ERC Grant für die Erforschung von Gestaltungsformen in Pompeji und Herculaneum

Als der Vesuv im Jahr 79 nach Christus ausbrach, vernichtete er mühelos die Städte am Golf von Neapel: Pompeji und Herculaneum wurden unter Asche und vulkanischem Gestein begraben und kamen erst durch die Hände von Archäologinnen und Archäologen wieder ans Tageslicht. Die Ruinenstädte erzählen spannende Geschichten aus der Antike. Die Einblicke in das Leben der damaligen Zeit werden jetzt noch facettenreicher: Professorin Annette Haug, Direktorin der Abteilung Klassische Archäologie des Instituts für Klassische Altertumskunde an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), hat vom Europäischen Forschungsrat (ERC) dafür einen der begehrten ERC Consolidator Grants erhalten.

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Der Aufenthaltsraum im Haus "der vergoldeten Amoretten" in Pompeji
Der Aufenthaltsraum im Haus "der vergoldeten Amoretten" in Pompeji zeigt eine aufwändige Boden- und Wandgestaltung. (Foto: Prof. Dr. Annette Haug)

Ihr Projekt "Dekorative Prinzipien der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Italien" (DECOR) wird mit zwei Millionen Euro über fünf Jahre gefördert. Unterstützt wird Haug dabei von der Kieler Graduiertenschule Human Development in Landscapes. In der letzten Ausschreibungsrunde konnten in ganz Deutschland nur zwei ERC Grants in den Geistes- und Sozialwissenschaften eingeworben werden, darunter jener der Kieler Professorin Annette Haug.

Im DECOR-Projekt geht das Forschungsteam um Professorin Haug der Frage nach, wie die Menschen in Italien zwischen der späten Republik und dem Ende der frühen Kaiserzeit (2. Jahrhundert vor Christus bis 1. Jahrhundert nach Christus) unterschiedliche Bereiche ihrer antiken Lebenswelt visuell ausgestalteten, sprich dekorierten. Unter dem Begriff "Dekor" werden alle Gestaltungsformen von Wandmalerei über Mosaike und Bauornamentik bis hin zu Skulpturen verstanden. Einzeln wurden diese Gestaltungsformen bereits intensiv von der Archäologie erforscht. Das DECOR-Projekt möchte nun erstmals alle Elemente in ihrem Zusammenwirken betrachten. Diesen neuen, übergreifenden Ansatz wollen Haug und ihr Team sowohl auf Häuser und Heiligtümer als auch auf Hauptstraßen anwenden. Insbesondere die antiken Siedlungen Pompeji und Herculaneum bieten dafür zahlreiche Gelegenheiten.

"Die Ruinenstädte am Golf von Neapel vermitteln den Touristeninnen und Touristen einen ersten Eindruck römisch-urbanen Lebens und Wohnens zur damaligen Zeit. Im Vergleich zu heute hat sich natürlich vieles verändert, und doch ist es nachvollziehbar, dass sich der Dekor in einer Kirche von dem unseres Schlafzimmers unterscheiden wird", sagt Haug. Schon damals änderte sich der Wohngeschmack im Laufe der Zeit. "Komplizierter wird es, nach den Gründen für die Wahl von Ausstattungen zu fragen oder danach, welchen Gesamteindruck die Wahl der Möbel und Bilder in einem Wohnzimmer erzeugen." Hier liege die methodische Herausforderung des Projekts. Exemplarisch für verschiedene Funktionsräume sollen Gebäude möglichst vollständig rekonstruiert werden. Auf dieser Grundlage können Aussagen zum Zusammenhang von Raumgestaltung und Raumnutzung getroffen werden.

Die materielle Kultur der damaligen Umbruchzeit ist gut erhalten. Die Architektur und dekorativen Strukturen bieten sich für eine vertiefende Studie an. Welche ästhetischen Ideen standen hinter den Gestaltungsformen? Wie sollte der Wohnraum inszeniert werden? Besitzen dekorative Prinzipien einen sozialen Sinn? "In römischen Häusern war es typisch, dass bestimmte soziale Gruppen verschiedene Zugangsmöglichkeiten zu einzelnen Räumen bekommen haben. Mich interessiert das Zusammenspiel von sozialer Interaktion und architektonischer Ausstattung", sagt Haug. So gebe es auch viele erotische Wandmalereien, die Fragen offen lassen. "In einem gut bekannten Bordell wurden solche differenzierten Szenen gefunden. Möglicherweise konnten dadurch persönliche Wünsche gezeigt werden."

Mit dem Projektstart im Oktober 2016 verbindet Haug vor allem einen Austausch mit vielen Forscherinnen und Forschern und die Möglichkeit, "sich für die Forschung etwas freier zu machen". Mit dem ERC Consolidator Grant erhält die CAU in einer ihrer zentralen Forschungsschwerpunkte – Social, Environmental and Cultural Change – Verstärkung. Die eingeworbenen Drittmittelstellen ermöglichen es, die Forschung in diesem Bereich voranzubringen und zugleich mit anderen Großprojekten zu vernetzen. Haug: "Für die Geisteswissenschaften in Deutschland könnte das Thema ein neuer Schwerpunkt werden. Und dass der Schwerpunkt in Kiel etabliert werden kann, freut mich ganz besonders."

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