Archäologische Untersuchungen auf dem Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers »Mangold« in Leipzig
Archäologische Ausgrabung im ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlager »Mangold«
In Leipzig-Kleinzschocher finden derzeit archäologische Untersuchungen auf dem Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers »Mangold« statt. Das brachliegende Grundstück in der Diezmannstraße 12 soll in Kürze wieder bebaut werden. Bevor dies geschieht, dokumentiert das Landesamt für Archäologie Sachsen (LfA) bis Mai 2026 die letzten physischen Spuren des Lagers, das im Oktober 1942 unter der NS-Herrschaft in Betrieb genommen wurde.
Historischer Hintergrund: Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion
Das Lager »Mangold« war eines von mindestens 13 Lagern, die die Rud. Sack KG – ein 1863 gegründetes Leipziger Unternehmen – für die Unterbringung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern errichten ließ. Ursprünglich als Landmaschinenfabrik tätig, stellte das Unternehmen ab den 1930er-Jahren auf Rüstungsproduktion um. Während des Zweiten Weltkriegs fertigte es unter anderem Maschinengewehr-Wagen, Bombenhülsen und Grabenpflüge. Ab 1941 setzte die Rud. Sack KG ausländische zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene ein. 1943 arbeiteten dort 1.700 deutsche und 1.200 ausländische Arbeitskräfte; bis Kriegsende stieg die Zahl der Zwangsarbeiter auf 3.000.
Das Lager »Mangold« war mit einer Fläche von 3.500 Quadratmetern das größte des Unternehmens. Geplant waren ursprünglich 20 Baracken, gebaut wurden jedoch nur 16. Die Kapazität lag bei bis zu 1.300 Personen, im Durchschnitt lebten dort etwa 900 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Im Februar 1944 wurde das Lager bei einem Bombenangriff beschädigt, wobei eine Baracke zerstört wurde. Zum Schutz vor Luftangriffen waren Splitterschutzgräben zwischen den Gebäuden angelegt worden.
Nach Kriegsende diente das Lager zunächst als Unterkunft für Displaced Persons (DP) – Zivilpersonen, die durch den Krieg heimatlos geworden waren. Im Frühjahr 1945 lebten dort zeitweise fast 1.300 Menschen. Später richtete die sowjetische Militärregierung ein Quarantänelager für deutsche Flüchtlinge ein, das bis 1950 bestand. Die meisten Baracken wurden nach 1950 abgerissen, ein Gebäude blieb bis 1996 erhalten.
Aktuelle Ausgrabung: Letzte Chance zur Dokumentation
Die archäologischen Voruntersuchungen begannen bereits im November 2025 mit einem Abtrag des Oberbodens und einer Begehung durch den Kampfmittelräumdienst. Nach einer witterungsbedingten Pause starteten die eigentlichen Ausgrabungen im Februar 2026. Die gesamte Untersuchungsfläche umfasst 9.000 Quadratmeter, auf der bisher rund 600 Befunde erfasst wurden. Dazu zählen:
- Fundamente, Pfosten und Holzböden der Baracken
- Wege, Gruben und ein Heizraum
- Splitterschutzgräben
- Alltagsgegenstände wie Lederschuhe, Teller, Tassen, Löffel und Glasflaschen
Landesarchäologin Dr. Regina Smolnik betont:
»Mit der Ausgrabung der im Boden verbliebenen Reste des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers »Mangold« bietet sich letztmalig die Chance, Einblicke in Struktur und Geschichte des Lagers zu erhalten und dies für die Nachwelt zu dokumentieren. Mit der geplanten Neubebauung werden die im Boden verbliebenen Reste unwiederbringlich zerstört.«
Fragestellungen und Ziele der Untersuchung
Luftbilder der Alliierten aus den Jahren 1944 und 1945 zeigen, dass das Lager nicht exakt der ursprünglichen Planung des Architekturbüros Schmidt & Johlige entsprach. Im Zentrum der Anlage befand sich 1944 eine unbebaute Fläche, auf der später zwei weitere Baracken errichtet wurden. deren Fundamente bereits aufgedeckt werden konnten. Die Archäologen hoffen, bauliche Abfolgen und Veränderungen rekonstruieren und mit historischen Quellen abgleichen zu können.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Lebensumständen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Aus anderen Lagern in Brandenburg ist bekannt, dass die Bedingungen je nach Herkunft der Menschen variierten: Osteuropäer und sowjetische Kriegsgefangene lebten unter deutlich schlechteren Umständen als deutsche oder westeuropäische Zivilarbeiter. Ob sich diese nationalsozialistisch-rassistische Hierarchie auch im Lager »Mangold« widerspiegelt, soll die Ausgrabung klären.
Zusätzlich soll geprüft werden, ob sich Spuren einer »Entbindungs- und Kinderstube« für schwangere Zwangsarbeiterinnen sowie des späteren Quarantänelagers nachweisen lassen. Bisher wurden hierfür jedoch noch keine Hinweise gefunden.
Zeitgeschichtliche Archäologie in Sachsen
Die Untersuchung des Lagers »Mangold« ist Teil der »Zeitgeschichtlichen Archäologie«, die sich mit der jüngeren Vergangenheit beschäftigt. Während sich die Forschung zunächst auf NS-Konzentrationslager konzentrierte, werden seit Mitte der 2010er-Jahre auch Kampfplätze und Stätten der NS-Zeit systematisch untersucht. In Sachsen begann diese Arbeit 2003 mit Ausgrabungen im Kriegsgefangenenlager Zeithain. Die aktuelle Maßnahme in Leipzig-Kleinzschocher ist nicht die erste ihrer Art: Bereits 2023 wurden in der Capastraße Zwangslager archäologisch untersucht.
Die Ausgrabung im ehemaligen Lager »Mangold« bietet eine letzte Gelegenheit, die Struktur und Geschichte des Ortes zu erforschen, bevor die Spuren durch die Neubebauung für immer verloren gehen. Die Ergebnisse sollen nicht nur wissenschaftlich dokumentiert, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.





