Röntgenblick ins Mittelalter: Älteste Synagoge der Stadt vermessen

Grundriss der ersten Synagoge Rothenburgs per Bodenradar erfasst – Dimensionen belegen herausragende Bedeutung der jüdischen Gemeinde im Hoch- und Spätmittelalter

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Rothenburger Synagoge (Rekonstruktion)
Schematische Rekonstruktion der Synagoge mit Saalbau, Bima und Annex für den Thoraschrein, sowie der südlich anschließenden Frauenabteilung. Grafik: Roland Linck (BLfD), Drohnenfoto: Stadt Rothenburg.

Die Überraschung war groß, als bei Grabungsarbeiten am Rothenburger Kapellenplatz im vergangenen Jahr die Fundamente der mittelalterlichen Synagoge zutage traten – damit lag der erste archäologische Nachweis für die bis dahin nur durch schriftliche Quellen belegte erste Synagoge der Stadt vor. Knapp ein halbes Jahr später hat das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) die weitere Erforschung des Bodendenkmals abgeschlossen: Durch Messungen mit dem Bodenradar sind die Ausmaße der Synagoge nun genau erfasst und zeugen von der Relevanz der ehemaligen jüdischen Gelehrtenstadt und ihrer Blütezeit im Hoch- und Spätmittelalter.

"Mithilfe des Bodenradars lässt sich eine Art Röntgenaufnahme der obersten Erdschichten erstellen. So gelingt es uns neue Erkenntnisse zu sammeln, ohne das Bodendenkmal durch Ausgrabungen weiter zu zerstören: In Rothenburg konnten wir so den Grundriss der nur in Teilen ausgegrabenen Synagoge vervollständigen und den Annex für den Thoraschrein und die mittig gelegene Bima lokalisieren", sagt Prof. Mathias Pfeil, Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD).

Die etwa einen Meter dicken Mauern der Synagoge bilden einen rechteckigen Grundriss von 16 auf ca. elf Meter, was einem typischen Verhältnis von etwa 3:2 für aschkenasische Synagogen der Romanik entspricht, wie sie auch in Köln, Worms oder Speyer zu finden waren. Der einschiffige Saalbau der Synagoge besaß mit rund 180 Quadratmetern eine beträchtliche Dimension. Sie zählt damit zu den größten nachgewiesenen Synagogen des Hoch- und Spätmittelalters, was für die herausragende Bedeutung der jüdischen Gemeinde Rothenburgs im Heiligen Römischen Reich spricht. Mit insgesamt 210 Quadratmetern im Innenraum, Saalbau und südlich anschließende Frauenabteilung zusammengenommen, fasste die Synagoge zwischen 320 und 380 Personen und damit einen Großteil der jüdischen Gemeinde der Stadt. Umso eindrücklicher zeigt sich die Dimension der Gewalt: Beim Pogrom von 1298 wurden mehr als 450 Jüdinnen und Juden ermordet, die jüdische Gemeinde Rothenburgs fast vollständig ausgelöscht.

Die Messergebnisse zeigen weiter, dass die Synagoge freistehend auf dem heutigen Kapellenplatz errichtet wurde und ihre Ausrichtung wohl auf die umliegende Bebauung Bezug nahm. An der Ostseite des Gebäudes lässt sich ein vorspringender, rechteckiger Annex erkennen, welcher der Aufnahme des Thoraschreins gedient haben dürfte, wie dies in Frankfurt am Main, Rufach in Frankreich, Speyer und Worms bekannt ist. Die Existenz dieses Annexes lässt vermuten, dass das Bauwerk in die Zeit vor 1300 zu datieren ist, da derartige Anbauten anschließend nicht mehr belegt sind. Exakt im Mittelpunkt der Synagoge erkennt das Bodenradar eine rechteckige Struktur von vier auf drei Metern; dabei dürfte es sich um die Fundamentreste der ehemaligen Bima, des Lesepultes, handeln.

Auch der im frühen 15. Jahrhundert durchgeführte Umbau des Gebäudes in eine christliche Kapelle ist durch die Messungen nachzuvollziehen. Sie zeigen, dass der Kernbau der Synagoge dabei erhalten blieb und fortan als Langhaus diente. An die Ostseite wurde ein mehreckiger Chor im gotischen Stil angesetzt. Der erfasste Grundriss der Marienkapelle stimmt mit den überlieferten Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert überein.

Bodenradarmessung
Roland Linck, BLfD, bei den Vermessungsarbeiten mit dem Bodenradar. Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege.