Eisenzeitliche Fischereianlage im Bruckgraben im südlichen Federseeried, Gde. Oggelhausen, Kreis Biberach

von: Dr. Joachim Köninger
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EisenzeitSeeufersiedlungErnährung

Während am Bodensee mit dem Ende der Pfahlbausiedlungen um 800 v. Chr. in der späten Bronzezeit auch die Nachweise prähistorischen Fischfangs ausbleiben, finden sich im Federseeried Fundplätze und Siedlungsspuren der frühen Hallstattkultur, die ins 7. und 6. vorchr. Jh. datieren.

In den Jahren 1994 bis 2000 wurden im Gewann Bruckgraben auf Gemarkung Oggelshausen im südlichen Federseeried in hallstattzeitlichen Fundstellen Leitwerksysteme und Behausungen aufgedeckt, die offenbar zu einer zusammenhängenden Fischfanganlage gehören. Die Anlage befindet sich in der Südostbucht des Federsees, wo etwas weiter südlich bereits im Jungneolithikum durch Netzsenkerfundstellen Fischfangplätze angezeigt sind. Sie liegt damit in einem Gewässerabschnitt des Federsees, der begünstigt durch die Mündung des Federbaches, für den Fischfang besonders geeignet gewesen sein dürfte.

Der untersuchte Bereich der hallstattzeitliche Anlage erstreckt sich auf eine Fläche von etwa 300 x 100 m und bildet mit den 1,5 km weiter südlich gelegenen "Landestellen" bzw. "Anlegestellen für Kähne", wie O. Parets in den Zwanziger Jahren schrieb, am Ufer des ehemaligen Federbaches möglicherweise eine funktionale Einheit.

Die in Ausschnitten aufgedeckten Leitwerke im Bruckgraben bilden Trichter, die dem See zu nach Norden offen sind und zwischen den Pfostengevierten der abgehoben konstruierten Behausungen enden. Eine der in kleinen Sondierschnitten erfassten Behausungen (Hütte 4) wurde vollständig aufgedeckt. Sie besaß eine Grundfläche, gemessen zwischen dem Pfostengeviert von 2 m x 3 m, wobei das etwas breitere Pfostenjoch im Norden dem Grundriß eine leicht trapezoide Form verleiht. Reste von Hüttenboden-Wänden und von der Dachkonstruktion sind spärlich, sie wurden offenbar weitgehend durch spätere Transgressionen beseitigt oder sind vor der konservierenden Überdeckung durch Torf- und Muddeschichten, vergangen. Hitzespuren an Molasseplatten, die zwischen den Pfosten lagen, stammen vermutlich aus einer Feuerstelle.

Nach Ausweis der unter einem zentralen Kulturschichtpaket liegenden Mudden stand die Anlage, im 1,5 bis 2 m tiefen, offenen Wasser. Eine große Anzahl von Keramik und Knochenabfälle verleihen der Kulturschicht im Hüttenbereich siedlungsartigen Charakter. Allerdings finden sich unter den Knochenabfällen kaum Reste von Haussäugern. Es dominieren Wildsäuger- und -vogelknochen. Ebenso fehlen weitgehend Getreidereste im Spektrum der systematisch genommenen und inzwischen durch U. Maier untersuchten botanischen Proben. Fischreste sind dagegen zahlreich vorhanden. M. Uerpmann konnte überwiegend Hechtknochen identifizieren.

Die Leitwerke von Behausung 4 sind mit einem weiteren Leitwerktrichter verbunden, der unter Hütte 1 endet. Das Leitwerksystem umfaßt somit zwei Behausungen und ist etwa 50 m breit. Insgesamt konnten drei solcher Leitwerksysteme nachgewiesen werden, ein weiteres System befindet sich wahrscheinlich unentdeckt im abgebohrten Fundareal zwischen den Systemen 2 und 4.

Die Leitwerke selber lassen mehrere Phasen erkennen. Einer leichten Bauweise aus Haselstangen, die faschinenartig zwischen dünne Eschenstangen gedrückt wurden, folgen massivere Konstruktionen aus dicht beieinander stehenden vertikal ein die Mudden gedrückten Buchen- und Eschenbrettern. Möglicherweise bestanden die ältesten Leitwerke aus Netzen, die an Eschenstangen aufgehängt waren, die zahlreich im Bereich der Leitwerkfluchten anzutreffen sind und offenkundig nicht ausschließlich zu den faschinenartigen Leitwerkkonstruktionen gehören. Zwei Netzschwimmer aus Rinde sind möglicherweise solchen Stellnetzen zuzurechnen.

Die überaus deutliche Dominanz der Hechtknochen im Spektrum der Fischfauna legt nahe, daß die Anlage im Bruckgraben auf den Hechtfang spezialisiert war. Diese Spezialisierung bedeutet aber, daß sie nur saisonal in Betrieb war, da Hechte in größeren Mengen nur im Frühjahr anzutreffen sind, wenn sie zum Ablaichen flachere Gewässerabschnitte aufsuchen. Vergleichbar zur Laichzeit betriebener Hechtfang ist bis ins beginnende 20. Jh. etwa am Bodensee belegt. Bemerkenswerterweise ist im Spektrum der Hechtreste vom Bruckgraben fast ausschließlich der Kopfbereich vertreten, auch die größeren und robusteren Teile des postcranialen Skelettes, wie etwa die Wirbel, fehlen weitgehend.

Anhand des Gesamtbefundes ließe sich also die Funktion der Anlage im Bruckgraben wie folgt beschreiben: Die im Frühjahr zur Laich in die Federbachmündung und in südlich der Anlage gelegene flache Buchtabschnitte ziehenden Hechte wurden durch die Leitwerksysteme abgefangen und unter die Behausungen geführt, wo sie in Reusen oder Netzen gefangen und aus dem Wasser gezogen werden konnten. Der gefundene zweizinkige Spieß aus einer Haselstange diente hierbei vielleicht zum Stechen der Hechte.

Andernfalls sollten auch Hechtwirbel in angemessener Zahl unter den Fischresten vorhanden sein. Lediglich die Hechtköpfe, sozusagen der Abfall wurde gelegentlich angebraten, wie dies angesengte Fragmente des Kopfskeletts belegen. Die "Filetstücke" wurden demnach von der Fangstation in die eigentliche Siedlung gebracht und dort vermutlich haltbar gemacht. Die Fangmenge aus der "industrieartig" anmutenden Fanganlage dürfte den Eigenbedarf der Fischer bei weitem überstiegen haben und es ist daher zu vermuten, daß die Hechte vom Bruckgraben zumindest in die nähere Umgebung verhandelt wurden.

Jahrringanalysen an den Hölzern vom Bruckgraben, die A. Billamboz am Dendrochronologischen Labor in Hemmenhofen durchführte, ergaben Fälldaten mit Waldkante zwischen 730 und 621 v. Chr. Durch die Schlagdatenverteilung ist es wahrscheinlich, daß die einzelnen Fangsysteme gleichzeitig betrieben wurden. Insgesamt dürfte die über 100 Jahre lang genutzt Fischfanganlage ein fester Bestandteil des früheisenzeitlichen Siedlungsmusters zwischen Federsee und oberer Donau gewesen sein.

Weitere Informationen im Internet

Eine Zusammenstellung des Internetangebotes zum Thema finden Sie im Bereich Seeufersiedlungen im Guide von Archäologie Online