Zerstörungen in Israel ?

Als Reaktion auf die Presseerklärung des World Archaeological Congress vom Freitag (siehe Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterNachricht vom 17.1.2004) erreichte uns gestern folgender Vor-Ort-Bericht des Jerusalemer Journalisten Ulrich Sahm

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"Der World Archaeological Congress (WAC) hat in einer Presseerklärung die "Zerstörung archäologischer und kultureller Stätten in Palästina durch den Staat Israel verurteilt". Dr. Claire Smith, Präsidentin des World Archaeological Congress, beklagte "die Zerstörung kulturell bedeutender Orte in Städten wie Bethlehem, Nablus und Hebron durch israelische Streitkräfte". Es gebe ein "Muster dieser Zerstörungen", heißt es weiter in der Presseerklärung, allerdings nur unter Berufung auf "unbestätigte Berichte". Von besonderer Bedeutung sei die "Vernichtung kulturell wichtiger Stätten" durch die Mauer, welche die israelische Regierung in den Palästinensergebieten errichte.

Auf Anfrage erklärte dazu Dr. Hanswulf Blödhorn, Leiter des Deutschen evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft mit Sitz in Jerusalem, dass ihm nur ein Fall von Zerstörung eines byzantischen Mosaiks auf der Trasse der "Mauer" nahe Jerusalem bekannt sei. Während der Bauarbeiten kam ein Mosaik zum Vorschein und wurde teilweise zerstört. Die israelische Altertumsbehörde, der per Gesetz jeder archäologische Fund gemeldet werden muss, verklagte deshalb die israelische Armee.

In der Altstadt von Nablus habe es Schäden an Gebäuden aus der osmanischen Zeit gegeben. Es sei jedoch nichts über Zerstörungen an "antiken" Stätten bekannt, wobei Blödhorn mit "antik" alles aus der Periode der Kreuzfahrer und früher meint. In Bethlehem kam es zu Vandalismus im Sakralbereich der Geburtskirche, vor allem durch europäische Friedensaktivisten, während der Belagerung der Kirche im Frühjahr 2002. "Die palästinensischen Besatzer der Kirche haben nach Angaben von griechischen Mönchen die Geburtsgrotte respektiert und nicht betreten", sagte Blödhorn. Zwei Mosaikengel aus dem 12. Jahrhundert erlitten Beschädigungen durch einzelne Gewehrkugeln. Einem Engel wurde die Nase und einem anderen das ganze Gesicht weggeschossen. "Ansonsten weiß ich nichts von Zerstörungen antiker Stätten Bethlehem", sagt Blödhorn. Palästinenser zerstörten nach schweren Kämpfen zu Beginn der Intifada bei Nablus das Josefsgrab, das seit der Antike von Bedeutung ist. Das Gebäude und der Katafalk stammen allerdings aus jüngerer Zeit. Ebenso gab es einen Brand in einem Gebäude über dem "Schalom al Israel" Mosaik aus dem vierten Jahrhundert in Jericho. Das Mosaik sei jedoch nicht beschädigt worden.

Der Paderborner Archäologe Carsten Thiede wies auf die schweren mutwilligen Zerstörungen von Überresten aus der Zeit der Könige Salomon und Herodes auf dem Jerusalemer Tempelberg durch die muslimische Behörde Wakf hin. Mit Baggern wurde seit November 2000 im Schatten der Intifada ohne jede Archäologenüberwachung historisches Erdreich ausgehoben, um in den etwa 2000 Jahren alten "Salomonischen Ställen" eine riesige unterirdische Moschee einzurichten. Die israelischen Behörden schritten nicht ein, um kein weiteres Blutvergießen zu verantworten."

Ulrich Sahm arbeitet als Journalist und Korrespondent und lebt seit 1975 in Jerusalem.

Quelle: Ulrich Sahm, Jerusalem

Kommentare (1)

  • Frank Mattern
    Frank Mattern
    am 20.01.2004
    Sehr geehrter Herr Sahm,
    außerordentlich professionell und treffend! Wie Sie mit sachlichen Tatsachen den Erhitzungen entgegentreten, ist hoch begrüßenswert. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit!

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