Refugien der Macht

Alamannische Höhensiedlungen am Oberrhein

von: Dr. Michael Hoeper
veröffentlicht am
AlamannenWehrbauten

Die germanische Besiedlung Südwestdeutschlands beginnt am Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. Der Obergermanisch-Raetischen Limes wird von den Römern aufgegeben. Römische Verwaltung und Militär ziehen sich an Rhein und Donau als neue Grenzlinie zurück. Nun steht dieses Gebiet, das sogenannte »Dekumatland«, den Germanen zur Besiedlung offen. Sie scheinen jedoch nur zögernd diese neuen Gebiete zu besiedeln. Erst im frühen 4. Jahrhundert lassen sich vereinzelte Siedlungen und Bestattungsplätze im Breisgau und der Ortenau archäologisch nachweisen.

Von diesen bäuerlich orientierten Siedlungen in der Rheinebene heben sich die am Schwarzwaldrand gelegenen Höhensiedlungen ab. Sie zeichnen sich vor allem durch reichen Schmuck, kostbare Gläser, zahlreiche Waffen und Werkzeuge sowie römische Importfunde aus. Daher deutete man diese Höhensiedlungen als Fürstensitze. Man sah in ihnen die Residenzen der in den römischen Geschichtsbüchern genannten alamannischen Fürsten und Kleinkönige. Vermutet wurde, daß sie auf diesen Höhen mit ihren Familien und ihrem Gefolge lebten. Schriftlich überliefert sind uns als Anführer die Brüder Gundomad und Vadomar für den Breisgau und für die Ortenau Chnodomar. Jedoch berichten uns die römischen Quellen nicht von dauerhaft bewohnten Höhensiedlungen oder Befestigungen bei den Alamannen. Erwähnt wird lediglich, daß sie sich bei Gefahr auf unzugängliche Höhen tief in den Wäldern zurückziehen. So läßt sich das Phänomen der Höhensiedlungen hauptsächlich von der Archäologie beschreiben und erklären.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lassen sich in Südwestdeutschland über 60 solcher Höhensiedlungsplätze nachweisen. Der Forschungstand ist jedoch sehr unterschiedlich. Bei vielen läßt sich aufgrund von geringem Fundmaterial eine Höhensiedlung nur vermuten. Lediglich fünf Plätze konnten in kleineren bis größeren Flächen archäologisch untersucht werden. Zu ihnen gehört der Glauberg in der Wetterau, die Wettenburg in der Mainschleife bei Wertheim, der Rund Berg bei Bad Urach, der Geißkopf bei Offenburg und der Zähringer Burgberg bei Freiburg.

Der Runde Berg - Fürstensitz par exelance

Lange Zeit war das Bild der Höhensiedlungen vor allem durch die Ausgrabungen auf dem Runden Berg bei Urach bestimmt - einer plateauartigen Bergkuppe am Nordrand der Schwäbischen Alb, die in den Jahren 1967 bis 1984 vollständig untersucht wurde. Die Deutung der zahlreich ergrabenen Siedlungsbefunde ist schwierig, da der Berg intensiv von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter besiedelt wurde. Um so mehr ist das umfangreiche Fundmaterial zu deuten. Einige Waffen und Teile spätrömischer Militärgürtel belegen für das 4. und 5. Jahrhundert die Anwesenheit germanischer Krieger. Keramikgefäße, Frauenschmuck, Spinnwirtel und Webstühle weisen darauf hin, daß sie hier mit ihren Familien lebten. Daß es sich bei diesen Familien um eine Gruppe von herausragender sozialer Stellung handelt, legen vor allem die zahlreichen Fragmente kostbarer Gläser nahe. Daneben deuten zerschnittene und angeschmolzenen Bronzefragmente, Silberbarren und Werkzeuge auf Goldschmiede hin. Ihre Spuren finden wir nur auf den Höhensiedlungen; ebenso wie die zahlreichen römischen Funde, die durch Handel, als Geschenke oder gar durch Raub den Weg auf die Höhen fanden. Es gefiehl der elitären Bevölkerung der Höhensiedlungen offensichtlich, aus römischen Gläsern zu trinken und die Speisen auf römischem Tafelgeschirr darzubieten.

Für das 4. und 5. Jahrhundert läßt sich für den Runden Berg das Bild eines Fürstensitzes nachzeichnen. Im Gegensatz zu einigen anderen Höhensiedlungen Südwestdeutschlands wird der Runde Berg bis zum Anfang des 6. Jahrhunderts besiedelt, bevor nach einer Besiedlungslücke eine weitere Nutzung des Platzes erfolgt. Daß jedoch nicht alle Höhensiedlungen diesem Bild eines Fürstensitzes entsprechen und jeder Platz seine individuellen Züge aufweist, konnten die neuen Forschungen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Freiburg auf dem Zähringer Burgberg und dem Geißkopf im Oberrheintal zeigen.

Der Zähringer Burgberg - Herrschaftszentrum der Breisgaubewohner

Auch auf dem Zähringer Burgberg nördlich von Freiburg lebten ranghohe Krieger mit ihren Familien, was durch Funde belegt ist. Neben den Fragmenten römischer Glasbecher und römischer Keramik kamen kerbschnitt- und punzverzierte Gürtelteile von spätrömischen Militärgürteln zu Tage. Einige dieser Teile sind angeschmolzen, andere in kleine Teile zerschnitten. Sie belegen ebenso wie auf dem Runden Berg die Tätigkeit von Feinschmieden an diesem Platz. Produkte dieser Feinschmiede waren möglicherweise die zahlreichen germanischen Trachtbestandteile und der Schmuck aus Bronze und Silber, der auf dem Berg gefunden wurde. Vornehme Frauen haben diesen Schmuck im 4./5. Jahrhundert hier verloren.

Ein gravierender Unterschied zu allen anderen Höhensiedlungen sind jedoch die gewaltigen Umgestaltungen, die durch die Alamannen auf dem Zähringer Burgberg vorgenommen wurden. Die Kuppe des Berges nimmt eine Fläche von ca. 5 ha ein, in deren Mitte auf einem erhöhten Felsmassiv die Ruinen der mittelalterlichen Burg Zähringen stehen. Die Ausgrabungen haben erkennen lassen, daß der Berg, um ebene Siedlungsflächen zu schaffen, rund um die hochmittelalterliche Burg künstlich zu einem Plateau umgestaltet worden ist. Diese Umgestaltung hatte die teilweise Zerstörung und Überdeckung von steinzeitlichen und frühkeltischen Siedlungsresten zur Folge. Beim Bau dieser Terrassenanlagen wurden nach hypothetischen Rechnungen etwa 200 000 Kubikmeter Steine gebrochen und verbaut. Diese im Laufe des 4. Jahrhundert erfolgten gewaltigen Umbaumaßnahmen zur Schaffung eines repräsentativen Wohnsitzes setzen eine entsprechende Organisation und eine große Anzahl von Arbeitern voraus, die man sich nur unter der Regie eines Fürsten oder Kleinköniges vorstellen kann, wie sie in den römischen Schriftquellen genannt werden. Ob es sich beim Zähringer Burgberg möglicherweise um den Sitz einer der für den Breisgau genannten Brüder Gundomad oder Vadomar handelt, muß jedoch offen bleiben. Bisher gibt es dafür keine eindeutigen Belege.

Um die Mitte des 5. Jahrhunderts wird diese repräsentative Höhensiedlung, wie viele andere Höhensiedlungen in Südwestdeutschland, aufgegeben und ihre Bewohner ziehen vermutlich in die Ebene (siehe Beitrag Ch. Bücker: Grabfunde von Wyhl).

Der Geißkopf - ein militärischer Stützpunkt

Daß dieses Bild der Höhensiedlungen als Herrensitz oder Stammesmittelpunkt nicht allgemein auf alle Berge mit derartigen Funden übertragbar ist, legen vor allem die jüngsten Ausgrabungen auf dem Geißkopf bei Offenburg in der Ortenau nahe. Der am südlichen Ausgang des Kinzigtales gelegene Platz erbrachte keine eindeutigen Siedlungsbefunde (Abb. 5). Durch die Ausgrabungen konnte jedoch ein immenses Fundmaterial aus dem 4./5. Jahrhundert geborgen werden, das sich in seiner Zusammensetzung vom Runden Berg und dem Zähringer Burgberg unterscheidet.

So fehlen Fragmente von Glas- und Keramikgefäßen fast völlig, ebenso wie Frauenschmuck. Immens ist dagegen die Zahl der Werkzeuge. Löffelbohrer, Hobeleisen, Hämmer, Schmiedezangen, Steckambosse sowie Punzen belegen ebenso wie Schmiedeschlacken und zum Wiedereinschmelzen bestimmter Bronzeschrott, daß hier Holzhandwerker, Grobschmiede und Goldschmiede intensiv tätig waren. Die überaus zahlreichen Waffenfunde wie Lanzenspitzen, Streitäxte, Bolzen- und Pfeilspitzen lassen an eine beträchtliche Zahl an Kriegern denken, die sich auf dieser Bergkuppe niedergelassen hatte.

Darauf weist auch die überaus große Zahl von Beschlägen spätrömischer Militärgürteln, die in solcher Menge von noch keiner Höhensiedlung bekannt ist. Wie die römischen Soldaten trugen auch die alamannischen Krieger ihrem Rang entsprechend kunstvoll verzierte Waffengürtel. Diese Gürtel wurden anfänglich in römischen Waffenfabriken hergestellt und gehörten zur römischen Militärausstattung. Durch ihren Dienst im römischen Heer erwarben viele Germanen diese Gürtel, die bei ihnen zur Mode wurden und später auch auf den Höhensiedlungen selbst hergestellt wurden. Auch zwei römische Zwiebelknopffibeln belegen, daß die auf dem Geißkopf ansässigen Krieger Dienst im römischen Heer geleistet haben. Zwiebelknopffibeln wurden von römischen Offizieren und Beamten zum Zusammenhalten des Mantels getragen. Doch auch Germanen wie die Alamannen, in den höheren Rängen des römischen Heeres, wurden mit diesen Fibeln ausgezeichnet.

Für den Geißkopf ergibt sich so das Bild einer kriegerisch geprägten Höhensiedlung die eher als militärischer Stützpunkt denn als Fürstensitz zu interpretieren ist. Durch seine strategische Lage am südlichen Ausgang des Kinzigtales und eine Höhensiedlung gegenüber auf dem Kügeleskopf am nördlichen Talausgang ist an einen alamannischen Stützpunkt im Vorfeld des römischen Straßburg (Argentorate) zu denken.

Fazit

Die dargestellten Beispiele zeigen, daß nicht jeder Berg mit Fundmaterial des 4./5. Jahrhunderts pauschal als Höhensiedlung im Sinne eines Fürstensitzes interpretiert werden kann. Vielmehr deuten sich bei diesen Plätzen die verschiedensten Funktionen an. Vor allem Höhen, die bisher nur eine geringe Menge an Fundmaterial erbrachten, könnte man in Anbetracht der historischen Überlieferung als kurzfristige Rückzugsräume der alamannischen Bevölkerung sehen. Die Unterschiedlichkeit dieser Plätze und ihrer möglichen Funktionen macht eine weitere Erforschung der Höhensiedlungen spannend und wird in Zukunft mehr Einblicke vielleicht auch in die Siedlungsbebauung geben können.

Literatur

  • Bernhard, H. u. a. (1991): Der Runde Berg bei Urach. Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg 14 (Stuttgart 1991).
  • Bücker, Ch. (1994): Die Gefäßkeramik der frühalamannischen Zeit vom Zähringer Burgberg, Gem. Gundelfingen, Kr. Breisgau-Hochschwarzwald. In: H. U. Nuber/K. Schmidt/H. Steuer/Th. Zotz (Hrsg.), Römer und Alamannen im Breisgau. Archäologie und Geschichte 6 (Sigmaringen 1994) 125-232.
  • Hoeper, M. (1996): Der Geißkopf bei Berghaupten/Ortenau - eine völkerwanderungszeitliche Höhensiedlung im Spannungsfeld zwischen Römern und Alamannen. Archäologische Nachrichten aus Baden 55, 1996, 15-25.
  • Hoeper, M. (1998): Die Höhensiedlungen der Alemannen und ihre Deutungsmöglichkeiten zwischen Fürstensitz, Heerlager, Rückzugsraum und Kultplatz. In: D. Geuenich (Hrsg.), Die Franken und die Alemannen bis zur "Schlacht bei Zülpich" (496/97). Ergbde. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 19 (Berlin, New York 1998) 325-348.
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  • Steuer, H. (1990a): Die Alamannen auf dem Zähringer Burgberg. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 13 (Stuttgart 1990).
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  • Steuer, H. (1997): Herrschaft von der Höhe. Vom mobilen Soldatentrupp zur Residenz auf repräsentativen Bergkuppen. In: Die Alamannen (Stuttgart 1997) 149-162.