Wie aus Minaretten Glockentürme wurden

Einst beteten Muslime in ihnen zu Allah, dann Christen zu Gott. Wie aus Toledos Moscheen Kirchen wurden, aus Minaretten Glockentürme - das untersuchte Tobias Rütenik in seiner Diplomarbeit "Transformation von Moscheen zu Kirchen in Toledo" am Fachgebiet Bau- und Stadtbaugeschichte der TU Berlin.

Nachrichten durchblättern
Die Kirche San Lorenzo in Toledo
Die Kirche „San Lorenzo“ in Toledo: der ehemalige Mihrab wurde in den Glockenturm der Kirche integriert.

"Die Umwandlung der Moscheen vollzieht sich im Zuge der Reconquista, der Rückeroberung der von den Mauren beherrschten iberischen Halbinsel durch die Christen zwischen dem 11. und dem Ende des 15. Jahrhunderts", sagt Tobias Rütenik. "Nach drei Jahrhunderten islamischer Herrschaft wurde Toledo 1085 wieder christlich."

Elf Pfarrkirchen, bei denen sich in historischen Quellen Hinweise finden ließen, dass dort einst Moscheen standen, analysierte Rütenik mit den Methoden der historischen Bauforschung. Bei sieben Pfarrkirchen fanden sich Reste einer Moschee. "Bei vier Glockentürmen war nachweisbar, dass sie einmal als Minarette gedient hatten. An zwei Pfarrkirchen waren noch Reste der Moschee-Arkaden sichtbar. Und an einer weiteren Kirche erhebt sich über einem Mihrab, der Gebetsnische in einer Moschee, ein barocker Glockenturm", zählt Tobias Rütenik seine Befunde auf.

Mit der Eroberung Toledos durch die Christen wurden die meisten Moscheen, bis auf einige, die den Muslimen weiterhin als Gebetsort dienen konnten, zu Kirchen geweiht. Bauliche Veränderungen an den vormals islamischen Gotteshäusern folgten erst später. "Nachweisen lassen sie sich ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts", sagt Tobias Rütenik, "also etwa 100 Jahre nach der Rückeroberung." Es waren vorerst Anbauten in Form eines Kreuzganges.

Grundlegende Veränderungen vollzogen sich im 13. Jahrhundert. Bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war die bauliche Transformation der Moscheen zu Kirchen abgeschlossen. Dabei erfolgte der Umbau der Moscheen zwar nicht zeitgleich, aber im Wesentlichen nach dem gleichen Muster: Zuerst wurden Chöre und Kapellen angefügt und dann der Innen-raum und die Außenwände des Haram, des Betsaales der Moschee, ersetzt. Rütenik: "Man vernichtete also keinesfalls sofort die maurischen Hinterlassenschaften, sondern passte sie zunächst durch Anbauten und unter Beibehaltung von möglichst viel Bausubstanz dem neuen Zweck an." Zu Beginn des 16. Jahrhunderts habe sich dann allerdings eine "stilreine" Gotik durchgesetzt, die die orientalische Formensprache verdrängte, um kurz darauf selbst zu verschwinden.

Tobias Rütenik erhielt für seine Diplomarbeit in diesem Jahr den Erhard-Höpfner-Studienpreis der Erhard-Höpfner-Stiftung. Mit dem Preis werden herausragende Abschlussarbeiten an Universitäten und Fachhochschulen ausgezeichnet.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben