens. Schon Behaghel hatte die Ringwälle mit der Eisenindustrie zusammengebracht. Vor dem Hintergrund des globalen Aufschwungs ist die Bedeutung des holz- und erzreichen Berglands offensichtlich.

Eine besondere Rolle dürfte dem Dünsberg zugekommen sein. Die Inbesitznahme des Berges muss überregionale Signalwirkung gehabt haben. Der Ringwall war eine der größten Befestigungen seiner Zeit. Er kontrollierte die zentrale Verkehrsader vom keltischen Rhein-Main-Gebiet in das südwestfälische Schiefergebirge und die nordhessisch-südniedersächsischen Mittelgebirge. Der Dünsberg besaß schon in der Frühphase alle Voraussetzungen für eine zentralörtliche Funktion.

Die Neuformierung im Lahngebiet hat sicher auf die Nachbarregionen ausgestrahlt. Das südliche Westfalen/Siegerland war schon wegen der Eisenvorkommen einbezogen. Schwieriger sind die Bezüge zu den Burgen ganz am Nordrand der Mittelgebirge zu beurteilen. Die Gegenüberstellung mit der Schnippenburg macht maßgebliche Unterschiede in Form eigener Trachtkreise deutlich. Doppeldeutig ist die Rolle von Knotenringen und Vasenfußfibeln. Sie gehen auf die weit verbreiteten Vorbilder aus dem keltischen Süden zurück, sind aber vermutlich ebenfalls lokal gefertigt. Als keltischer Import sind nur die gedellten Schwertketten der Schnippenburg anzusehen. Es handelt sich um hochwertige keltische Schmiedearbeiten, die sicher als komplettes Wehrgehänge mit dem zugehörigen Schwert in den Osnabrücker Raum gelangt sind. Die keltischen Waffen waren im vierten/dritten Jahrhundert vor Christus weithin gefürchtet und begehrt. Peschel hatte an der Verbreitung bestimmter Gürtelketten frühe Wanderungsbewegungen bis in den Mittelgebirgsraum ablesen wollen (PESCHEL 1992). Über die Mobilität der keltischen Krieger am Ausgang des großen keltischen Migrations-Zeitalters besteht kein Zweifel. Man kann den Spieß aber auch umdrehen. Es ist wahrscheinlich, dass hinter den prestigeträchtigen Importen die einheimische Führungsschicht steht. Sie verfügte über ein weitreichendes Netz von Kontakten bis zum Mittelrhein und nach Süddeutschland. In den Waffenfunden oder den keltischen Wagenteilen aus einer Brandgrube von Osnabrück-Hörne wird sie für uns fassbar (FRIEDERICHS 2005). Ein weiteres Indiz für den Verkehr von Nord nach Süd sind die prächtigen Bügelplattenfibeln aus dem sog. "Germanenfund" in der Keltensiedlung von Manching bei Ingolstadt.

Die Verhältnisse im dritten Jahrhundert vor Christus müssen sehr instabil gewesen sein. Vor allem im nördlichen Mittelgebirge erlebten viele Burgen nur eine kurze Blüte. Auffällig sind die vielen verbrannten Wälle. Gellinghausen, die Hünenburg, die Schnippenburg endeten vermutlich mit der Vernichtung ihrer Mauern. Auch im Schiefergebirge brechen einige Plätze am Ende des dritten Jahrhunderts vor Christi Geburt verbunden mit deutlichen Brandspuren ab (Christenberg, Almerskopf, Hausberg, wohl bereits etwas früher Rittershausen). Doch teilt sich hier die Entwicklung auf. Die Mehrzahl lebte bis in die Spätlatènezeit fort, auch wenn sich eine lückenlose Entwicklung nur an fundreichen Plätzen (Dünsberg, Amöneburg) wirklich belegen lässt. In Hessen und Südwestfalen ist daher kein allgemeiner Bruch erkennbar, eher ein "Konzentrationsprozess" auf bestimmte Plätze, die bis zur endgültigen Aufgabe der eisenzeitlichen Ringwalltradition in den letzten Jahrzehnten vor Christi Geburt fortbestanden.

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Weiterführende Links

Unter der Adresse www.schnippenburg.de finden Sie weitere Informationen zur Ausstellung.

Zusätzlich finden Sie in unserem Guide im Bereich Themen / Eisenzeitliche Befestigungen eine Zusammenstellung von Links zum Thema.