Wanderten unsere Vorfahren durch eine grüne Sahara?

Wie gelangte der moderne Mensch vor über 100.000 Jahren aus dem Inneren Afrikas nach Europa und Asien? Bei der Beantwortung dieser Frage spielt die Klimageschichte Nordafrikas eine entscheidende Rolle. Um sie genauer zu untersuchen, haben Kieler Meeresforscher jetzt in der Großen Syrte vor der Küste Libyens Proben vom Meeresboden gewonnen.

Nachrichten durchblättern
Lage der 9 Kernstationen in der großen Syrte vor Libyen, kleine Karte zeigt vermutete Flusssysteme in der nördlichen Sahara (Grafik: IFM-GEOMAR)
Lage der 9 Kernstationen in der großen Syrte vor Libyen, kleine Karte zeigt vermutete Flusssysteme in der nördlichen Sahara (Grafik: IFM-GEOMAR)

Die Entwicklung des modernen Menschen ist nach wie vor mit vielen Fragezeichen versehen. So ist bis heute nicht genau nachgewiesen, wie sich Homo sapiens aus dem Inneren Afrikas bis nach Europa und Asien ausbreiten konnte. Lange Zeit galt das fruchtbare Niltal als logische Route durch die sonst lebensfeindlichen nordafrikanischen Wüsten. Doch einige Anthropologen und Archäologen zweifeln schon lange an dieser Theorie. Jüngere Forschungen zur Klimageschichte Nordafrikas geben den Zweiflern Recht. "Vor 120.000 Jahren sah die Sahara-Region ganz anders aus als heute", betont die britische Geowissenschaftlerin Dr. Anne H. Osborne, die aktuell mit einem Humboldt-Stipendium am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) arbeitet. Mit Forschungen, die sie 2008 in der US-Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) veröffentlichte, wies sie ausgedehnte fossile Flusssysteme in der heute trockenen libyschen Wüste nach. Während der letzten Zwischeneiszeit, etwa vor 130.000 - 120.000 Jahren, scheint die Sahara demnach eine besonders intensive "grüne" Phase erlebt zu haben. Zu dieser Zeit begann der frühe moderne Mensch seine Wanderung von der Wiege der Menschheit im Inneren Afrikas in andere Teile der Welt. "Gewaltige Seen, saisonale Flüsse und weite Savannen durch die Elefanten und Giraffen streifen – niemand würde dies in der heutigen Sahara erwarten. Und doch deutet vieles darauf hin, dass es damals dort so ausgesehen hat", sagt Dr. Osborne. Als Alternative zu dem regelmäßig von heftigen Überflutungen heimgesuchten Niltal bot sich dem Homo sapiens daher ein grüner Korridor zum Mittelmeer durch eine von gemäßigtem Klima bestimmte Sahara.

Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern des IFM-GEOMAR hat sich nun auf die Suche nach weiteren Spuren der einst grünen Sahara gemacht. Mit dem niederländischen Forschungsschiff RV PELAGIA haben sie vor der Küste Libyens in der Großen Syrte lange Sedimentkerne gewonnen. "Flüsse transportieren Sedimente, die sie vor ihren Mündungen im Meer ablagern. Wenn es in der letzten Zwischeneiszeit also Flüsse in der Sahara gegeben hat, die in die Große Syrte mündeten, können wir das mit den Proben vom Meeresboden nachweisen", erklärt Dr. Warner Brückmann, Geowissenschaftler am IFM-GEOMAR und Fahrtleiter der Expedition. Gemeinsam mit Kollegen des Niederländischen Instituts für Meeresforschung (NIOZ) werden die gewonnenen Kerne mit geochemischen und sedimentologischen Verfahren untersucht, um die Geschichte des Klimawandels in der Sahara genauer zu entschlüsseln.

"Lange Zeit war uns der Zugang zu diesem Teil des Mittelmeers verschlossen. Umso glücklicher sind wir jetzt, Probenmaterial zu bekommen, mit dem wir die spannenden Zusammenhänge zwischen der Klimaentwicklung der Sahara und den Migrationswegen des frühen Menschen untersuchen können", sagt Dr. Brückmann. Und auch Dr. Osborne, die mit ihren Veröffentlichungen den Anstoß für diese Forschungen gegeben hat, freute sich über die Gelegenheit, ihre bisherigen Untersuchungen von der Seeseite aus weiter führen zu können.

Publikation

A. Osborne et. al. (2008): A humid corridor across the Sahara for the migration of early modern humans out of Africa 120,000 years ago. PNAS 2008 vol. 105 no. 43, 16444-16447

DOI: 10.1073/pnas.0804472105

 

 

Kommentare (2)

  • Michael Mallmann
    Michael Mallmann
    am 09.01.2012
    Ich bin der Meinung, dass ein wissenschaftliches Fachblatt nicht den Fehler begehen sollte, den Begriff "Wiege der Menschheit" für Zentralafrika wie als feststehend zu nutzen, auch wenn die bisherigen Erkenntnisse darauf hindeuten, dass es so sein könnte.
    Es gab im Laufe der Geschichte so oft Veränderungen bei den Meeresspiegelhöhen, dass noch längst nicht feststeht, ob sich der Mensch tatsächlich in Afrika entwickelt hat, auch wenn einige Forscher dies gerne so hätten, damit sie ihre Thesen (und mehr ist es bisher nicht) nicht ändern müssen.
    Es gab und wird es wahrscheinlich auch zukünftig, immer wieder Überraschungen bei der zeitlichen Abfolge in der Menschheitsgeschichte geben.
    Plötzlich wurden Menschenformen in einem Gebiet nachgewiesen, in dem sie nach damaligem Kenntnisstand noch gar nicht hätten sein sollen oder können.
    Nur weil in Olduwei die Knochen durch Erosion quasi auf der Erdoberfläche liegen, stürzen sich die Forscher natürlich auf dieses Gebiet.
    Bisher weiss aber niemand, was eventuell in heutigen Meeren unter Meterdicken Sedimentschichten zu finden sein könnte.
    Deshalb gilt nach wie vor: Out of Africa ist nur eine Theorie und sollte auch so in der Berichterstattung behandelt werden.
  • Klaus Ewe
    Klaus Ewe
    am 09.01.2012
    Ich bin etwas verwirrt...
    Ich war vor 2006 mit Studiosus in der lybischen Wüste. Eine der Hauptattraktionen waren die prähistorischen Felszeichnungen, die Elefanten, Nashorner, Giraffen, Straüße, Krokodile darstellten. So sagt ja auch Dr. Osborne. Gewiss, diese Zeichnungen sind jünger, Epipaleolithicum, die Babaluszeit, um 10000 v.Chr. Aber dass es große Flüsse und Seen gab und dass die Versteppung und Wüstenentwicklung erst um die Zeitenwende einsetzte, ist doch längst bekannt.
    Deswegen war ich etwas verwirrt, dass hier ein Forschungsvorhaben aus Kiel vorgestellt wird, das so aussieht, als würden da ganz neue Erkenntnisse gewonnen.

Neuen Kommentar schreiben