Der lange Arm der Hanse

Wie haben sich Randgemeinden Nordwesteuropas an den Wandel der Wirtschaft in der frühen Neuzeit angepasst? Und welche Rolle haben dabei Kaufleute aus den Hansestädten Bremen und Hamburg gespielt? Diesen Fragen geht ein neues Forschungsprojekt unter Beteiligung des Deutschen Schifffahrtsmuseums / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte (DSM) am Beispiel der schottischen Orkney- und Shetlandinseln in den Jahren 1468 bis 1712 nach.

Vermessung des einstigen deutschen Handelsplatzes in Gunnister Voe, Northmavine, Shetland
Natascha Mehler bei der Vermessung des einstigen deutschen Handelsplatzes in Gunnister Voe, Northmavine, Shetland. (Foto. DSM)

In der frühen Neuzeit dehnte sich die Entwicklung eines kapitalistischen Welthandelssystems allmählich aus, bis es einen Großteil der Welt in seinen Einflussbereich brachte. Auch in Europa führte dies dazu, dass periphere Orte eng in die kontinentaleuropäischen Handelsnetze eingebunden wurden. In dem Projekt mit dem Titel "Looking in from the Edge" (LIFTE) untersuchen Forschende aus Großbritannien und Deutschland, wie die Orkney- und Shetlandinseln im frühneuzeitlichen Europa in einen größeren Wirtschaftsraum integriert wurden. Zugänge dafür liefern dabei unter anderem Archivforschungen, Geländebegehungen und Ausgrabungen an ehemaligen Handelsplätzen.

Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem britischen Arts and Humanities Research Council (AHRC) mit insgesamt rund 900.000 Euro gefördert. Es ist eins von 19 Projekten, die im Wettbewerb eines neu initiierten deutsch-britischen Kooperationsverfahrens unter 170 Bewerbungen überzeugten. Neben dem DSM auf deutscher Seite sind auf britischer Seite das Archäologische Institut des Orkney College der University of Highlands and Islands und die University of Lincoln an LIFTE beteiligt.

PD Dr. Natascha Mehler, die die deutsche Projektgruppe am DSM leitet, untersucht mit ihrem Team seit einigen Jahren den deutschen Handel mit den nordatlantischen Inseln. Das Wissen über Handelsmechanismen und deren kulturelle Auswirkungen sei erheblich angestiegen. Doch die vorherigen Forschungen fokussierten sich vornehmlich auf Island. LIFTE, so sagt sie, hat dabei einen anderen Blickwinkel: „Dieses neue Projekt ermöglicht es uns nun, die Orkney- und Shetland-Inseln näher zu betrachten und die Unternehmungen der Bremer und Hamburger Kaufleute dort mit denen auf Island in einen Kontext zu stellen“.

Bei ihren Recherchen können die Forschenden auf einen Datenpool aus dem Vorgängerprojekt "Zwischen Hanse und Nordmeer - Interdisziplinäre Studien der Hanse" am DSM zurückgreifen, bei dem auch die öffentlich verfügbare Onlinedatenbank HansDoc entstand, die historische Quellen über den deutschen Handel mit Island, Shetland und den Faröern bündelt. Ergebnisse der Forschung können zudem auf dem Projektblog Fish and Ships verfolgt werden.

Die Kirche von Lunna Wick auf der Insel Unst, Shetland
Die Kirche von Lunna Wick auf der Insel Unst, Shetland, mit den Grabsteinen der Bremer Kaufleute Segebad Detken (1573) und Hinrick Segelcken (1585). (Foto: Natascha Mehler)
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