Knoten lösen zentrale Menschheitsfragen

Jahresbericht des Deutschen Archäologischen Instituts

Am 5. Mai 2010 lud das Deutsche Archäologische Institut (DAI) zu seinem traditionellen Jahresempfang erstmalig ins Audimax der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Baalbek, Portikus
Baalbek, Portikus im Gebiet "Bustan el-Khan", © DAI, Orient-Abteilung

Knapp 400 geladene Gäste verfolgten den Jahresbericht des Präsidenten Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke, der zunächst von Neustrukturierungen der internationalen und interdisziplinären Forschungen im DAI sprach. Die bereits erfolgreich arbeitenden Forschungscluster wurden im aktuellen Forschungsplan durch sogenannte "Forschungsknoten" erweitert, die mit innovativen Methoden zentrale Menschheitsfragen zu ergründen suchen:

  1. Umwelt, Ressourcen, Wirtschaft: Mensch und Umwelt - Raum und Landschaft, physisch und mental,
  2. Siedlung, Stadt, Urbanistik: komplexere Siedlungsformen im sozialen und politischen Kontext,
  3. Migration und Kulturtransfer,
  4. Räume von Macht und Repräsentation sowie
  5. Heiligtümer: Gestalt und Bedeutung, Ablauf und Entwicklung.

In der konkreten Umsetzung werden in diesem Rahmen besonders aussagekräftige Grabungsprojekte auf einzelne oder mehrere Cluster und Knoten fokussiert. "Eine derartige Form der Kooperation ist im Grunde nur beim DAI möglich, das einerseits sehr vielfältige Forschungen in nahezu vierzig Ländern betreibt und zugleich über einen gemeinsamen institutionellen Rahmen verfügt. Dies erlaubt Verbindung und Koordination von Forschung und ermöglicht zugleich, die Zusammenarbeit mit anderen Fächern, Institutionen und Personen auf einer ganz neuen Grundlage, nicht zuletzt in einer stark intensivierten internationalen Zusammenarbeit", so Gehrke.

Ein gutes Beispiel liefert das interdisziplinäre Forschungsprojekt "ANCIENT KURA", welches von der Eurasien-Abteilung des DAI in Kooperation mit aserbajdschanischen und französischen Kollegen ins Leben gerufen wurde und das Untersuchungsgebiet des Instituts im Südkaukasus über Georgien hinaus erweitert. Auf der Grundlage von Grabungen und Oberflächenuntersuchungen werden die sich rasch wandelnden Lebenswelten der prähistorischen Gemeinschaften untersucht, im Spannungsverhältnis zwischen verfügbaren natürlichen Ressourcen und ihrer Nutzung durch die Menschen. In Vorbereitung des Projekts begannen im Sommer 2009 Ausgrabungen in dem Fundplatz Kamiltepe in der Mil-Steppe. Dieser Fundort ist grundlegend für die Definition des "Milsteppe-Äneolithikums", die bisher als älteste sesshafte Besiedlung in dieser Region des Südkaukasus gilt. Die neuen Untersuchungen erlauben nun eine Datierung in die Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr., womit diese erste Besiedlung nunmehr um ein ganzes Jahrtausend älter anzusetzen ist als bisher bekannt.
Zugleich liefert Kamiltepe einen ungewöhnlichen Baubefund, der bisher im Südkaukasus einzigartig ist. Es handelt sich um eine massive Anlage - vermutlich eine Plattform - von mindestens 18 m Durchmesser und einer Höhe von mindestens 2,6 m. An ihrer Außenfassade ansetzende Räume mit dicken Ascheschichten voller Tierknochen und Kochgeschirr am Rand der Plattform führen zu der Annahme, es handele sich hier um einen zentralen Versammlungsort für gemeinschaftliche Feiern. Vergleichbare Bauwerke sind bisher weder im Südkaukasus noch im weiteren Bereich Westasiens bekannt.

Im Anschluss an den Jahresbericht des Präsidenten hielt Dr. Margarete van Ess, wissenschaftliche Direktorin der Orient-Abteilung des DAI, den Festvortrag zum Thema "Heiligtum und Stadt. Die urbane Entwicklung Baalbeks (Libanon) in römischer bis frühmittelalterlicher Zeit". Die städtebauliche und historische Entwicklung von Baalbek, seit 1984 Weltkulturerbe, wird in interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Vorderasiatischen Archäologen, Klassischen Archäologen, Althistorikern, Bauhistorikern, Geodäten, Geophysikern, Geomorphologen und Orientalisten seit mehreren Jahren von der Orient-Abteilung des DAI betreut.

Hier könne Sie den aktuellen Forschungsplan mit allen im Jahresbericht vorgestellten Projekten herunterladen.

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