Neue Ausgrabungen auf dem Dünsberg

von: Dr. Claudia Nickel
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Der Dünsberg bei Gießen dominiert mit knapp 500 m Höhe das Giessener Becken und ist mit seiner markanten Form weithin sichtbar. Drei konzentrische Ringwälle umgeben den Berg und umschließen insgesamt 90 ha. Zudem sind zahlreiche Podien sichtbar, die terrassenartig als Standplätze für Häuser angelegt wurden; mehrere mit Holzkästen verschalte Quellen sind bekannt.

Die besondere Bedeutung des spätkeltischen Oppidums am Nordrand der keltischen Welt besteht darin, dass diese Großstadt die anderen vergleichbaren Anlagen "überlebte", d.h. über die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts hinaus bestand. Damit reicht die Besiedlung bis an die sog. Übergangszeit heran, in der sich der Stamm der Chatten bildete - eine historisch bedeutsame Phase. Ein Grund für die große Bedeutung des Dünsbergs sind die reichen Eisenvorkommen in der Region, die bis ins letzte Jahrhundert ausgebeutet wurden. Die Datierung der Wälle ist aufgrund fehlender moderner Untersuchungen nicht gesichert. Während der äußere mit 3,5 km Länge sicher in die Spätlatènezeit datiert, ist dies bei den anderen nicht gesichert. Obwohl auf dem Gipfelplateau urnenfelderzeitliche Keramik gefunden wurde, ist fraglich, ob der zum Teil noch 10 m hoch erhaltene obere Wall in diese Zeit gehört.

Die Grabung 2002

In der diesjährigen siebenwöchigen Kampagne wurde eine reine Siedlungsgrabung durchgeführt, d.h. es wurden gezielt Wohnpodien untersucht. Im ersten sichtbaren Podium gleich oberhalb des "alten" Schnittes wurde ein Bereich abgesteckt; östlich zwischen Podium und der Torgasse von Tor 4 wurde ein zusätzlicher Suchschnitt angelegt. Außerdem wurde ein 280 qm großer Bereich rund 50 m weiter westlich ausgewählt, der eine deutliche Gliederung in vier übereinandergestaffelte Podien und einen weniger steilen Hangverlauf aufwies. Im Schachbrettmuster wurden hier 8 Flächen untersucht. Aufgrund der Bodenverhältnisse mit saurem, stark durchwurzeltem und extrem steinigem Boden werden die Flächen in etwa 10-15 cm starken Plana abgetragen und dokumentiert. Mit Hilfe eines Tachymeters werden alle Funde, Befunde und Nivellements dreidimensional eingemessen. Die Daten werden in den Laptop eingelesen und in die Grabungs-Datenbank SingulArch, einer speziell für die Archäologie entwickelten Access-Applikation (www.singularch.de), importiert. Dieses Programm wiederum gewährleistet einen Export der Messwerte in das Programm AutoCAD, wo die verschiedenen Kategorien in je eigenen Layern kartiert werden. Durch dieses System konnte zudem auf ein lokales Grabungsnetz verzichtet und die gesamte Vermessung direkt im Gauß-Krüger-System durchgeführt werden. Diese Grabungssystematik wurde erstmals in diesem Jahr eingesetzt und hat sich bestens bewährt.

Die Funde

Die Masse der Funde besteht aus Keramik. 2002 wurden rund 4550 Funde geborgen, davon rund 90 % Keramik, immerhin auch 5 % Eisen. Insgesamt belegen drei Spinnwirtel und ein Webgewicht von den unteren Flächen sowie je ein Spinnwirtel und Webgewichtfragment von den oberen Flächen die Produktion von Wolle und Textilien. Zum typischen Siedlungsmaterial zählen auch zahlreiche Fragmente von mehreren runden Drehmühlen aus Basalt sowie aus hartem Quarzit-Sandstein, die wahrscheinlich in jedem Haushalt zum Mahlen des Getreides vorhanden waren.

Es wurden mindestens elf Fragmente von Fibeln gefunden, davon drei aus Bronze. Nur ein Stück ist vor der Restaurierung genauer bestimmbar, es handelt sich um eine sog. Nauheimer Fibel. Der Bronzearmring entspricht dem Typ Dünsberg; die Verzierung ist unter der Patina noch nicht zu beurteilen, wahrscheinlich sind es Strichgruppen. Die halbe Ringperle aus kobaltblauem translucidem Glas mit gelben Schraubenfäden ist der bislang erste bekannte Fund dieser Art vom Dünsberg; es ist ein typischer Fund der Stufe Latène D1. Im letzten Jahr wurde nur wenige Meter entfernt im Bereich eines weiteren Hausgrundrisses das Fragment eines kobaltblauen Glasarmrings gefunden.

Besonders wichtig für die wirtschaftliche Bedeutung des Dünsbergs ist der Fund eines großen Stückes Schlacke; es handelt sich um eine typische kalottenförmige Eisenverarbeitungsschlacke, wohl aus dem fortgeschrittenen Verarbeitungsprozess (Schmieden, Schweißen, Ausheizen). Damit ist für diesen Bereich der Siedlung indirekt eine eisenverarbeitende Werkstatt nachgewiesen. Ein silbriger Gussbrocken ist ein weiterer Hinweis auf Metallhandwerk am Dünsberg. Eine metallurgische Untersuchung (Uni Frankfurt) wird hoffentlich Aufschluss darüber geben, ob das Stück sogar mit der Münzprägung in Zusammenhang gebracht werden kann. Insgesamt geben die Funde dieser Kampagne wichtige neue Einblicke in den Alltag am Dünsberg - gegenüber den eher "kriegerischen" Funden der früheren Grabungsjahre haben wir hier erstmals das "zivile" Leben der Bevölkerung dokumentieren können - Glas-Schmuck von Frauen, Ernährung, Handwerk, vielleicht sogar Wirtschaft.

Ein großes Problem sind Raubgräber, die mit Detektoren seit den 70er Jahren den Dünsberg systematisch geplündert haben und dies bis heute tun. Die teilweise bekannten Funde können zwar zeitlich und typologisch eingeordnet werden und helfen, den Dünsberg chronologisch zu beurteilen, für die eigentliche archäologisch-historische Forschung sind diese Funde jedoch wertlos, da meist der Fundort nicht genau bekannt ist und zudem die Fundumgebung durch einen solchen Eingriff in den Boden unwiederbringlich zerstört wird.

Seit 1999 finden nun neue Grabungen am Dünsberg statt. In den ersten drei Jahren wurde ein 5 m breiter und rund 200 m langer T-förmiger Schnitt im Süden des Oppidums angelegt, der den Wall in der Nähe eines Tores, den Bereich einer Fundkonzentration mit Waffen sowie einen sog. Strahlenwall erfasste.

Im Mittelteil der ersten Fläche wurde das Zentrum des Podiums erfasst, die beiden anderen Flächen zeigten einen z.T. sehr steilen Verlauf. Hier konnte ein Hausgrundriss mit 4 Eck(?)pfosten sowie einem Mittelpfosten dokumentiert werden. Die Eckpfosten waren hangabwärts meist durch Steine verkeilt. Außer dem Mittelpfosten waren alle mit stark holzkohlehaltiger Erde verfüllt, was auf eine Zerstörung des Hauses durch ein Feuer schließen lassen könnte. Ob der mittlere Pfosten zu einer anderen Bauphase gehört - zumal im oberen Teil eine starke Verfüllung mit Keramikscherben zu erkennen war - oder ob andere Ursachen eine Verfüllung mit Brandschutt verhinderten, kann vielleicht die genaue Untersuchung des Fundmaterials ergeben. Der Hausgrundriss umfasst knapp 6 qm; eine Fortsetzung des Hauses nach Osten oder Westen ist denkbar, kann aber aufgrund der Grabungsgrenzen nicht bewiesen werden. Im Umkreis des Hauses wurden einige Funde geborgen, die Hinweise auf die Wirtschaftsweise liefern und auch auf Tracht und Kleidung hinweisen: Über 1000 Scherben stammen allein aus dieser Fläche, immerhin 46 Eisen- und vier Bronzeobjekte. In verschiedenen Bereichen kommen immer wieder kleinste Stücke von kalzinierten Knochen vor - wahrscheinlich Speisereste; in dem sauren Boden erhalten sich keine unverkohlten Knochen. An Funden sind aus dieser Fläche besonders hervorzuheben: Fibeln (2x Bronze, sonst Eisen), ein Armring, eine Eisenverarbeitungsschlacke, zwei Spinnwirtel sowie ein Webgewichtfragment.

Die acht Flächen im Bereich etwa 50 m weiter westlich waren entgegen unserer Erwartungen fast befundfrei. Dass dort allerdings keine Besiedlung stattgefunden hätte, lässt sich daraus keinesfalls schließen: In der Fundhäufigkeit liegt ein Teil der Flächen gleich hinter dem Bereich mit dem nachgewiesenen Haus. Zudem ist bei den Funden besonders auffällig, dass es sich um reines Siedlungsmaterial handelt, das den Funden der unteren Flächen entspricht: Keramik, ein Spinnwirtel, ein Webgewichtfragment, Mahlsteinreste, der Rand eines Bronzegefäßes, ein Eisenmesser mit Ringgriff, evtl. ein Hakenschlüssel sowie eine Silbermünze Typ "tanzendes Männlein". Davon abweichend - eher im Rahmen militärischer Funde, wie sie im südlichen Vorgelände auftreten - zu interpretieren ist der Fund eines eisernen Reitersporns, mittlerweile der zweite dieser Art, ebenso eine eiserne Wangenklappe eines Helmes (?). In einem Geländemodell wird die Gliederung des Geländes in einzelne abgestufte Podien deutlich; die Fundverteilung korrespondiert damit teilweise sehr deutlich.

Die Organisation

Die Gesamtleitung und Organisation obliegt Dr. Karl-F. Rittershofer von der Römisch-Germanischen Kommission des DAI in Frankfurt. In einer für Deutschland wohl beispiellosen Art und Weise hat er zahlreiche Vereine, Firmen und Geschäfte zum Sponsoring angeworben sowie die Unterstützung von öffentlichen Organisationen (z.B. THW) und nicht zuletzt auch der Bevölkerung gewonnen, die bei Führungen und Vorträgen teilweise große Summen spenden. Die Sponsorenliste wird in jedem Jahr länger, und wir können allen gar nicht genug danken; nur beispielhaft zu erwähnen sind die FH Giessen-Friedberg, die uns in diesem Jahr die Computerausstattung stellte, oder die Firma Schunk, die uns täglich rund 40 warme mehrgängige Mittagessen stiftet.

Darüber hinaus arbeiten alle Helfer kostenlos auf der Grabung, d.h. ohne Bezahlung - aber mit "All Inclusive"-Verpflegung und freier Unterkunft in Zelten beim Vogelsberg-Wanderheim. Eine besonders wertvolle Unterstützung ist dabei dem Dünsberg-Verein zu verdanken, der stets Spenden sammelt; sogar die Erlöse des diesjährigen Keltenfestes kommen vollständig der Grabung und der Restaurierung der Metallfunde zugute. Letzteres ist der größte Posten, den es zu bewältigen gilt, weil sonst die Funde weder wissenschaftlich beurteilt noch erhalten und ausgestellt werden können. Daher bitten wir auch an dieser Stelle um Spenden speziell für die Restaurierung. Die Spendenkonten (Stichwort "Ausgrabungen Dünsberg") lauten: KtNr. 265 3699 bei der Volksbank Heuchelheim (BLZ 513 610 21) und KtNr. 590 001 25 bei der Sparkasse Wetzlar (BLZ 515 500 35). Der Dünsberg-Verein ist als gemeinnützig anerkannt und wird den Spendern auf Wunsch steuerwirksame Quittungen ausstellen. K.-F. Rittershofer ist auch der Herausgeber der Publikationsreihe "Forschungen zum Dünsberg", in der bereits zwei Bände erschienen sind. Die rund 80 Mitarbeiter, die in diesem Jahr wieder ehrenamtlich auf der Grabung ihren Urlaub verbracht haben, setzen sich aus allen Alters- und Berufsgruppen zusammen. Alle sind aber aus reinem Interesse und Begeisterung für die Archäologie dabei - viele Rentner oder Hausfrauen aus der Umgebung, Vermesser aus Norddeutschland, Journalisten, Lehrer, Schüler, Ärzte, Softwaredesignerin.... Für internationales Flair sorgten ein Neuseeländer, zwei Basken, zwei Slowakinnen, zwei in Saudi-Arabien wohnende Amerikaner und ein Brite.

Wir hoffen, auch in den nächsten Jahren die Grabung in dieser Form fortsetzen zu können. Zielsetzung ist etwa die Nachuntersuchung des 1907 ausgegrabenen Schulborn, einem holzverschalten großen Brunnenkasten; möglicherweise hat sich hier Holz erhalten, das zur Dendrodatierung verwendet werden kann. Mittlerweise hat sich ein "fester Kern" gebildet von erfahrenen Mitarbeitern, der sich mit jeder Kampagne erweitert und für eine Kontinuität und Wahrung der Qualität der wissenschaftlichen Ergebnisse garantiert. Nicht zuletzt ist es die positive und zwanglose Atmosphäre, wodurch alle Mitarbeiter freiwillig das Beste geben - eine Grabung, die einfach Spaß macht!

Zur Konstruktion der Wallanlage konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden - schräge Zuganker waren als Hohlräume erhalten, die Frontpfosten konnten ebenfalls dokumentiert werden. Eine Überraschung war ein Spitzgraben UNTER dem Wall, der einen etwas abweichenden Verlauf als der Wall hatte - eine Vorgängerphase? Dies ist an dem nur 5 m breiten Stück schwer zu beurteilen, zumal nur einige Meter weiter westlich ein deutlicher Graben VOR dem Wall zu erkennen ist. Die Waffenfunde - auch römische Waffen wie z.B. Schleuderbleie - im südlichen Vorfeld sind möglicherweise mit einem oder mehreren Kämpfen zwischen Kelten und Römern in Verbindung zu bringen; eine neue Deutung als Kultplatz ist ebenfalls zu diskutieren.

Am Nordende des Schnittes konnte im letzten Jahr der erste Hausgrundriss dokumentiert werden; als untere Begrenzung fand sich ein schräg verlaufender kleiner Drainagegraben, die Fundkonzentration v.a. von Keramik war in diesem Bereich deutlich höher. Im Profil ist ein Geländeknick erkennbar, es handelt sich also um ein oberflächig komplett verschliffenes Podium.

Im Bereich zwischen der unteren Grabung und dem Weg, der durch das Tor 4 führte, war bei geomagnetischen Prospektionen eine längliche Struktur erkennbar; daher wurde hier ein schmaler Suchgraben angelegt. Die Funddichte war im Vergleich zu den anderen Flächen gering. Im Ostteil konnte ein schmaler Spitzgraben dokumentiert werden, der schräg in Richtung SO verläuft. Für einen Verteidigungsgraben ist er viel zu flach und schmal, als Drainagegraben würde man eine humosere oder lehmigere und evtl. fundreichere Füllung erwarten. Im Mittel- und Westteil wies der anstehende Fels treppenartige Abstufungen auf. Es ist nicht sicher, ob diese Abtreppung natürlichen Ursprungs ist oder in keltischer Zeit angelegt wurde. Die geomagnetischen Anomalien könnten aber dadurch erklärbar sein. Neben einigen Scherben sind besonders zwei Fibelfragmente, möglicherweise ein Tüllenbeilfragment sowie eine Vierkantspitze mit Dornschäftung zu erwähnen.

Literatur

  • K. Reeh, Der Dünsberg und seine Umgebung. Eine Bestandsaufnahme der Bodendenkmäler. Forsch. Dünsberg 1 (Montagnac 2001).
  • K.-F. Rittershofer, Forschungen am Dünsberg. Teil I: Vorbericht zu den Ausgrabungen am Dünsberg 1999-2001. Ber. Komm. Arch. Landesforsch. Hessen 6, 2000/2001, 125-133.
  • Ch. Schlott, Zum Ende des spätlatènezeitlichen Oppidum auf dem Dünsberg (Gem. Biebertal-Fellingshausen, Kreis Gießen, Hessen). Forsch. Dünsberg 2 (Montagnac 1999).
  • J. Schulze-Forster, Forschungen am Dünsberg. Teil II: Kampf und Kult am Dünsberg. Zu den Funden der Ausgrabungen 1999-2001. Ber. Komm. Arch. Landesforsch. Hessen 6, 2000/2001, 135-146.

Kontaktadressen

Dr. Karl-F. Rittershofer - Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailrittershofer(at)rgk.dainst.de
Dr. Claudia Nickel - Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailc_nickel(at)t-online.de

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www.keltenstadt.de