Der Körper des Kaisers. Identität der sterblichen Überreste aus dem Sarkophag Ottos des Großen bestätigt

Seit 2025 steht das Grabmal Kaiser Ottos I. im Magdeburger Dom im Mittelpunkt eines umfangreichen Dokumentations- und Konservierungsprojektes. Nach der Öffnung des Grabes widmet sich eine multidisziplinäre Forschergruppe der Untersuchung der sterblichen Überreste aus der Grablege. Besonders bedeutend sind die Ergebnisse archäogenetischer Analysen, die belegen, dass es sich bei den sterblichen Überresten aus dem Magdeburger Grabmal mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um die Gebeine Kaiser Ottos I. handelt.

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Schädel Ottos des Großen wird im Computertomographen untersucht
Computertomographische Untersuchung der sterblichen Überreste Ottos des Großen im Universitätsklinikum Magdeburg. Foto: Claudio Dähnel © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Nachdem der steinerne Sarkophag sowie der darin aufgefundene, ebenfalls stark konservierungsbedürftige Holzsarg im letzten Jahr geöffnet worden waren, wurde der Grabinhalt in den letzten Monaten dokumentiert und zur Sicherung, Erhaltung und Untersuchung entnommen. Anfang 2026 bildete sich eine multidisziplinäre Forschergruppe, die sich der grundlegenden anthropologischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Untersuchung der sterblichen Überreste aus der Grablege widmet. Im Rahmen eines Pressetermins im Beisein von Ministerpräsident Sven Schulze und Staatsminister und Minister für Kultur Rainer Robra auf dem Campus der Universitätsmedizin Magdeburg gaben die beteiligten Spezialisten heute Einblicke in ihre laufenden Forschungen. Von besonderer Bedeutung sind die bereits vorliegenden Ergebnisse archäogenetischer Analysen an den Gebeinen Ottos des Großen (gestorben 973) sowie Kaiser Heinrichs II. (gestorben 1024) aus dem Bamberger Dom: Sie belegen, dass es sich bei den sterblichen Überresten aus dem Grabmal im Magdeburger Dom mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um die Gebeine Kaiser Ottos I. handelt.

Ministerpräsident Sven Schulze zeigte sich von den Forschungsergebnissen beeindruckt: »Otto der Große hat von Magdeburg aus europäische Geschichte geschrieben. Dass unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heute mit modernsten Methoden seinen Spuren nachgehen können, zeigt die Stärke unseres Wissenschaftsstandorts Sachsen-Anhalt. Darauf können wir stolz sein. Als Landesregierung setzen wir uns dafür ein, dass Forschung und kulturelles Erbe bei uns weiterhin beste Bedingungen haben.«

Staatsminister und Minister für Kultur Rainer Robra unterstrich seinerseits den hohen Anspruch des Projektes: »Seit Beginn der Maßnahme hat das Kooperationsprojekt des LDA und der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt in Abstimmung mit der Evangelischen Domgemeinde und EKM beachtliche Ergebnisse erzielt – und die Forschungen sind noch längst nicht abgeschlossen. Allen Beteiligten des multidisziplinären Netzwerks möchte ich für ihre Arbeit bereits jetzt herzlich danken.«

Otto I., der durch die Wiederbelebung des römischen Kaisertums den Grundstein für das spätere Heilige Römische Reich legte, ist eine zentrale Figur der europäischen Geschichte. Sein Grabmal im Magdeburger Dom ist daher auch über die Landesgrenzen Sachsen-Anhalts hinaus ein Denkmal von erheblichem kulturhistorischen Wert. Seiner Pflege und Erhaltung kommt aus Sicht der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt als Eigentümerin des Magdeburger Domes, der Evangelischen Domgemeinde als Nutzerin des Gotteshauses sowie des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt als zuständigem Denkmalfachamt oberste Priorität zu. Im Rahmen des turnusmäßigen gemeinsamen Monitorings der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt wurden am Grabmal Ottos des Großen im Jahr 2024 besorgniserregende Schäden beobachtet. Beide Institutionen sahen sich daher gezwungen, Maßnahmen zur Konservierung dieses bedeutenden Denkmals in die Wege zu leiten. 

Im Januar 2025 wurde das Grab Ottos I. im Magdeburger Dom von einer geschlossenen Einhausung aus Holzwerkstoffplatten umgeben, innerhalb derer die diffizilen Arbeiten am Sarkophag unter optimalen Bedingungen durchgeführt werden konnten.

Am Beginn der Maßnahmen standen zunächst die detaillierte zeichnerische, fotografische und 3D-Dokumentation des Monuments sowie der äußerlich sichtbaren Schäden. Daneben wurden verschiedene non-invasive Untersuchungen zur Beurteilung der Stabilität des Sarkophags sowie von dessen Umfeld durchgeführt. Die Untersuchungen bestätigten die akute Gefährdung des Grabmals insbesondere durch im 19. Jahrhundert eingebrachte Eisenteile, die fortschreitender Korrosion ausgesetzt sind. Zudem wurde das Eindringen von Feuchtigkeit und damit zusammenhängende Salzbelastung als Bedrohung der Integrität des Sarkophags erkannt. Im Zusammenspiel mit den erheblichen klimatischen Schwankungen und den teils extremen Luftfeuchtewerten im Dom verfestigte sich das Gesamtbild einer hochgradigen Gefährdung des Denkmals.

Um dieser Gefährdung entgegenwirken und den Sarkophag sanieren zu können, war es notwendig, die rund 300 Kilogramm schwere Deckplatte des Kastens zu heben, die, wie renommierte Spezialisten auf dem Gebiet der Bestimmung antiken Marmors mittlerweile analysieren konnten, aus Marmor von der Prokonnesos, der heutigen Marmara-Insel (Türkei), besteht. Ebenso unumgänglich war es, den darunter angetroffenen schlichten Holzsarg zu entnehmen, der ebenfalls in einem konservatorisch höchst bedenklichen Zustand war. Zuvor wurden der hölzerne Kasten sowie die Situation in seinem Inneren zeichnerisch und fotografisch dokumentiert sowie als hochauflösendes 3D-Modell festgehalten.

Die Bestimmung und naturwissenschaftliche Datierung der Hölzer ergab, dass der Sarg aus Kiefernhölzern aus dem Hohen Mittelalter zusammengesetzt wurde. Das Holz für den Deckel wurde laut dendrologischer Begutachtung im Winter 1208 geschlagen und im unmittelbaren Anschluss verarbeitet. Aller Wahrscheinlichkeit nach steht die Anfertigung des Sargs im Zusammenhang mit der Umbettung der Gebeine Ottos des Großen nach dem Dombrand von 1207 und dem anschließenden Neubau des Doms.

Innerhalb des Holzsarges fanden sich durcheinander liegende textile und pflanzliche Reste, Sediment und Gebeine. Von Mitte Juni 2025 bis Anfang Februar 2026 wurde dieser Befund ausführlich dokumentiert und der Inhalt des Sarges nach und nach entnommen.

Unter den Textilien stechen ein rotes Einschlagtuch aus byzantinischer oder spanischer Seide und eine blau gefärbte Decke mit Silberfäden hervor. Die Fragmente sind teils sehr fragil und stark konservierungsbedürftig. Bemerkenswert sind ferner Funde von Eierschalen und Obstkernen, ein Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Stück Fensterglas, die mehrfache zeitlich getrennte Manipulationen am Grabmal belegen.

Nach der Entnahme des Inhalts wurde auch der Holzkasten aus dem Sarkophag entfernt. Dies gab ein eingemeißeltes Kreuz sowie ein Ausflussloch auf dem Grund des Steintroges frei und ermöglichte es erstmals, das gesamte Ausmaß der Schäden an den fragilen Sarkophagwänden in Augenschein zu nehmen. Zur Konservierung des Steintroges sowie zur Sicherung des Untergrundes an seinem Standort war es notwendig, den Sarkophag innerhalb des Domes zu versetzen, was im Februar 2026 erfolgte. Während derzeit in einer weiteren Einhausung innerhalb des Domes die Konservierung des Sarkophags vorbereitet wird, wurde im Hohen Chor innerhalb der Einhausung mit der archäologischen Dokumentation des Standortes des Grabmals begonnen, die der Vorbereitung von dessen Neuaufstellung dient.

Parallel zu den Tätigkeiten im Dom erfolgte die weitere nationale und internationale Vernetzung des Projektteams mit Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Disziplinen, die mit ihrer jeweiligen Expertise, unter anderem zu Textilien, Sedimenten, zoologischen und weiteren organischen Relikten zusammen mit den auf Seiten der Kooperationspartner beteiligten Restauratorinnen und Restauratoren sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern dazu beitragen werden, die Grablege zu sichern und umfassend zu analysieren.

Die Gebeine des Kaisers verbleiben dabei weiterhin in Magdeburg und sollen am 1. September 2026 in einem neu gestalteten Sarg, der derzeit im Ergebnis eines von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt initiierten Wettbewerbs entsteht, im Magdeburger Dom wieder beigesetzt werden.

Angesichts der Bedeutung der historischen Persönlichkeit Ottos des Großen für die Stadt Magdeburg und darüber hinaus standen in den vergangenen Monaten die Untersuchung des menschlichen Skeletts aus dem Holzsarg sowie die Frage im Vordergrund, ob es sich bei ihnen tatsächlich um die sterblichen Überreste des 973 verstorbenen Kaisers handelt. Die anthropologische Erstuntersuchung erfolgte durch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Daneben wurde im Januar dieses Jahres eine Forschergruppe aus renommierten Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern unterschiedlicher naturwissenschaftlicher und medizinischer Disziplinen gebildet, deren Mitglieder sich verschiedener spezifischer Aspekte und Fragestellungen annehmen. Besonderer Dank gilt der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Magdeburg, an dem die Computertomographie-Untersuchungen der Skelettfunde sowie das Auftakttreffen der im Januar dieses Jahres zusammengetretenen Forschergruppe durchgeführt werden konnten.

Die anthropologischen Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass die sterblichen Überreste aus dem Sarg Ottos des Großen von einem einzigen, eindeutig männlichen Individuum stammen, dessen Skelett so gut wie vollständig und in einem sehr guten Erhaltungszustand vorliegt. Mit einer Körperhöhe von rund 180 Zentimetern war der Verstorbene etwa 10 Zentimeter größer als der durchschnittliche Zeitgenosse Ottos im 10. Jahrhundert. Das am Skelett bestimmbare Sterbealter des Individuums von etwa 55 bis 65 Jahren passt gut zur historischen Überlieferung, der zufolge Otto I. im Alter von 60 Jahren das Zeitliche segnete. Stark ausgeprägte Muskelansätze an Oberschenkel- und Beckenknochen belegen, dass der Verstorbene regelmäßig als Reiter im Sattel saß, was ebenfalls mit den vorliegenden biografischen Informationen Ottos des Großen übereinstimmt. Besonders an den Knie- und Hüftgelenken sind arthrosetypische Veränderungen zu erkennen. Auffällig sind daneben Verknöcherungen von Knorpelgewebe, unter anderem an Kehlkopf und Rippen. An der linken Speiche lassen sich Spuren einer verheilten Fraktur erkennen. Darüber hinaus erwies sich der Blick auf den Schädel als besonders aufschlussreich. Im Bereich des Hinterhaupts und des Gesichtsschädels finden sich Spuren verheilter Gewalteinwirkung. Im Kieferbereich fehlen drei obere Schneidezähne, die bereits zu Lebzeiten verloren gingen, womöglich im Zusammenhang mit den anderen Verletzungen am Schädel. Daneben finden sich ein kariöser Zahn, Parodontitis sowie ausgeprägte Zahnsteinbildung an den unteren Schneidezähnen. An Schädelbasis und den oberen Halswirbeln zeigen sich einseitig vergrößerte Gefäßkanäle.

Während die Diskussion möglicher Ursachen und Auswirkungen dieser Besonderheit sowie die Untersuchung der weiteren skizzierten Beobachtungen durch die in Magdeburg, Halle (Saale), Hildesheim und Saarbrücken ansässigen Mitglieder der multidisziplinären Forschergruppe gegenwärtig noch am Anfang stehen, ermöglichen die naturwissenschaftlichen Analysen von Knochenproben aus dem Sarg Ottos I. am Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie (CEZA) in Mannheim bereits erste wichtige Aussagen.

Einerseits erbrachte die Radiokohlenstoffdatierung (14C-Methode) Werte, die im erwarteten Altersbereich liegen und somit mit der historischen Einordnung der sterblichen Überreste von Otto dem Großen übereinstimmen. Daneben gaben Isotopenanalysen Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten des Verstorbenen. Die Ergebnisse sprechen für den häufigen Verzehr tierischer Proteine und wahrscheinlich auch von Süßwasserfisch. Dazu kamen in Mitteleuropa gängige Nahrungspflanzen, vor allem Getreide sowie Hülsenfrüchte, wobei die bei ärmeren Bevölkerungsschichten verbreitete Hirse offenbar nicht in größerem Maßstab verzehrt wurde. Diese Nahrungsgewohnheiten sind typisch für elitäre Persönlichkeiten des Mittelalters aus dem mitteleuropäischen Raum.

Zusammenfassend stammen die sterblichen Überreste aus der Grablege Ottos des Großen also von einem großgewachsenen Mann, der im Alter von etwa 60 Jahren starb, der mittelalterlichen Elite angehörte, sich häufig reitend fortbewegte und, so deuten es die verschiedenen Verletzungsspuren an, ein bewegtes Leben führte.

Sprechen bereits die vorstehend angeführten Ergebnisse der anthropologischen, osteologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen für eine Identifikation des Skeletts aus dem Grab Ottos des Großen mit den sterblichen Überresten des Kaisers, so liefern archäogenetische Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI EVA), Leipzig, ein entscheidendes, ausschlaggebendes Indiz.

Möglich war dies aufgrund der Tatsache, dass dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie nicht nur Proben aus der Bestattung Ottos des Großen vorlagen, sondern auch von sterblichen Überresten, die traditionell einem nahen Verwandten des Kaisers zugeschrieben werden. So befinden sich in der Reliquiensammlung des Bamberger Domes der Schädel sowie die Oberschenkelknochen Heinrichs II. (973 bis 1024), des letzten Ottonenherrschers auf dem ostfränkischen Kaiserthron, der zusammen mit seiner Ehefrau Kunigunde im Bamberger Dom bestattet und als einziger mittelalterlicher Kaiser heiliggesprochen wurde. Mit Zustimmung des Domkapitels sowie des Erzbischofs Herwig Grössl wurden diesen Gebeinen Anfang 2025 kleine Proben zur DNA-Analyse entnommen, deren Ergebnisse nun vorliegen.

Sie belegen, dass alle drei Heinrich II. zugeschriebenen Knochen der Bamberger Reliquiensammlung von einem einzigen Individuum stammen. Von besonderer, ausschlaggebender Bedeutung ist allerdings die Tatsache, dass dieses Individuum sowie das Individuum aus dem Sarg Ottos des Großen biologisch nahe miteinander verwandt sind. Sie sind durch eine genetische Verwandtschaft dritten Grades miteinander verbunden, wobei die Verwandtschaft über gemeinsame Vollgeschwister verläuft und über eine ununterbrochene männliche Linie zurückzuverfolgen ist, beide Individuen also in männlicher Linie auf einen gemeinsamen Ahnen zurückgehen.

Dies passt schlüssig zur historischen Überlieferung, der zufolge Kaiser Heinrich II. als Enkel von Ottos Bruder Herzog Heinrich von Bayern der Großneffe des in Magdeburg bestatteten Kaisers war.

Damit belegen die archäogenetischen Untersuchungsergebnisse nicht nur die Verwandtschaft der beiden untersuchten Individuen, sondern darüber hinaus auch die Echtheit und Identität der Gebeine Heinrichs II. und Ottos I. So wäre es höchst unwahrscheinlich anzunehmen, dass die sterblichen Überreste der Kaiser sowohl in Magdeburg als auch Bamberg ausgetauscht wurden und dabei die Gebeine zweier anderer, über die väterliche Linie im dritten Grad miteinander verwandte mittelalterliche Individuen in die Grablegen gelangt wären. Vielmehr ist im Umkehrschluss die Folgerung erlaubt, dass es sich bei den untersuchten sterblichen Überresten tatsächlich um die Gebeine der beiden Kaiser Otto I. und Heinrich II. handelt. Die Identifizierung des Bestatteten aus dem kaiserlichen Grabmal im Magdeburger Dom als Otto I. darf damit als bestätigt gelten. »Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wir hier also die tatsächlichen sterblichen Überreste Kaiser Ottos des Großen vor uns«, so der Direktor des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Harald Meller.

Sarkophag Ottos des Großen
Der Sarkophag Ottos des Großen im Chorraum des Magdeburger Doms. Foto: Andrea Hörentrup © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt