Mado wo akeru - Ein Fenster öffnen

Untersuchungen an Alamannenschwertern in Japan

von: Dr. Stefan Mäder
veröffentlicht am
AlamannenWaffen & Werkzeuge

In Japan werden aus Grabhügeln des 5. bis 8. Jahrhunderts n.Chr. Schwerter geborgen, deren Zustand dem europäischer Bodenfunde entspricht. Sind diese Schwerter nicht vollständig korrodiert, d.h. weisen sie der Röntgenanalyse zufolge noch einen soliden Stahlkern auf, werden ausgesuchte Exemplare nach dem traditionellen japanischen Verfahren poliert. Auf diese Weise wird gewissermaßen ein Fenster zu den Eigenschaften des Stahls und den schmiedetechnischen Besonderheiten des jeweiligen Schwertes geöffnet (Ishii & Sasaki 1995, Abb. 1-10, 12, 14, 16 u. 18), die schon bei der Betrachtung mit bloßem Auge mit der Individualität eines Fingerabdrucks zutage kommen. Im Anschluß können die in der Stahloberfläche sichtbar gemachten Erscheinungen anhand der japanischen Terminologie beschrieben und ausgewertet werden.

Das Beproben und Anpolieren von sog. “eisernen” Bodenfunden für metallographische Untersuchungen mag aus der Sicht mancher heute angewandten Konservierungs- und Restaurationstechniken als fragwürdig erscheinen, da ein irreversibler Eingriff in die erhaltene Substanz eines Objektes vorgenommen wird. Dennoch haben solche Untersuchungen im Verlauf der Forschungsgeschichte Erkenntnisse von fundamentaler Bedeutung für material- und technikgeschichtlich ausgerichtete Fragestellungen erbracht. Abgesehen vom, im Vergleich zu metallographischen Längs- und Querschnitten, “zerstörungsarmen” Charakter der japanischen Methode, wäre für die Zukunft eine Überprüfung der japanischen und der am weitesten entwickelten europäischen Methoden auf Ergänzungsmöglichkeiten angebracht (Westphal 1986, 222 ff; 1991, 360 f.). Das “Öffnen eines Fensters”, wie das Anschleifen und Polieren einer isolierten Klingenpartie in Japan umschrieben wird, erhöht nicht nur den kulturgeschichtlichen Aussagewert eines Stückes, sondern stellt auch unter musealen Gesichtspunkten eine leicht nachvollziehbare Wertsteigerung dar. In Japan legen zahlreiche über 1000 Jahre alte Schwertklingen beredtes Zeugnis über die Möglichkeiten des Schwertpolierers zu ihrer langfristigen Erhaltung ab.

Im Winter und Frühjahr 1999 wurden ein alamannischer Sax und eine Spatha von der Außenstelle Freiburg des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg zur Verfügung gestellt und in Misato-shi, Saitama-Präfektur, Japan, von dem Schwertpolierer SASAKI Takushi bearbeitet. Dieser Schritt wurde unter Berücksichtigung des technologischen und metallographischen Erkenntnisstandes zu frühem europäischem Klingenstahl unternommen, der für die Durchführung des japanischen Polier- und Begutachtungsverfahrens an alamannischen Klingen ohne Ausnahme ein positives Ergebnis erwarten ließ. Im Verlauf des Aufenthaltes in Japan wurde der polierte Sax aus Bad Krozingen verschiedenen Autoritäten auf dem Gebiet der Klingenkunde vorgelegt. Der Schwertschmied AMADA Akitsugu, der 1998 vom japanischen Kultusministerium mit dem seltenen Status eines “Ningen Kokuhô” (“lebender Nationalschatz”) ausgezeichnet wurde, bescheinigte dem Stahl und der Machart der Waffe ein hohes kunsthandwerkliches Niveau und befürwortet weitere Untersuchungen auf dem hier vorgestellten Gebiet.

Die Summe der im Vorfeld gesammelten Argumente für die Anwendbarkeit eines auf japanischen Beurteilungskriterien basierenden Analyseverfahrens an europäischen Klingen war bereits 1961 von E.H. Schulz prägnant zusammengefaßt worden: “Der Grundcharakter eines Eisenerzeugnisses aus der Zeit vor der Gewinnung des schmiedbaren Eisens auf flüssigem Wege ist der gleiche, ob es lange vor Christi Geburt oder aber erst im 19. Jahrhundert hergestellt wurde.”

Vor dem Hintergrund der individuellen Variationsbreite dieses Grundcharakters, wie sie mittels der japanischen Politur auch für die beiden Klingen aus Baden-Württemberg nachweis- und definierbar gemacht werden konnte, ergeben sich für die Fragestellungen der Archäologie, Archäometallurgie und Blankwaffenkunde aufschlußreiche Einblicke in bisher unerforschte Bereiche frühgeschichtlicher Hochtechnologie. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, nochmals auf die Möglichkeiten der japanischen Verfahrensweise zum Nachweis von Qualitätsmerkmalen, Werkstättenkreisen und Handelsbeziehungen, hinzuweisen. Die im Zitat von E.H. Schulz zusammengefaßten Erkenntnisse archäometallurgischer Forschungen legen außerdem die Vermutung nahe, daß sich weitere Perspektiven auch für diachron angelegte Untersuchungen ergeben werden.

Im Verlauf der Forschungsgeschichte zu frühem Stahl und den daraus hergestellten Blankwaffen konnten bis heute umfangreiche Erkenntnisse gewonnen werden, die Antwort auf ein Spektrum spezifischer Fragestellungen der einzelnen Fachrichtungen gegeben haben. Auf dem Gebiet der archäologischen Forschung ist es nur in einem eng begrenzten Rahmen möglich, Klingen von oberflächlich gleichem Erscheinungsbild anhand stilistischer Unterschiede und Besonderheiten ihrer Fertigung in Gruppen einzuteilen. Waren die makroskopisch sichtbaren Befunde der allgemeinen Konstruktion (z.B. Torsionsdamast, gezahnte Schweißnaht, etc.) mit den gegenwärtig angewandten Methoden nicht nachweisbar, wurden eingehendere Untersuchungen zur Herstellungstechnik mit dem Hinweis, daß es sich um “undamasziertes”, bzw. “homogenes” Material handele von archäologischer Seite bisher unterlassen.

Durch die Ergebnisse physikalischer, chemischer und metallographischer Untersuchungen konnte der inhomogene und individuelle Charakter des frühgeschichtlichen bis hochmittelalterlichen Stahles seit den 50-er Jahren in größerem Umfang belegt werden. Dennoch war dieser erste Fingerzeig daraufhin, daß die Charakteristika von Klingen der frühen Schmiede zum Großteil in ihrer “Schweißeisenstruktur”, d.h. dem individuell aufbereiteten Stahl und den Variationsmöglichkeiten seiner Härtung, zu suchen sind, für die Fragestellungen der Archäologie bislang nicht auswertbar.

In westlichen Publikationen zur Völkerkunde, Archäologie, Kultur- und Technikgeschichte Ostasiens wurde dem ausgereiften japanischen System zur Kategorisierung von Schwertklingen mittels der oben beschriebenen Kriterien seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis in die 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein immer wieder Aufmerksamkeit zuteil. In diesen Publikationen wurde jedoch nur peripher auf die Grundvoraussetzung für eine umfassende Begutachtung eingegangen, die in Japan in Form eines seit über 1000 Jahren ausgeübten Schwertpolierhandwerks gegeben ist. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß das im Westen entwickelte Methodenspektrum zur naturwissenschaftlichen Analyse von Klingenstahl an japanischen Klingen mit Erfolg angewandt wurde und wird, unternahm Verf. in entgegengesetzter Richtung den Versuch, das altüberlieferte japanische Begutachtungsverfahren an zwei merowingerzeitlichen Klingen aus Baden-Württemberg auf seinen Aussagewert für die westliche Forschung hin zu überprüfen. Es handelt sich dabei um die ersten ausländischen Klingen, die für eine solche Untersuchung in Japan mit einer traditionellen Politur versehen wurden. Die auf den vorangegangenen Seiten angestellten Überlegungen sind als theoretische Grundlage für eine ausführliche Publikation derjenigen Ausblicke zu verstehen, die sich durch ein japanisches “Fenster” auf europäischen Klingenstahl des frühen Mittelalters ergeben.

Literatur

  • Emmerling, J., 1972 Technologische Untersuchungen an eisernen Bodenfunden. Alt-Thüringen Bd. 12, Weimar 1972.
  • Ishii, M./ Sasaki, K., 1995: Kodaitô to Tetsu no Kagaku ("Schwerter der Frühzeit und die Chemie des Stahles"), Tokyo 1995.
  • Kapp, L./ Kapp, H./ Yoshihara Y.: The Craft of the Japanese Sword, Tokyo &
    New York 1987.
  • Schulz, E.H., 1961: Über die Ergebnisse neuerer metallkundlicher Untersuchungen alter Eisenfunde und ihre Bedeutung für die Technik und die Archäologie. Köln, 1961, 73-106.
  • Smith, C.S., 1960: A History of Metallography; the development of ideas on the structure of metals before 1890. Chicago 1960.
  • Straube, H., 1996: Ferrum Noricum und die Stadt auf dem Magdalensberg, Wien/New York, 1996.
  • Westphal, H., 1984: Besondere Schweißtechnik an zwei Saxklingen des 7. Jahrhunderts von Lembeck (Stadt Dorsten); Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 2, 1984, 57-68.
  • ders., 1986: Ungewöhnliche Schweißtechniken und Dekorationen an zwei Saxen.des 8. Jahrhunderts. Restaurierung, Untersuchung, Dokumentation. Arbeitsblätter für Restauratoren, Mainz, Heft 1, 1986, Gruppe 1, 217-224.
  • ders., 1991: Untersuchungen an Saxklingen des sächsischen Stammesgebietes: Schmiedetechnik, Typologie, Dekoration. In: Studien zur Sachsenforschung 7, 1991, 271-365.


(Dieser Artikel erschien auch in: Ethnographisch - Archäologische Zeitschrift 41, 2000, 17-27)