»Klangschaften« im archäologischen Befund?

von: Dr. Dietrich Hakelberg
veröffentlicht am
Musikarchäologie

Daß sich im archäologischen Befund nur "materielle Kultur", also "Sachen" vergangener Gesellschaften überliefert haben, ist nichts Neues. Warum muß man das noch besonders hervorheben? Wie die Paläographie schriftliche Quellen für die Geschichtswissenschaft erschließt, werden mit archäologischen Methoden Befund und Funde im Boden "lesbar" gemacht und ihr Zusammenhang gedeutet. Die archäologischen Methoden ermöglichen es, Gesellschaften, die keinerlei schriftliche Überlieferung hinterlassen haben, zu erforschen. Ohne naturwissenschaftliche Methoden gäbe es weder absolute Datierungen noch umwelt- und wirtschaftsgeschichtliche Aussagen zum archäologischen Befund.

Überliefert werden im archäologischen Kontext aber nur die Überreste "materieller Kultur". Sprache, Geräusche und Gerüche sind flüchtig und gehören zu den immateriellen Lebensäußerungen, die sich auf archäologischem Wege nicht überliefern können. Der herkömmliche archäologische Kulturbegriff, der meist auf Keramiktypologie beruht, geht bei der Rekonstruktion vergangener Gesellschaften positivistisch nur von den Bodenfunden aus. Die Existenz von immateriellen Lebensäußerungen wird vernachlässigt, weil diese eben nicht unmittelbar nachzuweisen sind, und nur wenn aus heutiger Sicht unverständliche archäologische Befunde auftauchen, wird in einer Art Erklärungsnotstand auf spekulative Weise auf "geistige Kultur" geschlossen. Das Leben einer Gesellschaft äußert sich zweifellos durch mehr als nur durch die Produktion von Sachen und akustische Erscheinungen können sich auch materiell niederschlagen.

Durch Klangschaftskonzepte, wie sie Murray Schafer oder Reinhard Strohm vertreten haben, wurde auf die akustischen Dimensionen einer Kultur hingewiesen: wenn es eine materielle (Kultur)Landschaft gibt, dann gibt es in dieser fühlbaren Umwelt auch eine immaterielle "Klangschaft", die hörbar ist: Mörserstampfen, Mühlenklappern, das Pfeifen eines Zuges, Kindergeschrei, oder das Spiel einer Kapelle beispielsweise. Das Stampfen eines Dampfschiffes hört sich anders an als das Knarren eines Segelschiffes, und ein neolithisches Dorf klingt - und riecht - vermutlich anders als eine mittelalterliche Stadt. Ländliche Klangschaften werden sich durch Stille von lärmenden städtischen unterscheiden und industrielle Klangschaften aller Wahrscheinlichkeit nach von solchen aus vorindustrieller Zeit.

Verschiedenste Geräusche, Musik und Sprache mischen sich zu Klangschaften, die als orts-, zeit- oder kulturtypisch anzusehen sind. Familie, Arbeitsplatz, und Orte des Kultus etwa haben typische Klangschaften, die sich im Laufe von Tageszeiten und saisonal ändern können oder zyklisch wiederkehren, wie z. B. Glockengeläut. Klänge dienen als Signale, Musik der Unterhaltung oder dem Kultus. Jahrzehnte historischer und prähistorischer Geschichte sind von der Klangschaft geprägt worden, die den Krieg begleitet. Natürliche und künstliche Schallquellen aller Art sind die materiellen Urheber und damit theoretisch archäologisch nachweisbar. Archäologische Nachweisbarkeit garantiert aber nicht die Rekonstruierbarkeit von Geräuschen, Klängen, Sprache oder gar Musik vergangener Zeiten.

Verschiedene Schallgeräte und Musikinstrumente gehören auch zur "materiellen Kultur" und können in meist stark fragmentiertem Zustand im archäologischen Kontext überdauern und mit archäologischen Methoden zugänglich gemacht werden. Bestünde mit solchen archäologischen Funden doch die Hoffnung, auch gewisse Informationen zu den "Klangschaften" vergangener Epochen zu bekommen? Der Hoffnung hingegeben haben sich Musikwissenschaftler und Archäologen, die interdisziplinär versuchen, mithilfe archäologischer Funde von Musikinstrumenten und ikonographischer Überlieferung prähistorische und historische Musikkulturen in Ansätzen zu rekonstruieren und dafür den Begriff der sog. "Musikarchäologie" prägten.

Problematisch war, daß die Funde von Musikinstrumenten von den Archäologen oft nicht als solche erkannt, nicht publiziert und Musikwissenschaftlern damit auch nicht bekannt wurden. Wenn andererseits der archäologische Kontext des Musikinstrumentes vernachlässigt und eine reine Instrumentenkunde betrieben wurde, waren die Aussagemöglichkeiten der archäologischen Quelle stark eingeschränkt. Quellenkritik ist besonders im Hinblick auf die Datierung der Musikinstrumentenfunde zu üben. Die Vorteile archäologischer Quellen - in diesem Falle Musikinstrumente und deren Fragmente - sind eben Kontextinformation, Datierbarkeit und Authentizität, über die in den Museen auf uns gekommene Musikinstrumente oft nicht verfügen.

Aber auch aus historischen Epochen, die bereits im Licht von schriftlichen Quellen liegen, aus denen Notentexte und Musikinstrumente in Bibliotheken und Museen überliefert sind, gibt es archäologische Funde von Musikinstrumenten. Die Bodenfunde von Musikinstrumenten des Mittelalters und der Neuzeit spiegeln eine andere Dimension musikalischer Äußerung wider, als die über dem Boden überlieferten Instrumente aus derselben Zeit. Es gibt nur wenige Fragmente, die von höherentwickelten Musikinstrumenten der "Kunstmusik" herrühren, also etwa von Trompeten, Posaunen und komplexeren Holzblasinstrumenten. Im Fundmaterial der Stadtgrabungen aber sind kleine Flöten, Pfeifchen, tönerene Nachtigallen, Brummknochen und Maultrommeln allgegenwärtig. Im archäologischen Kontext finden sich nur höchst fragmentarische Spuren vergangener Musikkultur und wiederum nur aus ganz bestimmten alltäglichen Lebensbereichen.

Professionelle Musik der Neuzeit hat kaum Spuren hinterlassen, denn ein großes Streichinstrument oder eine Orgel gelangt kaum in den archäologischen Kontext. Ein komplexes professionell angefertigtes Musikinstrument ist ein Wertgegenstand, der kaum verloren geht oder im ganzen weggeworfen wird. Ein Blechblasinstrument wird recycelt, ein Holzblasinstrument verbrannt, wenn es ausgedient hat und es nicht pietätvoll über dem Boden deponiert wird. In Schiffswracks des 16.-17. Jahrhunderts, wie der Mary Rose (1545), der Batavia (1629) oder der Kronan (1676) wurden einige Musikinstrumente gefunden, die vom militärischem Kapellwesen an Bord zeugen: Trompeten, Streichinstrumente, Flöten und Trommelschlegel. Archäologische Befunde, die durch eine Katastrophe entstanden, überliefern Musikinstrumente im Kontext ihrer Verwendung und in sehr guter Erhaltung.

Es wird nie gelingen, auch nur ansatzweise die Musik einer prähistorischen Epoche hörbar zu machen. Macht man sich die Existenz vergangener Klangschaften einmal durch die Wahrnehmung der gegenwärtigen bewußt, so wird überdeutlich, wie wenig im archäologischen Befund materiell überliefert ist und wie sehr die archäologische Quellenlage immer noch in ihren Aussagemöglichkeiten überfordert wird. Sprache, Musik, die ganze Klangwelt eines neolithischen Dorfes beispielsweise wären wesentlich für den archäologischen Kulturbegriff, mehr als es Keramikfunde sind, sind aber mit keiner Methode mehr zu rekonstruieren. Der Begriff "Musikarchäologie" ist daher irreführend und reduziert die Vielzahl kultureller akustischer Äußerungen entweder auf einen Bereich, den man heute mit "Musik" bezeichnen zu können glaubt oder umfaßt undifferenziert alle hörbaren kulturellen Phänomene.

Experimentelle Versuche, aufgrund archäologischer Funde Flöten des Paläolithikums oder Hörner der Bronzezeit nachzubauen, zu spielen und als "musikarchäologisches" Forschungsergebnis zu verkaufen, sind zwar populäre Alternativarchäologie, können aber höchstens esoterische Ansprüche befriedigen. Im Boden überliefert sich nur der materielle Niederschlag eines ganz geringen Ausschnittes vergangener "Klangschaften". Dies können Musikinstrumente, aber auch andere Schallgeräte sein, die sicher nicht musikalischem Ausdruck gedient haben (z. B. Lockpfeifchen für die Jagd; Signalpfeile u.a.m.). Archäologische Funde aus historischer Zeit ergänzen die Überlieferung von Musikinstrumenten in den großen Museen und geben zusammen mit schriftlichen und bildlichen Quellen der instrumentenkundlichen Forschung neue Impulse.

Literatur

  • Bergonzi, B. (Hrsg. 1994): Period Backgrounds from the British Library National Sound Archive. 2 CD's (London 1994).
  • Corbin, A. (1984): Pesthauch und Blütenduft: eine Geschichte des Geruchs (Berlin 1984).
  • Hickmann, E. / Hughes D. (Hrsg. 1988): The Archaeology of Early Music Cultures. Third International Meeting of the ICTM Study Group on Music Archaeology, 3; Orpheus-Schriftenreihe zu Grundfragen der Musik, 51 (Bonn 1988)
  • Lawson, G. (1986): Conservation versus Restoration: towards a handling and performance policy for excavated musical instruments, with special reference to microwear studies and finds from the English warship Mary Rose (1545). In: Lund, C. S. (1984) 123-129.
  • Lawson, Graeme / Geoff Egan, Medieval Trumpet from the City of London, in: The Galpin Society Journal 41 (1988) 63-66.
  • Lund, C. S. (Hrsg. 1986): Second Conference of the ICTM Study Group on Music Archaeology, Stockholm, November 19-23, 1984. 2 Bde. (Stockholm 1986).
  • Schafer, M. R. (1977): The Tuning of the World: a pioneering exploration into the past history and present state of the most neglected aspect of our environment: the soundscape (Toronto 1977).
  • Strohm, R. (1985): Music in late medieval Bruges (Oxford 1985).

Zeitschriften zum Thema

  • The Galpin Society Journal (London) Nr. 1.1948 - ISSN: 0072-0127
  • Journal of Material Culture (London) 1.1996 ff. - ISSN 1359-1835
  • Journal of the American Musical Instrument Society ( New York) 1.1974(1975); 2.1976 - ISSN: 0362-3300
  • Historic Brass Society Journal ( New York) 1.1989 ff. - ISSN: 1045-4616
  • FOMRHI quarterly. Fellowship of Makers and Restorers of Historical Instruments (London) 1.1975-28.1981
  • Studia instrumentorum musicae popularis. - Stockholm : Nordiska Musikförl. 1.1969-12.1998