Startschuss für weitere Erforschung der Königspfalz Helfta – Touristische Entwicklung ermöglicht neue archäologische Untersuchungen
Der Hügel »Kleine Klaus« vor den Toren der Lutherstadt Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) stand in den Jahren 2021 bis 2023 im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Bereits zuvor hatten heimatkundliche und archäologische Feldforschungen – darunter insbesondere auch geophysikalische Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – belegt, dass sowohl der aus Urkunden zu erschließende ottonische Königshof als auch die im Hersfelder Zehntverzeichnis erwähnte karolingische Helphideburg auf den benachbarten Hügeln »Große Klaus« und »Kleine Klaus« zu suchen waren. Die auf diesen Ergebnissen aufbauenden Forschungsgrabungen erbrachten geradezu sensationelle Befunde.
So konnten im Jahr 2021 auf der »Kleinen Klaus« die Überreste der Radegundiskirche aufgedeckt werden. Dieses vor 968 von Otto dem Großen gestiftete, der heiligen Thüringerprinzessin Radegundis geweihte, mehrfach erneuerte und umgebaute Gotteshaus stellte in seiner letzten Phase eine über 30 Meter lange, kreuzförmige und dreischiffige Basilika dar. Vom 10. bis zum 12./13. Jahrhundert wurden im Inneren der Kirche, aber auch in dem Friedhof nördlich und südlich des Bauwerks über 250 Bestattungen angelegt.
Ebenso spektakulär wie die Identifizierung der Kirche war die Entdeckung des Palatiums, des repräsentativen Hauptgebäudes der Pfalz, im darauf folgenden Jahr. Das langrechteckige, aus vermörtelten und verputzten Sandsteinmauern errichtete Gebäude in prominenter Lage, unmittelbar nordwestlich der Radegundiskirche war unter Otto dem Großen erbaut worden. Es maß 21,50 Meter mal 7 Meter, verfügte ursprünglich über ein Obergeschoss sowie eine aufwendige und leistungsfähige Warmluftheizung. In einer Zeit, in der Wohngebäude üblicherweise als Pfostenbauten oder Grubenhäuser ausgeführt waren, kann der monumentale und ungewöhnlichen Komfort bietende Steinbau nur als Palast gedient haben, in dem sich die Wohnräume der königlichen Familie während ihrer Aufenthalte in Helfta sowie eine herrschaftliche Halle befanden.
Der mit diesen beiden Großbauten erfasste Kern der Pfalz Helfta war von weiteren Siedlungsstrukturen sowie einem Befestigungssystem aus Wall und Graben umgeben, das bereits auf die Zeit der karolingischen Helphideburg zurückging. Aus dieser Zeit stammt auch die 2023 untersuchte Bestattung eines Mannes, den ein als Amtsstabspitze gedeuteter eiserner Stabdorn als Würdenträger der Burg ausweist. Weitere Befestigungsanlagen sowie ein Rechteckturm sind einer hoch- und spätmittelalterlichen Burg zuzuordnen, die im 12. bis 15. Jahrhundert auch schriftliche Erwähnung findet. Im Bereich der möglicherweise bereits ruinösen Radegundiskirche bestand im späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit eine Gastwirtschaft, bevor die Anlagen auf der »Kleinen Klaus« dem Vergessen anheimfielen.
Neben den skizzierten Befunden erbrachten die Forschungsgrabungen der Jahre 2021 bis 2023 reiches Fundmaterial aus dem 8. bis 15. Jahrhundert, darunter Keramik, Tracht- und Schmuckbestandteile wie Fibeln, Ohr- und Fingerringe, Gürtelschnallen und Riemenzungen, verzierte Beschläge, aber auch zahlreiche Münzen und das Fragment der Kirchenglocke. Diese Funde werden derzeit im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt weiter untersucht und ausgewertet.
Daneben soll, wie der Bürgermeister der Lutherstadt Eisleben Carsten Staub und Landesarchäologe Prof. Dr. Harald Meller heute bekannt gaben, die Untersuchung des Pfalzgeländes in diesem Jahr fortgesetzt werden. Ermöglicht wird dies durch die Entwicklung einer touristischen Infrastruktur für die Königspfalz Helfta durch die Lutherstadt Eisleben mit Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt im Rahmen des Strukturentwicklungsprogramms Mitteldeutsches Revier Sachsen-Anhalt »Sachsen-Anhalt REVIER 2038«. Das Vorhaben trägt der Bedeutung der bisherigen archäologischen Forschungsergebnisse, insbesondere aber auch der weit über Sachsen-Anhalt hinausgehenden historischen Bedeutung des Platzes als wiederentdecktem wichtigen Herrschaftsort der Ottonen Rechnung. Zugleich erfüllt die Lutherstadt Eisleben mit diesem Vorhaben ihren gesellschaftlichen Auftrag, das kulturelle Erbe der Region zu bewahren, historische Besonderheiten zu vermitteln und Geschichte als Bestandteil kollektiver Identität erlebbar zu machen.
Im Mittelpunkt der archäologischen Untersuchungen, die voraussichtlich im Spätsommer 2026 beginnen werden, stehen weitere Baulichkeiten der ottonischen Pfalz und der karolingischen Burg, die früh- bis spätmittelalterlichen Befestigungen, weitere karolinger- und ottonenzeitliche Gräber sowie die ausgedehnten Vorburgen, in denen die einfache Bevölkerung lebte und arbeitete.








