»Gold und Silber wünsch ich mir ...«

von: Dr. Claudia Nickel
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Die Funde - soweit wir wissen ...

Insgesamt wurden rund 3500 einzelne Objekte in 2000 Einheiten gefunden und dokumentiert. Das Material setzt sich zusammen aus 60 % Keramik, fast 30 % Eisen, 4 % Bronze (mit immerhin rund 100 Einzelstücken) und in geringeren Mengen dem übrigen Fundstoff. Hervorzuheben sind die vier Gold- und 13 Silbermünzen. Unikat ist das Glasarmringfragment, das im Typ demjenigen aus der Grabung 2001 entspricht. Wie bereits oben angesprochen, hängt die Fundinterpretation wesentlich von der Restaurierung der Eisenfunde ab. Nur ein geringer Bruchteil der Eisenobjekte kann bislang aufgrund seiner Form bestimmt werden, und auch in diesen Fällen sind Details wie antike Beschädigungen, Verzierungen und Konstruktionsmerkmale erst nach der Restaurierung beurteilbar. Mit fast einem Drittel Anteil am Gesamtmaterial ist dieser Eisenkomplex ungewöhnlich hoch, was zwar hohe Kosten für die Restaurierung erfordert, andererseits aber eine extrem wichtige Quellengattung der Spätlatènezeit liefert, die in dem Umfang bislang kaum bekannt ist.

Auffällig ist, dass - soweit dies vor der Restaurierung definitiv gesagt werden kann - viele Objekte stark abgenutzt und in den meisten Fällen sogar antik fragmentiert sind. Einige wenige Funde lassen sich auch bei dieser Grabungskampagne als römisch bestimmen. Dazu gehört eine eiserne Katapultspitze, die im Bereich nördlich des Hügels 260 gefunden wurde, ein römischer Schuhnagel aus dem Graben des Strahlenwalles sowie insgesamt fünf Schleuderbleie. Demnächst sollen Vergleichsanalysen an Schleuderbleien von der Balearen unternommen werden; Hilfstruppen aus dieser Region waren im römischen Heer auf derartige Schleudergeschosse spezialisiert.

Bislang waren lediglich 18 keltische Goldmünzen vom Dünsberg bekannt - das heißt, im Fundkatalog von J. Schulze-Forster aufgeführt; nur eine davon wurde im Bereich von Tor 4 gefunden. Allerdings liegen für die meisten anderen Goldmünzen keine Fundortangaben vor, und es dürften nicht wenige weitere Goldmünzen vom Dünsberg in Sondengängerkreisen existieren. Verschiedene Gründe dürften dafür verantwortlich sein, dass der Bereich vor Tor 4 bislang nicht als Fundstelle für Goldmünzen bekannt wurde - allerdings könnte die alljährliche "Durchwühlung" dieses Bereiches und die übrige hohe Zahl der von hier stammenden Objekte darauf hinweisen. In jedem Fall haben wir Archäologen großes Glück gehabt, vier Goldmünzen in ihrer ursprünglichen Lage finden und dokumentieren zu können. Denn nicht zuletzt die Lage der Münzen und der übrigen Objekte scheint nun die Deutung des Bereiches vor Tor 4 klären zu helfen! Wieder hat sich gezeigt, dass nicht das Objekt als solches, sondern der gesamte Komplex an Informationen zu Lage, Vergesellschaftung und Kombination im archäologischen Umfeld die Interpretation liefert.

Ein anderer Aspekt des oben genannten hohen Anteils an Eisen ist zum Schluss anzusprechen. Es gehen vor allem Bronze und andere Edelmetalle durch Raubgrabungen verloren, während Eisen nicht ausgegraben oder nach der Auffindung wieder weggeworfen wird. Welchen Schaden Sondengänger speziell am Dünsberg angerichtet haben, ist nun anhand der genauen Funddokumentation zu belegen. Die Flächen werden in einzelnen Plana untersucht, das heißt, der Boden wird in etwa 10 cm dicken Schichten abgetragen. Die Funde werden dabei spätestens bei der Fertigstellung des Planums eingemessen und die jeweilige Planumsnummer vermerkt. Somit ist in einigen Beispielen folgendes festzustellen: In dem Bereich, wo die oben genannten Fundkonzentrationen mit Bronze und Eisen etc. vorkamen, stammen rund 80 % der Funde aus der Anlage des dritten und vierten Planums - also unterhalb von ca. 20-25 cm. Dies ist genau die Tiefe, die herkömmliche Sonden erreichen und wie tief im allgemeinen beim Detektorausschlag gegraben wird. Eine Ausdehnung dieser Analyse auf die Metallarten würde den Verlust der Bronzen aus den oberen Plana noch verdeutlichen. Die anderen Bereiche ergeben ein ähnliches Bild.

Somit konnte besonders für den Bereich vor Tor 4 eine starke Beeinträchtigung durch Sondengänger belegt werden, wie sie auch schon durch die angeblichen Fundmengen bestimmter Objekte und durch die von Schulze-Forster vorgelegten Sondenfunde dokumentiert wurde. Die oberen 20 bis 30 cm sind weitgehend ihrer Edelmetallfunde beraubt - und dies wird sich in den folgenden Jahren weiter fortsetzen und verstärken, sobald Tiefensonden zum Einsatz kommen. Eine gezielte "Rettungsgrabung" dieses enorm gefährdeten Bereiches ist in unseren Augen unerlässlich. Auch aufgrund der permanenten Gefährdung durch Raubgräber, Waldwirtschaft sowie den Baumbestand sollten in den nächsten Jahren die verbliebenen Bereiche südwestlich Tor 4, wenn möglich der ganze Bereich bis zum Strahlenwall und bis zum Hohlweg untersucht werden.

Vor den Toren der Stadt

Dieser Bereich liegt zwischen den Nord-Süd- und West-Ost-orientierten Schnitten von 1999/2000 und dem Weg und schließt an einer Stelle direkt an eine dortige Erweiterung an, wo bereits eine Konzentration von Pferdegeschirr und -zähnen festgestellt wurde.

Das Gebiet vor Tor 4 ist seit Jahrzehnten von Sondengängern illegal durchwühlt und ausgeplündert worden. Ein Teil dieser Funde wurde von J. Schulze-Forster bearbeitet, ein sicher viel größerer Teil ist für die Öffentlichkeit und die Forschung unwiederbringlich verloren. Ohnehin verloren sind konkrete Fundzusammenhänge und Lageangaben, die nur eine wissenschaftliche Ausgrabung erbringen kann. Die Angaben zu den Mengen bestimmter Funde, die sich in privater Hand befinden, hält wiederum vor Augen, wie groß der Verlust ist und mit welchem "Filter" wir bei der heutigen Interpretation der Grabungsergebnisse rechnen müssen.

Bereits bei der Planung der Grabungsflächen fielen zwei sehr schwache Erhebungen im Gelände auf, eine rund, eine eher länglich. Schon bei den ersten Suchschnitten fand sich im Randbereich des runden Hügels eine Konzentration von eisernen Waffen: nahe beieinander eine im waagrechten (!) Winkel verbogene Lanzenspitze, eine (oder, wie der Restaurator kürzlich herausgefunden hat, zwei) verbogene eiserne Schwertscheide sowie Teile eines runden Schildbuckels.

Dieser Komplex fand sich zufällig innerhalb des nur 75 cm breiten Schnittes, und nur wenige Funde nördlich können noch zugeordnet werden: etwa ein bronzener Knopfgürtelhaken, der unmittelbar mit dem Schwertgehänge in Verbindung steht, vielleicht auch ein Pferdezahn und weitere Eisenteile in der Nähe und weiter zum Zentrum des Hügels hin.

Die Flächen wurden daraufhin erweitert. Dabei erwies sich aber besonders der Südteil des runden Hügels - also unmittelbar an die Waffenkonzentration anschließend - als nahezu fundfrei. Die Hügelschüttung war ebenfalls fast steril - bis schließlich eine Grube unterhalb des Hügelzentrums freigelegt werden konnte. Darin befanden sich ein eiserner Ring mit Seitenbeschlag, zwei kurze Lanzenspitzen und ein kleiner bronzener Beschlag. Ein unregelmäßiger Graben umgab zumindest den nördlichen Teil des Hügel; er enthielt unter anderem ein Schleuderblei sowie das Fragment einer komplizierten bronzenen Trense. Dieses herausragende Stück befand sich am östlichen Rand auf der Sohle dieses "Grabens" und steckte ebenfalls mit dem abgebrochenen (!) Ende im festen Kieselschieferschotter.

Eine besondere Überraschung war die Auffindung von vier Goldmünzen und weiteren Silbermünzen im Randbereich des runden Hügels. Sie wurden innerhalb weniger Tage im Abstand von jeweils rund einem Meter gefunden und sind vom gleichen Typ - Dreiwirbelstatere mit einem Gewicht von jeweils rund 7 Gramm. Der übrige Bereich war hingegen fast fundfrei. Auch wurde der Umkreis dieser Münzfunde noch vollständig untersucht, um sicher zu gehen, dass die Fundkonzentration komplett erfasst wurde (dazu siehe unten).

Goldmünzen bei einer Ausgrabung zu finden, ist schon etwas ganz Besonderes! Und zwar ganz besonders am Dünsberg bei Gießen - doch dazu später.

Damit haben wir auch nicht gerechnet, als wir Ende Juni zur sechsten Grabungskampagne am Dünsberg starteten. Es nahmen 85 Personen aus neun Ländern teil, die rund 1100 Arbeitstage ehrenamtlich leisteten.

Nach der Untersuchung im Zentralbereich des Oppidums 2003 war in diesem Jahr das Ziel, verschiedene Fragen zu klären, die die Situation im südlichen Vorfeld der Wallanlagen betreffen - vor allem die Deutung der Waffenfunde vor Tor 4. Kleinere Untersuchungen erfolgten zudem am vorgelagerten Plateau "Schimmelhain", an einem der Strahlenwälle - an dieser Stelle konnte nun erstmals ein eindeutiger römischer Schuhnagel nachgewiesen werden - sowie im Graben vor Tor 5.

Dort waren Anfang des 20. Jahrhunderts angeblich Knochen gefunden worden. Dies sollte überprüft werden, da bei unseren Grabungen aufgrund des sauren Bodens bislang kaum Knochen bekannt sind. In dem sehr deutlichen Spitzgraben fand sich neben viel Keramik auch ein römisches Schleuderblei - allerdings kein einziger Knochen ...

Schluss

 

 

Webseiten

Homepage der Grabung:
www.keltenstadt.de

Homepage des Vereins:
www.archaeologie-im-gleiberger-land.de

Weitere Artikel von Claudia Nickel

Die Grabungen am Dünsberg 2003 (Archaeologie Online, Oktober 2004)

Neue Ausgrabungen auf dem Dünsberg (Archaeologie Online, Januar 2003)

Kontakt

Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-MailDr. Claudia Nickel
Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-MailDr. Karl-F. Rittershofer

Die Grabungskampagne 2004 war in vielfacher Hinsicht ein großer Erfolg, der weit über den Glanz von Gold und Silber hinaus geht. Deutlich wird die Dringlichkeit der Fortsetzung wissenschaftlicher Untersuchungen vor Augen geführt. Um so tiefgreifender sind die Entscheidungen zu bewerten, den langjährigen Projektleiter, Initiator und "Motor" der Dünsberg-Grabung, Dr. Karl-F. Rittershofer, von diesem Projekt abzuziehen.

Wie hoch - neben den wissenschaftlichen Ergebnissen - der soziale Aspekt im weitesten Sinne ist, haben die letzten sechs Jahre deutlich gemacht: ehrenamtliches Engagement vieler Bürger aus der Umgebung und aus ganz Deutschland, internationale Helfer aus der ganzen Welt und der Rückhalt in der Bevölkerung, der sich durch die Unterstützung in materieller und ideeller Hinsicht über Jahre hinaus gehalten und verstärkt hat. Dafür danken wir allen Beteiligten und hoffen, dass dieses erfolgreiche Projekt weitergeführt werden kann.

Dies ist das Anliegen des neu gegründeten Vereins "Archäologie im Gleiberger Land", der nun den rechtlichen Rahmen für die Forschungsarbeiten bildet. Über den Beitritt von Interessierten sowie Spenden für die Fundrestaurierung auf das Konto Nr. 2005916 bei der Sparkasse Wetzlar (BLZ 515 500 35) freuen wir uns sehr.

Bei solchen Objekten, die in keltischer Zeit einen hohen Wert hatten, sind zufällige Verluste auszuschließen; vielmehr tritt hier der "kultische" Aspekt stark in den Vordergrund, was durch die Silbermünzen und vor allem die konzentrierte Lage im Bereich des Hügels noch verstärkt wird.

Südlich des länglichen Hügels konnte eine extreme Fundkonzentration aufgedeckt werden. Neben einer Silbermünze fanden sich große Mengen an Eisenobjekten, von denen bislang nur die Schildnägel aufgrund ihrer charakteristischen Form bestimmt werden können - der Rest wird nach der Restaurierung mit Sicherheit noch wesentliche Aspekte zur Deutung beitragen. Neben den Eisenobjekten konnten zahlreiche bronzene Teile des Pferdegeschirrs, meist mit kunstvollen Emailverzierungen versehen, geborgen werden.

Am Zugangsweg zu den Toren

Im Winkel der heutigen Wege zu Tor 5 und Tor 4 wurde eine rund 100 m2 große Fläche angelegt. Die für den Südteil des Dünsbergs typische Bimsauflage setzt in diesem Bereich ein; im Osten der Fläche reicht sie über 1 m tief, während im Westen teilweise nach nur 25 cm der anstehende Kieselschieferuntergrund erreicht wurde.Fast 90 % der Funde stammen hier schon aus den oberen Bereichen. Verfärbungen konnten in dieser Fläche nicht festgestellt werden. Die Funde waren relativ gleichmäßig verteilt.

Mit nur 89 Stücken ist die Menge allerdings gering, und im Gegensatz zu den meisten anderen Flächen dominieren Eisenfunde noch vor der Keramik. Darunter sind mehrere Lanzenspitzen, ein Beil und ein bereits restaurierter Eisenkomplex zu nennen, der wohl zu den größten "Überraschungen" dieser Grabungskampagne gelten kann: Die komplett verrosteten Objekte ergaben eine mehrteilige feingliedrige Pferdetrense, deren zentraler Riemenverteiler mit roten radialen Emailstreifen verziert ist.

Etwa beginnend mit der Schildnagelkonzentration setzte sich diese Anhäufung von Pferdegeschirrteilen nach Süden hin fort, wobei aber nun verstärkt Pferdezähne auftraten. An den gleichen Stellen fanden sich mehrere kleine Bronzeringe mit einer abgeflachten Seite, von denen nach Aussage von Sondengängern in diesem Bereich bereits "200 Stück" gefunden wurden. Da die Stücke für Riemendurchlässe o.ä. zu klein sind, könnte man vielleicht an eine Verzierung der Pferdemähne denken. Am Südrand der Fläche und damit am direkten Anschluss an die Grabung 1999/2000 fanden sich noch ein Ringknopfgürtelhaken und ein Ensemble aus zwei Bronzefibeln, die mit einem fein gearbeiteten Kettchen verbunden waren. Derartige Objekte sind eine Seltenheit, die man am ehesten in Gräbern oder kultischen Deponierungen findet. Gerade die "Doppelsicherung" spricht klar gegen einen Verlustfund.

Schließlich kam im oben genannten Bereich der Schildnägel ab ca. 40 cm Tiefe unter der Oberfläche eine deutliche Verfärbung von rund einem Meter Durchmesser zum Vorschein. Diese Grube enthielt neben Keramik und Knochenteilen noch drei weitere bronzene knopfförmige Riemenverzierungen und ein großes Eisenobjekt. Besonders gespannt muss die osteologische Analyse der Knochenteile abgewartet werden - wahrscheinlich handelt es sich um Tierknochen, aber keine Pferdeknochen.

In der Bimsschicht

Nur wenig entfernt wurden weitere 110 m2 flächig untersucht. Ausgewählt wurde der Bereich aufgrund der Nähe zu dem 1999-2000 angelegten Schnitt; zwischen diesem und der diesjährigen Grabung befindet sich der stark gestörte Bereich der Dachsbauten. Hier ist der Laacher Bims besonders tiefgründig. Besonders in dieser Fläche fiel auf, dass der anstehenden Boden eine extrem unterschiedliche Oberfläche und Struktur aufweist. Im südlichen Flächenteil konnten ein holzkohlehaltiger Bereich mit zahlreichen Eisenfunden (u.a. mehrere stabförmige dünne Eisenobjekte und Trensenteile) und weitere grubenartige Vertiefungen mit Keramik, Eisen, Pferdezähne und kalzinierten Knochen festgestellt und dokumentiert werden.

Meist konnten diese Bereiche erst im untersten Planum erkannt werden, da sich die Verfärbung im Laacher Bims nicht von der Umgebung unterscheidet und der Boden stark durchwurzelt ist. Ohnehin ist nicht sicher, ob es sich überhaupt um intentionell angelegte "Gruben" handelt, oder ob derartige Vertiefungen eher natürlichen Ursprungs sind. Die großen Mengen an Funden sind jedenfalls nicht ausschließlich auf diese Befunde beschränkt.

Auffällig sind in diesem Flächenteil verschiedene Fundkonzentrationen. In der Nordwestecke traten zahlreiche Scherben relativ oberflächennah auf. Hier wie auch im übrigen Flächenbereich konnten mehrfach kleine becherförmige Gefäße festgestellt werden, die Brandspuren aufweisen. Neben vielen kleinen Gefäßen kamen auch regelrechte Miniaturformen vor.

Am südlichen Flächenrand wurden eine fast 50 cm lange Lanzenspitze und eine weitere, ca. 12 cm lange Lanzenspitze entdeckt; die kurze Lanze steckte mit der Spitze nach unten direkt neben der waagrecht liegenden großen Lanze. Die Restaurierung zeigte bei dem großen Stück eine massive antike Beschädigung: Die Lanze wies eine S-förmige Biegung im Mittelteil auf. Zudem fehlte die Spitze, und das Blatt war seitlich mehrfach antik beschädigt.

Dass Funde senkrecht im Boden stecken, konnte mehrfach während dieser Grabung beobachtet werden. Ebenso deutlich wie in den weichen Bimsschichten war dies auch an den Stellen zu beobachten, wo die Bimsauflage geringer war und Funde auf oder im anstehenden Kieselschiefer steckten.

Die Interpretation der Grube, die bislang in dieser Form einen singulären Befund darstellt, ist von zentraler Bedeutung. Eine zur Bebauung gehörige Struktur ist wohl auszuschließen. Ein Pfosten oder eine Art "Totem" könnte aber durchaus hier aufgestellt worden sein. Bedenkt man zudem die Anhäufung von Pferdezähnen und Pferdegeschirr, könnte möglicherweise sogar ein Pferd - zumindest mit Schädel und Fell - hier aufgestellt worden sein. Interessant ist dabei die Frage, zu wie vielen Pferden die Zähne gehörten; dies wird eine Knochenanalyse beantworten können.

Insgesamt ergänzen die diesjährigen Funde und Befunde vor allem vor Tor 4 die in früheren Jahren gewonnenen Erkenntnisse. Erweitert werden konnte die Situation vor allem durch die Auffindung der Hügel, der Goldmünzen und der Grube im Zentrum der Pferdegeschirrkonzentration. Weder aufgrund der Lage der Funde noch wegen fehlender Knochen ist die Grube unter dem Hügel wohl als "Grab" anzusprechen. Aber die Hügel wurden bewusst angelegt, und die Fundverteilung zeigt einen klaren Bezug zu diesen Hügeln. Gräberfelder befinden sich häufig an den Ausfallstraßen der Städte - nicht nur im mediterranen Bereich, sondern auch bei den keltischen Oppida. Die bislang bekannten wenigen Gräberfelder liegen etwas weiter entfernt am Fuß des Dünsbergs. In keinem Fall wurden "ausreichend" Gräber festgestellt, um auch nur einen Bruchteil der damaligen Bevölkerung zu repräsentieren. Auch die Leichenbrandmenge, die etwa im "Helfholz" 2003 (s. Claudia Nickel, Archäologie Online, Fundpunkt, 2004) in den wenigen unversehrten Gräben geborgen werden konnte, ist nur ein Bruchteil der bei der Verbrennung anfallenden Menge. Könnte es sein, dass der Totenkult der Dünsberg-Kelten nicht auf die einfache Bestattung in Urnen beschränkt war?

Auffällig ist zudem die in diesem Gebiet übliche Anlage von Grabgärten mit flachen Gräben und Wällen sowie kleinen Hügeln, in deren Oberfläche die verbrannten Knochen mit oder ohne Keramik nur wenig eingetieft waren. Dies ist eine auffallende Parallele etwa zu den Waffenkonzentrationen ohne Leichenbrand bei dem runden Hügel. Besonders die Fundkonzentrationen befinden sich in direkter Nähe des Zugangsweges zum Haupttor des Oppidums. Die Fundgattungen - Pferdegeschirr, Waffen, Tracht und Schmuck - finden sich ebenso in Gräbern wie auch an Kultplätzen. Hier sei nur der Martberg (Kr. Cochem-Zell) erwähnt, wo im Bereich eines keltischen Oppidums ein Kultplatz bestand; an einzelnen Pfosten wurden Konzentrationen von Waffen, besonders Schwertteile und Gürtelgehänge sowie Münzen und Fibeln gefunden. An diesen baulich kaum näher zu fassenden Arealen wurden in der Folgezeit gallorömische Umgangstempel und später eine ganze römische Tempelanlage errichtet.

Am Dünsberg bleibt vor einer Entscheidung zwischen "Kult" und "Totenkult" die osteologische Bestimmung der Knochen abzuwarten - wenn diese Entscheidung überhaupt nötig und sinnvoll ist.

An einer anderen Stelle fand sich ein Komplex aus zahlreichen großen Schildnägeln und weiteren, bislang nicht bestimmten Eisenteilen, die in mehreren Schichten freigelegt wurden. Derartige Komplexe sind sowohl für die Ausgrabung als auch für die Restaurierung sehr schwierig. Die fotografische und zeichnerische Dokumentierung ergänzt in diesen Fällen die regelmäßige dreidimensionale Einmessung. Diese wird bei der Auswertung, wenn die Funde restauriert und zu identifizieren sind, von enormer Hilfe sein. Die tatsächlichen Vergesellschaftungen und Anordnungen von Funden können in den meisten Fällen erst dann gedeutet werden. Bislang können nur einzelne Eisenobjekte mit Vorbehalt angesprochen werden: einige Eisenmesser mit Ringgriff, ein eisernes Schwert sowie mehrere Lanzenspitzen sind zu nennen. Mehrere Fibelfragmente sowie ein Glasarmringbruchstück gehören hingegen zum Bereich der Tracht, im Fall des Glasarmrings zur Frauentracht.

Bronze fand sich in diesem Bereich relativ wenig; mindestens zwei Pferdegeschirrteile sind darunter. Zudem kamen hier insgesamt sieben silberne Münzen zutage - ein Silberquinar vom "Nauheimer Typ", ansonsten - was auch für die übrigen sechs Silbermünzen gilt - immer das "Tanzende Männlein", die lokale Prägung.

Die Fundverteilung zeigt deutlich den Anstieg nach Süden, zum heutigen Weg hin. Da eine Datierung des hier 15 m weiter südlich verlaufenden Hohlweges nicht möglich war, würde eine Erweiterung der Grabungsfläche nach Süden die Frage nach dem Verlauf des latènezeitlichen Weges beantworten: Würde sich die Fundstreuung bis an den Hohlweg fortsetzen, wäre wohl dieser benutzt worden; ansonsten - was wahrscheinlicher ist - würde der keltische Weg im Bereich des heute bestehenden liegen.

Wie bereits erwähnt, fanden sich im südlichen Flächenteil zahlreiche Pferdezähne und kalzinierte Knochen. Von den gleichen Tieren stammen diese Fundgruppen wohl nicht, da die Pferdezähne unverbrannt sind und zur Erreichung dieses Verbrennungsgrades hohe Temperaturen nötig sind. Es bleibt zu hoffen, dass bei einer osteologischen Analyse herausgefunden werden kann, ob es sich bei den verbrannten Knochen um menschliche oder tierische Reste handelt. Leider sind die meisten Stücke sehr klein und konnten oft nur im Rahmen von Bodenproben geborgen werden. Gegen Leichenbrand spricht auch die meist weiche Struktur; normalerweise sind kalzinierte Knochen, wie sie in Gräbern gefunden werden, deutlich härter und daher auch größer als die hier vorliegenden Teile.