Drama: Ergebnisse aus mehreren Jahrzehnten Grabungsarbeit in Bulgarien

Saarbrücker Archäologen haben während ihrer beinahe 20 Jahre andauernden Grabungsarbeiten auf dem Siedlungshügel Merdžumekja in der Nähe des südostbulgarischen Dorfes Drama zahlreiche Erkenntnisse gewonnen. Zwischen 1983 und 2002 gruben sie dort gemeinsam mit bulgarischen Archäologen Siedlungen aus, deren älteste Überreste rund 6.500 Jahre alt sind. Diese ältesten Befunde hat Dr. Frank Fecht nun in einem Buch zusammengefasst.

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Hausgrundrisse
Hier sieht man die bei den Grabungen in Drama freigelegten Grundrisse zweier Häuser, die zwar nebeneinander liegen, aber nicht gleichzeitig existiert haben, wie Frank Fecht herausgefunden hat. Foto: Un Saarbrücken / Vor- und Frühgeschichte

Fecht, der 1985 als Student zu seiner ersten Grabungskampagne mit ins bulgarische 100-Seelen-Dorf Drama im Südosten Bulgariens fuhr und dann mit wenigen Unterbrechungen bis zum Grabungsende 2002 dabei war, untersucht darin die älteste Siedlung, die auf dem zirka 160 mal 120 Meter großen Hügel Merdžumekja auffindbar ist. Die Menschen, die der steinzeitlichen sogenannten Karanovo-V-Kultur zugeordnet werden, errichteten demnach in dieser ältesten Siedlungszeit während der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends vor Christus insgesamt 61 Gebäude auf dem Hügel, der sich heute zum umliegenden Flüsschen Kalnica rund sechs Meter erhebt. 60 dieser Gebäude waren Wohnhäuser, eines hatte eine Funktion, die den Wissenschaftlern bisher unklar ist. Anders als die Wohnhäuser war es nicht von einer Mauer umgeben, die in Flechtwerktechnik errichtet wurde und deren starke, im Boden verankerte Pfosten, die teilweise dicht beieinander stehen, ein Dach trugen. Im Gegensatz dazu umkränzte eine niedrige Mauer aus einem gestampften Kalk-Lehm-Gemisch ohne Fundament den zweigeteilten Bereich, der wahrscheinlich auch ohne Dach blieb.

Dieses Areal unterscheidet sich auch in anderer Hinsicht von den Wohngebäuden. »Hier ist auch kein typischer Fußboden nachgewiesen«, erläutert Frank Fecht. Während in fast allen der übrigen 60 Häuser Holzböden in einer bis zu 70 Zentimeter tiefen Mulde verlegt wurden, die mit einem Lehmestrich bestrichen wurden und mit einer hygienischen Kalkschicht bedeckt waren, fehlte dieser Aufbau im Inneren der mit niedrigen Mauern begrenzten Anlage gänzlich. Das zeigen Reste in der zwei Meter mächtigen Kulturschicht, die die insgesamt fast 1000 Jahre andauernde durchgehende Besiedlungszeit archiviert. Ähnlich wie Geologen, Paläontologen und Geographen die Erdgeschichte anhand waagerechter Schichten im Erdreich, so genannten Horizonten, rekonstruieren können, erschließen sich Archäologen auf diese Weise Schritt für Schritt die Lebensweise und hier vor allem die Bauweise unserer Vorfahren.

In den in Mulden errichteten Holzböden, die in einigen Häusern bis zu siebenmal erneuert wurden, liegt eine der wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse für Thrakien in Frank Fechts Arbeit. Bisherige archäologische Grabungen haben sich meist auf die jüngere Karanovo-VI-Kultur beschränkt, da schon diese in der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends vor Christus lebenden Menschen die älteren Erdschichten durch ihre Bauarbeiten »gestört« haben, wie Archäologen sagen. Anders ausgedrückt: Die Nachfahren der frühen Siedler gruben Urururgroßvaters Wohnzimmer um, um ihr eigenes Wohnzimmer bauen zu können und zerstörten so das unversehrte Bild der vorangehenden Siedlungsreste. »Die Erkenntnisse zu in mäßig tiefen Mulden verlegten Fußböden sind wissenschaftlich gesehen für diese Zeit relativ neu«, erklärt Frank Fecht. »Beobachtungen zu in seichten Mulden verlegten Böden konnten jedoch schon bei zwei Häusern in der jüngsten Siedlungsschicht der nahe gelegenen Flachsiedlung Drama-Gerena gemacht werden, die in die vorausgehende Karanovo-IV-Zeit zu datieren ist«, ergänzt er.

Er hofft auch, mit seiner Arbeit ein methodisches Umdenken in die Wege zu leiten. Denn auch im Nordosten Bulgariens finden sich Karanovo-V-zeitliche Siedlungen in ähnlicher Bauweise. Nach bisheriger Lehrmeinung sind sie aber geplant worden und nicht über Jahrhunderte gewachsen wie die Siedlung Merdžumekja. Diese These könnte nun aber auf tönernen Füßen stehen. Denn die bulgarischen Forscher, die die Siedlungen im Nordosten untersucht haben, haben einfach immer eine Spatentiefe weiter gegraben und sich dann angeschaut, was in der neu geschaffenen Fläche erkennbar ist. Da aber ein Spatenblatt weit weniger tief in die Erde reicht als ein eingetiefter Pfosten, legt man über Strecken immer wieder zum Großteil dieselben Pfostenstellungen frei und dokumentiert sie. »So kann man letztendlich zu dem Schluss gelangen, dass die Siedlung irgendwann geplant entstanden ist und einige Zeit in mehr oder weniger derselben Form weiter existiert hat«, gibt Fecht zu bedenken.

Die Grabungsteams aus Saarbrücken und Sofia hingegen seien in der Region um Drama anders vorgegangen. Sie haben Gebäude für Gebäude einzeln freigelegt und die sich teils überlappenden und überlagernden Grundrisse später ihrer Lage in der etwa zwei Meter dicken Schicht der kulturellen Überreste zugeordnet, um so für jede Zeit ein eindeutiges Bild des Dorfes zu erhalten. Eine Methode, die deutlich sinnvoller erscheint als die kritisierte bulgarische Methode, die vergleichbar damit wäre, dass heute ein ganzes Dorf abgerissen und neu errichtet wird, wenn ein Bauer eine Scheune neu baut.

Publikation

Frank Fecht, Merdžumekja – die Karanovo-V-Siedlung. Die Befunde. Drama -  Forschungen in einer Mikroregion Band 2 (Bonn; Habelt 2016).

Hintergrund

Das Langzeitprojekt »Siedlungsarchäologische Forschungen in der Mikroregion von Drama« hat 1983 als Kooperation zwischen der Universität Sofia und der Universität des Saarlandes begonnen. Aktuell leitet das Projekt Prof. Dr. Rudolf Echt auf Seiten der Saar-Uni und Prof. Dr. Ljudmil Getov an der Universität Sofia. Die Grabungsarbeiten liefen von 1983 bis 2002. Die Auswertungen mündeten bisher in über 20 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wobei Frank Fechts Buch die jüngste ist. Nach wie vor werden weitere Funde aus der Region ausgewertet.

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