LWL-Archäologen und Altertumskommission ziehen in Denkmal

Ein ehemaliges Silogebäude in der Speicherstadt in Münster-Coerde wurde für die LWL-Archäologie für Westfalen und die Altertumskommission für Westfalen zu einem Büro- und Archivgebäude umgebaut.

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Neue Heimat der LWL-Archäologie
Die neue Heimat der LWL-Archäologie für Westfalen und der Altertumskommission für Westfalen in der Speicherstadt in Münster-Coerde. Foto: WLV/Schuster

"Das Herz der westfälischen Archäologie schlägt jetzt in der Speicherstadt", sagte Dr. Wolfgang Kirsch, LWL-Direktor und Vorsitzender des Aufsichtsrates der WLV, bei der feierlichen Übergabe vor rund 250 Gästen in der Speicherstadt. Im Vergleich zu Neubaulösungen habe sich der Umbau des Speichergebäudes durchgesetzt. Das sei ein guter Beweis dafür, dass sich Denkmalschutz und wirtschaftliche Nutzung nicht ausschließen müssen. "Die einzigartige Struktur der über zwölf Meter hohen Silozellen ist sichtbar geblieben. Gleichzeitig besticht der fertiggestellte Silospeicher durch seine freundlichen und lichtdurchfluteten Büroräume", so Kirsch weiter.

Rund eineinhalb Jahre dauerte der Umbau vom ehemaligen Silospeicher ohne Decken und Fenster zum modernen Bürogebäude. "Eine besondere Herausforderung war das Aufschneiden der bis zu 30 Zentimeter starken Stahlbetonwände zwischen den 36 fensterlosen, rund 12 Meter hohen Silos", erklärte WLV-Geschäftsführer Bodo Strototte. Teile der historischen Technik sind nach dem Umbau der denkmalgeschützten Anlage an einigen Stellen erlebbar geworden: die Silotrichter im Erdgeschoss, die Fördereinrichtungen im Dachgeschoss und Reste der Silowände im verglasten Fahrstuhlschacht. "Um das Gebäude als Büro nutzen zu können, mussten wir auch die Fassaden öffnen - senkrechte, durchgehende Fensterelemente nehmen die Silostruktur auf und sorgen für eine natürliche Belichtung der Räume. In Zusammenarbeit mit den LWL-Denkmalpflegern gelang es, durch eine äußere Fassadendämmung und moderne Technologie den Niedrigenergiehaus-Standard zu erfüllen und damit etwas für niedrige Betriebskosten und den Klimaschutz zu tun", so Strototte weiter.

Fünf Vollgeschosse hat die WLV in das Gebäude eingebaut, von denen der LWL die zweite bis fünfte Etage langfristig angemietet hat. Hier haben die Zentrale der LWL-Archäologie für Westfalen und die Abteilungen Mittelalter- und Neuzeitarchäologie sowie Provinzialrömische Archäologie ihre neue Bleibe gefunden, außerdem die Geschäftsstelle der Altertumskommission für Westfalen. Rund 2.800 Quadratmeter messen die 60 Archiv- und Nebenräume sowie die Büros für rund 40 Mitarbeiter.

Schmuckstück des Hauses ist die Bibliothek im Dachgeschoss mit fast 50.000 Bänden. In der Spezialbibliothek zur westfälischen Archäologie und Geschichte stehen nun moderne Arbeitsplätze mit Computern auch externen Bibliotheksnutzern für die Internet-Recherche und zur Verfügung.
"Die in der Umzugsphase auseinandergerissenen Abteilungen der LWL-Archäologie sind nun wieder vereint und zusammen mit der Altertumskommission, die sozusagen die Wurzel der Archäologie in Westfalen ist, können wir in Zukunft weiterhin gemeinsam hier in der Speicherstadt agieren und effektiv zusammenarbeiten", freuten sich Prof. Dr. Michael M. Rind, der am 1. Januar sein Amt als neuer Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen angetreten hat, und Prof. Dr. Dr. h. c. Torsten Capelle, der Vorsitzende der Altertumskommission für Westfalen.

Hintergrund

Mit der feierlichen Übergabe des Gebäudes haben die LWL-Archäologen und die Altertumskommission für Westfalen nach einer mehrjährigen Übergangsphase ihre neue Heimat gefunden. Die beiden Institutionen sind seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert traditionell eng verbunden. Zuletzt, seit 1980, waren sie an der Rothenburg in Münster neben dem LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte beheimatet. Grund für die Verlagerung war die Raumnot und damit fehlende Entwicklungsmöglichkeiten der beiden Institutionen am selben Standort.

Die Speicherstadt
Die sogenannte Speicherstadt in Münster-Coerde war ehemaliges Heeresverpflegungshauptamt und wurde 1937/38 errichtet. Von hier aus wurde die Armee im gesamten norddeutschen Raum mit Proviant versorgt. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die britische Rheinarmee die Anlage als Versorgungsstützpunkt und Militärpolizei-Standort bis 1994. Danach stand die Anlage drei Jahre leer, bis die WLV sie übernahm und später ein Nutzungskonzept für ein modernes Archiv- und Dienstleistungszentrum im Norden von Münster entwickelte und umsetzte. Von den neun Getreidespeichern ist nunmehr nur ein Speicher noch nicht modernisiert, er befindet sich jedoch schon in der Vermarktung. Heute arbeiten und lernen in der Speicherstadt fast 500 Menschen.

Umzug der LWL-Archäologie für Westfalen und der Altertumskommission für Westfalen
Gegen Ende der 1980er-Jahre zeichnete sich ab, dass sich die beiden Landesmuseen des LWL am Dom in Münster - das damalige Westfälische Museum für Archäologie und das Kunst und Kulturgeschichts-Museum - auf Dauer nicht am gleichen Standort zukunftsfähig entwickeln können. Die beiden Museen platzten buchstäblich aus allen Nähten. Vor allem in das Fundarchiv der LWL-Archäologie brachten die Ausgräber tagtäglich neue Scherben und Knochen, Bodenproben, Waffen, Schmuck und vieles mehr - all das, was sich aus den letzten 250.000 Jahren in Westfalen im Boden erhalten hat und was es für zukünftige Generationen aufzubewahren gilt.

1991 entschied der LWL-Landschaftsausschuss die sogenannte Schausammlung, also das Museum selbst, nach Herne zu verlagern. Zwölf Jahre später, 2003, wurde das LWL-Museum für Archäologie als eines der modernsten archäologischen Museen in Europa mitten in der Innenstadt von Herne eröffnet und hat bis heute fast eine halbe Million Besucher gezählt.

Parallel zum Museumsneubau in Herne fand der LWL für die technischen Dienste der LWL-Archäologie für Westfalen einen idealen Standort in der Speicherstadt in Münster. Das Gebäude "An den Speichern 12" beherbergt seit 2003 das Fundarchiv, die Restaurierungswerkstätten, das Fotolabor und Räume für die wissenschaftliche Dokumentation.

Die LWL-Archäologie für Westfalen besteht aus der Archäologischen Denkmalpflege und drei Museen in Herne, Haltern am See (LWL-Römermuseum) und Paderborn (Museum in der Kaiserpfalz). Sie hat ihre Zentrale in Münster-Coerde. Die Mitarbeiter erforschen und dokumentieren, sichern und bewahren die materiellen Zeugnisse der Gesellschaften vergangener Zeiten. Den Bürgern vermitteln sie ihre Arbeitsergebnisse zur Geschichte Westfalens vor Ort und in den Museen. In Westfalen sind rund 29.000 paläontologische und archäologische Fundstellen bekannt. Davon sind 2.500 als Bodendenkmäler unter Schutz gestellt.

Die im Jahr 1897 gegründete Altertumskommission für Westfalen ist eine der sechs wissenschaftlichen Kommissionen des LWL. Die 50 gewählten Mitglieder sind Fachwissenschaftler und Personen, die sich ehrenamtlich um die Archäologie in Westfalen verdient gemacht haben. Die Altertumskommission forscht und publiziert zu übergreifenden Themen der Archäologie in Westfalen. Schwerpunkte sind Römerlager, Wallburgen, Sachsen und Altwege. Zu den wichtigsten Projekten gehören zurzeit die "Wege der Jakobspilger in Westfalen".

Wanddurchbruch
Über 2.000 Quadratmeter Betonwände, die bis zu 30 Zentimeter dick waren, wurden im Innern des Silospeichers herausgeschnitten. Foto: Schoeps und Schlüter/Behnen
Bibliothek
Schmuckstück im neuen Gebäude der LWL-Archäologie für Westfalen ist die Bibliothek im Dachgeschoss. Foto: LWL/Brentführer

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