Schöninger Speere: Forschungskooperation in der Kritik

Die altsteinzeitliche Fundstelle von Schöningen, Fundort der ältesten Jagdspeere der Menschheit, ist Niedersachsens bedeutendste archäologische Stätte. Seit über 20 Jahren lag deren Erforschung in der Verantwortung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD). Das soll sich jetzt ändern: Am Freitag vergangener Woche unterzeichneten Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne) und Vertreter der Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung einen Kooperationsvertrag, in dem dieser die alleinige Forschungskompetenz für die Fundstelle übertragen wird. Auch die Universität Tübingen ist an der Kooperation beteiligt. Das NLD soll dabei hingegen künftig keine wesentliche Rolle mehr spielen. Der Vorgang wird von Archäologen aus ganz Deutschland heftig kritisiert.

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Schöninger Speer
Ausgräber Dr. H. Thieme erklärt Speer VI in Fundlage. Foto: Foto: P. Pfarr NLD, Lizenz: Creative Commons CC-by-sa-3.0 de (Kurzfassung). Originaldatei: Schöningen Speer VI © P. Pfarr NLD.jpg

»Die bisher in Schöningen gewonnenen Erkenntnisse zur frühen Menschheitsgeschichte sind einzigartig. Ich danke allen Beteiligten, insbesondere dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, für die großartigen Arbeiten. Dank Ihnen kann jetzt ein neues Kapitel der Forschung aufgeschlagen werden: die Kooperation mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Damit wird die internationale Sichtbarkeit Schöningens weiter ausgebaut«, sagte die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Gabriele Heinen-Kljajić. Das Forschungs- und Erlebniszentrum paläon werde von der wissenschaftlichen Kooperation profitieren, so die Ministerin.

Vertreter des Fördervereins Schöninger Speere befürchten hingegen, dass künftig der Zugriff auf Forschungsergebnisse und Funde erschwert werde. Die bisherige Zusammenarbeit mit dem Landesamt sei hervorragend gewesen. Über die künftigen Bedingungen herrscht noch Unklarheit. Bei der Unterzeichnung des Kooperationsvertrage im Forschungs- und Erlebniszentrum »paläon« beklagte Rolf Dieter Backhauß, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins, auch die Informationspolitik des Minsteriums. Der Verein sei in die Planungen nicht eingebunden gewesen.

Der Deutsche Verband für Archäologie (DVA) und der Verband der Landesarchäologen (VLA) hatten im Vorfeld der Unterzeichnung schriftlich an den Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Stephan Weil (SPD), appelliert das Vorhaben noch einmal zu überdenken. »Diese Entscheidung verwundert und ist bundesweit ein einmaliger Vorgang«, erklärte der Vorsitzende des Verbands der Landesarchäologen, Michael Rind. Dem zuständigen Fachamt würde der wissenschaftliche Zugriff auf eine der bedeutendsten Fundstellen des Landes entzogen. Rind verwies auf die mehrjährigen Grabungen des Landesamtes an der Fundstelle und den leistungsfähigen interdisziplinären Forschungsverbund, den es in den vergangenen zwei Jahrzehnten um das Projekt »Schöninger Speere« herum aufgebaut habe.

»Eine einseitige Kompetenzübertragung allein auf eine Forschungseinrichtung wäre für das Land als Eigentümer dieser überaus bedeutenden und singulären Funde äußerst nachteilig und würde diejenigen brüskieren, die sich jahrelang für das Projekt eingesetzt haben, außerdem wäre dies ein Komptenz- und Gesichtsverlust für das Land.«, so Rind.

Der DVA-Vorsitzende Hermann Parzinger erklärte: »Mit einem Rückzug würde das Landesamt für Denkmalpflege nicht nur seinen gesetzmäßigen Auftrag – der auch die Forschung umfasst – nicht mehr vollständig genügen, sondern auch über die Landesgrenzen Niedersachsens hinaus ein sehr bedenkliches Signal setzen, dass sich Denkmalfachbehörden , die für die Rettung der archäologischen Quellen gesetzlich verantwortlich sind, aus der anschließenden Forschung zurückziehen müssen und die Verantwortlichkeit allein Dritten überlassen.«

Kommentare (4)

  • xaver
    xaver
    am 09.08.2016
    Das ist doch wieder mal typisch für die Grünen.
    Bewährte Institutionen abschaffen.
  • Bernhard Frilling
    Bernhard Frilling
    am 09.08.2016
    Den Protesten schliesse ich mich an. Bis jetzt wurde hervorragende Arbeit geleistet. Das Museum kann sich auch international sehen lassen. Was soll also diese Aktion ? Es wäre interessant zu wissen, welche tatsächlichen Gründe dahinter stecken. Wer will da wem Pöstchen zuschanzen ? Never change a running system !!
  • Fritz Geller-Grimm
    Fritz Geller-Grimm
    am 25.08.2016
    Welche Verbesserungen sind zu erwarten? Senckenberg ist mir noch nicht als wissenschaftliches Zentrum der Archäologie bekannt geworden. Dass Niedersachsen und Teile der Medien diesen weltweit einmaligen Platz wiederentdeckt haben, ist grandios. Warum dieser allerdings aus der Kontrolle des Landes ausgegliedert werden soll, bleibt schleierhaft. Hoffentlich werden die Hintergründe bald aufgeklärt.
  • Joachim
    Joachim
    am 26.08.2016
    Weiteres trauriges Beispiel rot-grüner Wissenschafts"Kompetenz".

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