Neuer Eiszeit-Leopard aus Thüringen
Die Travertinablagerungen von Burgtonna nördlich der thüringischen Kreisstadt Gotha gehören zu den bedeutendsten paläontologischen Fundstellen der europäischen Quartärpaläontologie. Bereits im Jahr 1696 wurden dort fossile Elefantenreste weltweit erstmals wissenschaftlich beschrieben. "Die von uns untersuchten Fossilien stammen von Andreas Lindner aus Mühlhausen, der bereits während der 1990er Jahre in der südlichen Grube von Burgtonna zahlreiche paläontologische Funde entdeckte", erläutert Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke, langjähriger Leiter der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar und heute ehrenamtlicher Mitarbeiter bei Senckenberg. "Zu den besonders bemerkenswerten Funden gehören mehrere Großkatzen-Fossilien. Hiervon haben wir einen rechten Unterkieferast mit Bezahnung, einen Backenzahn aus dem Oberkiefer sowie mehrere Knochen der Gliedmaßen analysiert. Die Fossilien lagen mehrere Meter tief im Travertingestein und lassen sich dem Eem zuordnen – der globalen Warmzeit vor der letzten Eiszeit.“
Die Untersuchung der Zähne und Knochen ergab, dass die wahrscheinlich von einem einzelnen Tier stammenden Fossilien einer bislang unbekannten Unterart europäischer Leoparden zuzuordnen sind. Panthera pardus burgtonnae gehört zu einer taxonomischen Gruppe, die bereits aus pleistozänen Fundstellen wie den Lössablagerungen über den hessischen Mosbach-Sanden und der thüringischen Lokalität Weimar-Taubach aufgefallen war. Die Merkmale dieser Leoparden unterscheiden sich deutlich von denen der vor allem während der späteren Weichsel-Kaltzeit in Europa verbreiteten Form Panthera pardus antiqua. Diese war während der letzten Eiszeit wesentlich häufiger anzutreffen und in weiten Teilen Europas verbreitet. "Besonders auffällig ist der erste untere Backenzahn der neuen Unterart. Er ist vergleichsweise schmal und niedrig. Gleichzeitig besitzt ein davor liegender Zahn eine ungewöhnlich breite Vorderseite. Diese Kombination von Merkmalen macht den Burgtonna-Leoparden innerhalb der europäischen Leopardenfunde gut erkennbar“, fügt Kahlke hinzu.
Beide europäischen Leopardenformen des späten Pleistozäns waren im Vergleich zu heutigen Artvertretern besonders kräftig gebaut. Sie übertrafen die rezenten Verwandten deutlich in ihrer Körpermasse und kamen in dieser Hinsicht Jaguaren nahe. "Für die Burgtonna-Leoparden lässt sich anhand eines Oberarmknochens ein Gewicht von etwa 35 bis 40 Kilogramm berechnen. Der untersuchte Körperbau deutet dabei auf ein ausgesprochen kräftiges weibliches Tier hin", erklärt Prof. Helmut Hemmer. Um die unterschiedliche Körpergestalt verschiedener Leoparden vergleichbar zu machen, führen die Autoren in ihrer Studie einen neuen Körpermassenindex ein. Er setzt die Körpermasse mit der Kopf-Rumpf-Länge in Beziehung und funktioniert damit ähnlich wie der aus der Humanmedizin bekannte BMI.
Die außergewöhnliche körperlich Robustheit der fossilen europäischen Leoparden führt das Forscherteam zu einer weiteren Fragestellung: Kam es zur Übertragung von genetischem Material zwischen den während des Mittelpleistozäns in Europa noch vorkommenden Jaguaren (Panthera onca gombaszoegensis) und damaligen Leoparden? "Ein Genfluss zwischen den beiden Arten, aber auch von erst kürzlich nachgewiesenen europäischen Schneeleoparden, ist durchaus denkbar. Ob es tatsächlich zu einer Vermischung kam, lässt sich allerdings nur durch molekulargenetische Untersuchungen klären. Dafür wären insbesondere Analysen vollständiger Genome notwendig", gibt Hemmer einen Ausblick.
Die neuen Ergebnisse tragen dazu bei, die komplizierte Geschichte der Großkatzen zu ordnen. Sie zeigen, dass sich in Europa bereits im späten Mittelpleistozän unterschiedliche evolutionäre Linien von Leoparden herausgebildet hatten. Panthera pardus burgtonnae war während der Eem-Warmzeit offenbar weit verbreitet, ihr Nachweis reicht mindestens von Mitteleuropa bis zur Apenninenhalbinsel. Während der späteren Weichsel-Kaltzeit war in Mittel- und Südosteuropa dagegen vor allem Panthera pardus antiqua verbreitet. "Die Funde aus Burgtonna zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in paläontologischen Fundstellen und wissenschaftlichen Sammlungen steckt, um die komplexe Evolutionsgeschichte der Eiszeitfauna zu entschlüsseln", schließt Kahlke.
Publikation
Panthera pardus burgtonnae ssp. nov. (Mammalia, Carnivora, Felidae) from the Eemian of Burgtonna (Thuringia, Germany) – Late Pleistocene European leopards in a new perspective
Palaeobiodiversity and Palaeoenvironment. 13.6.2026
DOI: 10.1007/s12549-026-00702-8
RSS-Feeds @ Archäologie Online
- Nachrichten
- Videos
- Podcasts






