Neue Hinweise auf soziale Organisation früher Gesellschaften
Archäologinnen und Archäologen der FAU haben bei Ausgrabungen in der Nähe von Stăuceni im nordost-rumänischen Kreis Botoșani eine Megastruktur der Cucuteni-Tripolje-Kultur entdeckt. Das Gebäude ist mit rund 350 Quadratmetern mehr als dreimal so groß ist wie die umliegenden Wohnhäuser und gibt Hinweise auf die soziale Organisation der Gemeinschaft.
Der Befund gehört zu den ältesten bekannten Beispielen in der Region. Vergleichbare Gebäude sind bereits aus größeren Siedlungen in der Ukraine bekannt. "Unsere Forschung zeigt, dass dieses Bauelement schon sehr früh Teil des Siedlungskonzepts war und auch in viel kleineren Siedlungen auftritt, wo eine besondere Organisationsform noch nicht nötig erscheint", sagt Prof. Dr. Doris Mischka, Inhaberin des Lehrstuhls für jüngere Urgeschichte mit dem Schwerpunkt Neolithikum und Ältere Metallzeiten. Denn obwohl die Siedlung in Stăuceni mit 45 Hausgrundrissen viel kleiner ist als die Siedlungen in der Ukraine, verfügt auch sie über eine solche Megastruktur. Gleichzeitig deuten die Befunde darauf hin, dass die Megastruktur nicht am Anfang der Siedlung errichtet wurde, sondern erst im Verlauf ihrer Entwicklung.
Vor allem in der Ukraine entstehen im 5. und frühen 4. Jahrtausend v. Chr. Siedlungen mit bis zu 3.000 Häusern und schätzungsweise 15.000 bis 30.000 Bewohnern. Die Häuser dieser Siedlungen sind nicht nur sehr ähnlich gebaut, sondern oft geometrisch angelegt, häufig ringförmig mit breiten unbebauten Gassen oder in parallelen Hausreihen.
Hinweise auf eine zentrale Herrschaft oder klar erkennbare Machtzentren fehlen: Paläste oder große Speicherbauten konnten bisher nicht gefunden werden. "Wenn man sich vorstellt, dass hier tausende Menschen zusammengelebt haben, ist das überraschend", sagt Doris Mischka. "Megastrukturen gelten bisher als einzige Hinweise darauf, wie sich diese Gemeinschaften organisiert haben könnten. Welche Funktion sie hatten, diskutieren wir in der Forschung allerdings noch."
Die Bauweise der Megastrukturen unterscheidet sich von normalen Wohnhäusern. Unter dem Fußboden – einem Belag aus halbierten Holzstämmen mit einer Lehmschicht – fanden die Forschenden in Stăuceni einen umlaufenden Fundamentgraben mit mächtigen Pfosten. "Das spricht für eine eigenständige Konstruktion", sagt Mischka.
Im Inneren entdeckten sie allerdings nur vergleichsweise wenige Artefakte: Keramikscherben, Überreste der Steinbearbeitung sowie vereinzelte botanische Reste, darunter verkohlte Getreidekörner und einen Samen des Schwarzen Bilsenkrauts, einer Pflanze mit psychoaktiver Wirkung. "Die Funde unterscheiden sich kaum von denen gewöhnlicher Wohnhäuser", erklärt Mischka. "Wir können noch nicht sicher sagen, ob das ein Versammlungshaus, ein ritueller Ort oder vielleicht beides war."
Grundlage der Untersuchungen sind geomagnetische Messungen und gezielte Ausgrabungen. Mithilfe von Magnetometern lassen sich Siedlungsstrukturen sichtbar machen, ohne den Boden großflächig zu öffnen. Verbrannter Lehm und Keramik hinterlassen Spuren im Boden, die sich mit den Messgeräten sichtbar machen lassen. "Wir können so ganze Grundrisse erfassen und gezielt dort graben, wo sich besondere Gebäude befinden", erklärt Mischka.
Für die Forschung sind die Ergebnisse aus Stăuceni ein weiterer Baustein, um frühe Großsiedlungen besser zu verstehen. Sie deuten darauf hin, dass zentrale Elemente des Zusammenlebens bereits in kleineren Gemeinschaften angelegt waren. "Um wirklich zu klären, welche Funktion diese Gebäude hat-ten, brauchen wir weitere Ausgrabungen und Vergleichsdaten", sagt FAU-Archäologin Mischka. Die Arbeiten in Stăuceni sollen fortgesetzt werden. Ein Großteil der Struktur ist bislang nicht freigelegt.
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