Zwei Vulkane lösen spätantike Krisen aus

Baumringe und zeitgenössische Chroniken zeugen von klimatischen Veränderungen und damit einhergehenden gesellschaftlichen Krisen in den Jahren ab 536 n. Chr. Neue Daten aus Eisbohrkernen legen den Schluss nahe, dass zwei große Vulkanausbrüche die Ursache waren. Ein Team von Klimaforschern unter Leitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der Universität Oslo haben die Auswirkungen in einem Klima-Aerosol-Modell rekonstruiert. Wie sie jetzt in der Fachzeitschrift Climatic Change und auf der Jahrestagung der EGU in Wien voröffentlichen, handelte es sich bei der Doppeleruption um den stärksten vulkanischen Klimaeinfluss der vergangenen eineinhalb Jahrtausende.

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Durchschnittstemperaturen 536 n. Chr.
Simulierte Sommerdurchschnittstemperaturen im Jahr 536 n. Chr. als Folge der Aerosol-Wolke rekonstruiert nach zeitgenössischen Berichten und Daten aus Eisbohrkernen. Grafik: Matt Toohey, GEOMAR

Kalte Sommer, Missernten, Krankheiten – das Jahrzehnt zwischen dem Jahr 536 n. Chr. und Mitte der 540er Jahr war im Mittelmeerraum und wahrscheinlich auf der gesamten Nordhalbkugel geprägt von Krisen und Katastrophen. Zahlreiche Indizien zeugen davon. So berichten zeitgenössische Chronisten wie der Byzantiner Prokopius von einer mysteriösen Wolke, die das Licht der Sommersonnen über dem Mittelmeer verdunkelte. Auch die Jahresringe von Bäumen belegen schlechte Wachstumsbedingungen in jenen Jahren. Soziale Krisen bis hin zur Pest-Pandemie ab 541 werden mit dem Phänomen in Verbindung gebracht. Die vorhandenen Hinweise sprechen für einen Vulkanausbruch als Ursache, doch konkrete Belege gab es lange nicht. Erst kürzlich konnten Wissenschaftler in neu datierten Eisbohrkernen aus Grönland und aus der Antarktis Hinweise auf zwei große Eruptionen mit globalen Auswirkungen in den Jahren 536 und 540 finden.

Ein internationales Team von Klimaforscherinnen und Klimaforschern unter Leitung von Dr. Matthew Toohey vom GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und von Prof. Dr. Kirstin Krüger von der Universität Oslo hat mit finanzieller Unterstützung durch das Center for Earth Evolution and Dynamics (CEED) an der Universität Oslo jetzt den entsprechende Zeitraum mit Hilfe der neuen Daten und der historischen Quellen in einem Klima-Aerosol-Modell der Erde genauer untersucht. Wie sie jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Climatic Change veröffentlichen, war das vulkanische Doppelereignis von 536/540 stärker als jedes andere dokumentierte Ereignis der vergangenen eineinhalb Jahrtausende. »Schon einer der Ausbrüche hätte zu einer deutlichen Abkühlung der Erdoberfläche geführt. Beide so kurz hintereinander haben wahrscheinlich das kühlste Jahrzehnt der vergangenen 2000 Jahre verursacht«, sagte Dr. Matthew Toohey vom GEOMAR, Erstautor der Studie, heute während einer Pressekonferenz auf dem Jahrestreffen der European Geosciences Union EGU in Wien.

Um den Einfluss der Ereignisse von 536 und 540 zu simulieren, haben die Wissenschaftler die zur Verfügung stehenden Daten aus den Eisbohrkernen und die Hinweise aus Chronistenberichten gesammelt und so die Stärke und den ungefähren Ort der Eruptionen abgeschätzt. Anschließend haben sie im Computermodell die Ausbreitung und den Einfluss der Aerosol-Wolke rekonstruiert, die nach den Eruptionen in der Atmosphäre entstanden war. Dabei kam heraus, dass nach den Ausbrüchen die Sonneneinstrahlung über der Nordhalbkugel für mehrere Jahre reduziert war und die Durchschnittstemperaturen in der Atmosphäre um bis zu zwei Grad Celsius sanken.

Der Zusammenhang zwischen der »Geheimnisvollen Wolke« und den Krisen am Übergang von der Spätantike zum Mittelalter wird schon lange in der Forschung diskutiert. Welchen Einfluss große Vulkaneruptionen auf menschliche Gesellschaften haben können, zeigen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit. Der indonesische Vulkan Tambora schleuderte beispielsweise 1815 so viel Asche und Aerosole in die Atmosphäre, dass das Jahr 1816 in Europa und Nordamerika als »Jahr ohne Sommer« in die Geschichtsbücher einging. Unwetter und ungewöhnlich niedrige Temperaturen führten zu Missernten und Hungersnöten. Für ältere Ereignisse ist der Zusammenhang zwischen den Eruptionen und gesellschaftlichen Auswirkungen weniger klar.

Daher nutzten Toohey und seine Kollegen die Klimamodellsimulationen auch, um die Auswirkungen der Eruptionen auf die Landwirtschaft abzuschätzen. Demnach waren Nordeuropa und insbesondere Skandinavien wahrscheinlich die Regionen, die am meisten unter den kalten Bedingungen nach den Ausbrüchen 536/540 gelitten haben. Dieses Ergebnis unterstützt die Theorie einer Verbindung zwischen den Eruptionen und archäologischen Beweise für eine schwere gesellschaftliche Krise in Skandinavien im 6. Jahrhundert. »Jede der Eruptionen von 536/540 hat menschliche Gesellschaften wohl beeinflusst. – und das gleich zweimal kurz hintereinander«, sagt Co-Autorin Prof. Dr. Kirstin Krüger von der Universität Oslo.

Rätselhaft bleibt bisher allerdings noch, welche Vulkane damals konkret ausgebrochen sind. »Es werden verschiedene Kandidaten diskutiert, unter anderem in Indonesien, Nord- und Mittelamerika. Aber das müssen zukünftige Untersuchungen zeigen«, sagt Dr. Toohey.

Publikation

Toohey, M., K. Krüger, M. Sigl, F. Stordal, H. Svensen (2016):
Climatic and societal impacts of a volcanic double event at the dawn of the Middle Ages. Climatic Change,
DOI: 10.1007/s10584-016-1648-7

Kommentare (3)

  • Frank Siegmund
    Frank Siegmund
    am 23.04.2016
    Welch blühender Unfug! Es ist mir schleierhaft, wie solche wissenschaftlich unhaltbaren Texte ein Peer Review überleben können, mir ist schleierhaft, weshalb die Gemeinschaft der Archäologen und Historiker hier nicht lauthals protestiert. Es geht mir hier nicht um Solidität der naturwissenschaftlichen Aussagen! - aber die historischen Bezüge und alle Aussagen zur Auswirkung auf die Gesellschaften sind schlichtweg falsch. Historisch erlebt Ostrom / Byzanz im 6. Jahrhundert n. Chr. nach Wirren zuvor eine große Stabilität mit dem ungewöhnlich lange regierenden Kaiser Iustinian (regierend 527-565 n.Chr.). Krisen dort ja (z.B. die Pest), aber eben auch erfolgreiches Krisenmanagement und Blütezeit samt Ausdehnung nach Italien und ambitionierten Bauprogrammen. In Mitteleuropa nordwärts der Alpen, Stichwort Franken und Alemannen, ist das 6. Jahrhundert eine Zeit nachweislich ungewöhnlich starken Bevölkerungswachstums und, meßbar z.B. an der Körperhöhe, auch erheblich besserer Lebensbedigungen als in der Spätantike zuvor. Kurz: zentrale Eelemnet der publitierten und sehr öffentlichkeitswirksam propagierten Thesen sind falsch. gez. PD Dr. Frank Siegmund, Frühmittelalterexperte.
  • Rainer Antkowiak
    Rainer Antkowiak
    am 24.04.2016
    Sehr geehrter Herr Dr. Siegmund,
    Sie behaupten, "die historischen Bezüge und alle Aussagen zur Auswirkung auf die Gesellschaften sind schlichtweg falsch" und argumentieren mit der letztlich erfolgreichen Regierungszeit Justinians.
    Nach Prokop starben täglich tausende Menschen. Auch der Kaiser Justinian war erkrankt.
    In einem Edikt Justinians steht: Die Seuche griff auch auf Sizilien und die unteritalischen Militärbezirke über, alle Unternehmungen des Imperiums waren lahmgelegt. Die kaiserlichen Truppen reichten nicht aus, die Toten zu bestatten. - Nach Ihrer Meinung hat die Pest aber keine gesellschaftliche Auswirkung. Der Kaiser hat ja überlebt und erfolgreich weiterregiert. Dass die im Beitrag in ihren Ursachen beschriebene Klimaverschlechterung zu Missernten, Hungersnöten, zur Schwächung der Immunabwehr weiter Kreise der Bevölkerung führte und damit dem Ausbruch der Pest Vorschub leistete, halten Sie für schlichtweg falsch? Es tut mir leid: O si tacuisses, philosophus mansisses.
    Mit freundliche Grüßen
    Rainer Antkowiak
  • Marcus Cyron
    Marcus Cyron
    am 25.04.2016
    "Dass die im Beitrag in ihren Ursachen beschriebene Klimaverschlechterung zu Missernten, Hungersnöten, zur Schwächung der Immunabwehr weiter Kreise der Bevölkerung führte und damit dem Ausbruch der Pest Vorschub leistete, halten Sie für schlichtweg falsch?"

    Also vorweg: fast nie greifen monokausale Erklärungen für große Veränderungen. Das Problem ist, daß man selten bis nie weiß, was denn diese "Pest" genannten Krankheiten überhaupt waren. Epidemien gehörten ja seit alters her zum Begleiter menschlicher Geschichte. Je nach Überlieferungslage kann man das recht gut verfolgen. Und manchmal gehen sie mit anderen Katastrophen Hand in Hand, dann wieder nicht. Auch hier ist zumeist völlig unklar, welche Einflüsse aufeinander wirken. Am Ende steht aber richtigerweise der Beitrag von Frank Siegmund. Dinge müssen in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Auch wenn Einzelschicksale schlimm sein können, zählen mehr als diese. Und ganz offensichtlich hatten diese Naturkatastrophen keinen längeren Einfluß auf die menschliche Entwicklung. Die Naturkatastrophen überzubewerten ist ähnlich sinnvoll, wie das Mittelalter als "Dunkle Epoche" zu sehen. Es ist wie Rosinenpicken, damit die Theorie stimmt.

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