Mitteleuropa wohl keine Kontaktzone von Neandertalern und modernen Menschen

Ein internationales Kooperationsprojekt um Dr. Luc Moreau untersucht, welchen Beitrag Neandertaler zur ältesten modernmenschlichen Kultur Europas, dem sogenannten "Aurignacien", geleistet haben.

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Knochenspitzen aus Mokriška jama
Knochenspitzen aus Mokriška jama, Slowenien (Foto: Tomaž Lauko, Slowenisches Nationalmuseum Ljubljana) (Bild: Tomaž Lauko, Nationalmuseum Slowenien)

Die Zeit vor 30 bis 40.000 Jahren ist eine der turbulentesten Phasen der frühen Menschheitsgeschichte in Eurasien: schlagartig tritt ein ganzes Paket kultureller Neuerungen mit Kunst, Musik und Bestattungen auf. Zeitgleich vollzieht sich ein umfassender demographischer Wandel: anatomisch moderne Menschen wandern vor über 43.000 Jahren nach Europa ein und die Neandertaler verschwinden. Fest steht, dass es ein zeitweises Nebeneinander beider Menschenarten gab. Denn genetisch sind wir noch heute ein stückweit Neandertaler. Wie sich das Nebeneinander beider Menschenarten gestaltete und wo sie sich trafen, bleibt indes eine kontrovers diskutierte Forschungsfrage, zu der das Projekt von Dr. Luc Moreau vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution (MONREPOS) neue Aufschlüsse gibt.

Das südliche Mitteleuropa zwischen Balkan und Mittelmeer, den potentiellen Einwanderungspassagen des anatomisch modernen Menschen, nimmt eine Schlüsselposition für die Untersuchung des Aurignacien ein: Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein, ein wesentliches Merkmal des modernmenschlichen Innovationspakets, treten hier in Massen auf. "Dass bereits Neandertaler Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein hergestellt haben, möglicherweise in Folge einer Interaktion mit modernen Menschen, ließ sich nach Lage der archäologischen Befunde bislang nicht ausschließen. Deshalb nehmen die Knochenspitzen eine wichtige Stellung in der Forschungsdiskussion um die Entstehung von kultureller Modernität am Übergang zwischen Neandertalern und modernen Menschen ein. Es hat mich besonders gereizt, hierfür endlich eine solide Diskussionsbasis zu schaffen", so Dr. Luc Moreau. Er hat den Beginn des Aurignacien im südlichen Mitteleuropa erstmals auf ein verlässliches chronologisches Fundament gestellt. Die von ihm initiierten neuen Datierungen typischer Knochenspitzen, darunter auch solche mit gespaltener Basis, durch die 14C-Methode ergaben ein Alter um 32.000 Jahre: wesentlich jünger, als die letzten Neandertaler in dieser Region! Hier sind sich Neandertaler und moderne Menschen also offenbar nicht begegnet. Die modernmenschlichen Siedler wanderten in ein bereits über einige Tausend Jahre bevölkerungsleeres Gebiet ein.

Ein Schwerpunkt der Forschungen lag auf den Untersuchungen der Steinwerkzeuge, die ebenfalls als Hinweis auf eine kulturelle Kontinuität zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen angeführt werden. Die Ergebnisse entziehen dieser Diskussion nun jedoch den Boden: die Steingeräte zeigen keinerlei neandertalertypische Kennzeichen, sondern spiegeln technologisch, logistisch und typologisch allein charakteristische modernmenschliche Verhaltensweisen des Aurignacien wider.

Die Befunde sind auch insofern bemerkenswert, als zwei der Fundplätze im alpinen Hochgebirge liegen. Fertige Waffen und 90 % des Steinrohmaterials aus einem über 20 km und 500 Hm entfernten Flusstal wurden eigens zu den 1600 m hoch gelegenen Jagdplätzen geschafft und hier offenbar sogar gehortet: allein in der Höhle Potocka zijalka wurden 125 Knochenspitzen gefunden. Diese Befunde belegen vorausschauendes Planen und eine ausgefeilte Logistik der Hochgebirgsjäger, die die Höhle immer wieder kurzzeitig aufgesucht haben. "Diese Art des Risikomanagements und die bis ins Detail geordnete Logistik sind typisch modernmenschliche Verhaltensweisen", so Dr. Moreau.

Im südlichen Mitteleuropa sind sich Neandertaler und anatomisch moderne Menschen nach seinen Forschungen also sicher nicht begegnet.

Publikation

L. Moreau, B. Odar, T. Higham, A. Horvat, D. Pirkmajer, P. Turk 2014. Reassessing the Aurignacien of Slovenia: Techno-economic behavior and direct dating of osseous projectile points. Journal of Human Evolution. DOI: 10.1016/j.jhevol.2014.09.007.

Klingen-Geräte aus dem Aurignacien
Potočka zijalka. Klingen-Geräte aus dem Aurignacien. Die verwendeten Rohmaterialien stammen aus einem Umkreis von mindestens 5 bis 20 km um den Fundplatz (Bild: Luc Moreau, MONREPOS)

Kommentare (3)

  • Klaus Lang
    Klaus Lang
    am 08.12.2014
    Hallo,
    Der Artikel interessiert der Link (doi) ist leider falsch!
    Gibt es ihn frei herunterladbar?
    Schöne Grüße
    Klaus Lang
  • Andreas Dr. Banholczer
    Andreas Dr. Banholczer
    am 09.12.2014
    Der Artikel kann so verstanden werden, als habe der Neandertaler keine Planung, Logistik oder Bervorratung gekannt. Wie konnte er dann Jahrtausende im eiszeitlichen Europa überleben? So beeindruckend überlegen ist das Lagern von Werkzeugen nun auch nicht.
  • Michael Mallmann
    Michael Mallmann
    am 15.12.2014
    Das auch der Neandertaler schon retuschierte Werkzeuge benutzte, dürfte wohl unbestritten sein.
    Bei den im obigen Foto gezeigten Klingen, ist für mich nicht erkennbar, auf welche Hinweise oder Forschungsergebnisse Dr. Moreau seine Behauptungen festmacht.
    Gilt hier mal wieder der tumbe Neandertaler und der kluge erfolgreiche moderne Mensch?
    Ich habe im laufe der Jahre so viele Steinwerkzeuge von beiden Menschengattungen gesehen, die sich doch sehr geähnelt haben und bei denen die sich nicht einmal die Archäologen einig waren, wer sie hergestellt hat.

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