In Wasser, Torf und Mudde

Das Moordorf von Reute

von: Dr. Martin Mainberger
veröffentlicht am
NeolithikumSeeufersiedlung

Unweit der Stadt Bad Waldsee, inmitten des oberschwäbischen Hügellandes, liegt die Ortschaft Reute und das Schorrenried. 1934 stießen hier Arbeiter auf Knochen und Tonscherben, die der Dorfschullehrer als steinzeitliche Funde identifizierte. Schon bald nach einer kleinen, von Oskar Paret geleiteten Nachgrabung geriet das Schorrenried wieder in Vergessenheit.

Erst ein halbes Jahrhundert später nahmen Archäologen des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg den Faden der Forschung in dem kleinen Ried wieder auf - und stießen auf erstaunliches: Teilweise unmittelbar unter der Oberfläche lagen Befunde, wie man sie seit den großen Ausgrabungen im Federseeried der 20er und 30er Jahre nicht mehr hatte dokumentieren können. Im Moor versunken, in Torf und Mudde erstaunlich lebendig geblieben waren Zeugnisse des gesamten Alltagslebens steinzeitlicher Waldbauern - vom Stampflehmboden bis zum Getreidekorn, von der Steinaxt zum kompletten Geschirrsatz. Wie die Dendrodaten der Bauhölzer verraten, war das Dorf bald nach seiner Errichtung ab dem Jahr 3738 wieder verlassen worden: eine Momentaufnahme also, ein Schlaglicht auf Umwelt, Wirtschaft und Technologie des 4. vorchristlichen Jahrtausends.

Wie Bohrungen und Aufschlüsse zeigen, handelte es sich bei den heutigen Riedflächen, in denen die Fundstelle liegt, ursprünglich um ein offenes, glaziales Gewässer; die Siedlung lag auf einer bereits vertorften Landzunge. Siedlungsreste lagen sowohl auf diesem Torfhorst als auch in den seewärts angrenzenden Seeablagerungen.

Die auch heute noch mit Grundwasser gesättigten, etwas tiefer liegenden ehemaligen Randbereiche der Siedlung enthielten noch Reste von insgesamt zehn Gebäuden. Wir wissen deshalb einiges über die Bauweise und Größe der Häuser: Das am weitestgehenden erhaltene Gebäude weist einen Grundriß von 4m auf 6m auf, war ebenerdig, direkt auf Torf gebaut und nach OSO orientiert. Das Haus war rechteckig und hatte wohl ein Satteldach. Deneben gab es am nördlichen Siedlungsrand wohl auch vom Untergrund abgehobene "Pfahlbauten" - offenkundig der Speicherhaltung und anderen Sonderfunktionen vorbehaltene Gebäude. Insgesamt konnten 31 Gebäudeeinheiten nachgewiesen werden.

Von Inneneinrichtungen der Häuser sind, von den schweren, mit Steinen gemauerten Feuerstellen einmal abgesehen, nur noch die Gerätschaften des Alltagslebens erhalten. Vielleicht der wichtigste Einrichtungsgegenstand war die Sattelmühle zum Mahlen des Getreides, ebenso lebensnotwendig das Feuerzeug aus Feuerstein. Zur Grundausstattung gehörte daneben ein Satz unterschiedlicher keramischer Gefäße, ein Holzgefäß, Klopf- und Schleifsteine, Messer, Bohrer und Kratzer aus Feuerstein sowie verschiedene Jagdgeräte wie Netze und Pfeilbögen. Einen Sonderfall stellen offenbar die abgehobenen Häuser dar: In einem davon fanden sich die Reste eines Frauenreliefs, vielleicht ein Hinweis auf kultische Funktionen des Gebäudes.

Überraschenderweise erhält man aber nicht nur Einblicke in funktionale, sondern auch in "kulturelle" Differenzierungen: Das insgesamt 7000 Funde umfassende Fundinventar der Siedlung weist sowohl Elemente der "Pfyner Kultur", die man vor allem vom Bodensee kennt, als auch der "Altheimer Gruppe" Bayerns auf; Reute gehört damit zur "Pfyn-Altheimer Gruppe Oberschwabens", einer archäologischen Kultur, die im 38. Jhdt. v.Chr. im gesamten zentralen Oberschwaben faßbar wird. In "Haus I" lassen sich nun ausschließlich "Altheimer" Elemente nachweisen, "Haus X" enthält hingegen nur solche Elemente, die wir mit der Pfyner Kultur verbinden.

Berühmt geworden ist Reute wegen seiner zahlreichen Holzfunde. Ein sehr bemerkenswertes Gerät ist ein 1,60m großes Artefakt aus einem gegabelten Buchenstamm, über dessen Funktion wir noch immer rätseln. Möglicherweise handelt es sich um eine "Astschleife", die an einem Rindergespann angeschirrt wurde. Ebenfalls kontrovers diskutiert werden noch die zahlreichen Pferdeknochenfunde, bei denen sich starke Hinweise auf die Nutzung des Pferdes als Haustier finden - in unserem Raum angesichts des hohen Alters dieser Funde eine kleine Sensation. Der wissenschaftlich wichtigste Einzelfund ist aber sicher ein Dolch aus Arsenkupfer. Zusammen mit einem kleinen Drahtstück und einem Gußtiegel zum Aufschmelzen und Gießen des Rohkupfers handelt es sich um den ältesten Beleg für Kupfermetallurgie im ganzen zentralen Mitteleuropa.

Vor allem mit diesem Fund steht Reute in einem riesigen kulturellen Beziehungsnetz. Besonders eng scheinen die Beziehungen nach Osten, entlang der tradtionellen Verkehrsachse donauabwärts gewesen zu sein. In dieser Richtung, nämlich im österreichischen Mondseeraum, liegen nicht nur die Lagerstätten des Kupfers, sondern auch eines besonders wertvollen Importsilex. Auch die Herkunft der Reutener Pferde ist in dieser Richtung zu suchen. Gleichzeitig werden aber auch neue Routen erschlossen: Als Rohmaterialstätten und als potentielle Weiden verlieren die Berge offenkundig zunehmend ihren lebensfeindlichen Charakter. Wege über die Alpen eröffnen sich. Im Fundmaterial von Reute schlägt sich dies z.B. mit "Nierenförmigen Webgewichten", die ihre nächsten Vorkommen in der norditalienischen Lagozza-Kultur haben, nieder. Sileximporte aus der Gardasee-Gegend lassen sich ebenfalls nachweisen. Umgekehrt nehmen am südlichen Alpenrand die Hinweise auf kulturelle Kontakte nach Norden zu. Es kann also kaum einen Zweifel geben, daß bereits Ötzis Ahnen Alpenpässe überwanden.

Vieles deutet darauf hin, daß Reute mit seiner Lage am Nordrand des Schussentals, im Kreuzungspunkt der beiden Achsen Donau und Rhein, eine nicht unbedeutende Rolle im Verkehrssystem seiner Zeit spielte. Vielleicht steht die Fülle exotischer, ungewöhnlicher Funde mit dieser Funktion im Zusammenhang.

Literatur

  • M. Mainberger, Das Moordorf von Reute. Mit Beiträgen von A. Billamboz, A. Feldtkeller, A. Hafner, P. Kieselbach, I. Matuschik, A.F. Pawlik, H. Schlichtherle, E. Schmidt (Staufen 1998).
Weitere Informationen im Internet

Eine Zusammenstellung des Internetangebotes zum Thema finden Sie im Bereich Seeufersiedlungen im Guide von Archäologie Online