Ein internationales Forschungsteam aus den USA und Kenia entdeckte Spuren von acht Individuen eines ausgestorbenen "Cousins" des modernen Menschen, Paranthropus boisei, die sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufhielten. Bei allen dürfte es sich um Erwachsene gehandelt haben. Einige von ihnen waren offenbar deutlich größer, als bisherige Schätzungen auf Grundlage der seltenen Knochenfunde vermuten ließen.
Mithilfe der im Jahr 2024 von dem Forschungsteam entwickelten Analysemethoden war es möglich, die neuen Spuren anhand der erkennbaren Fußanatomie und Bewegungsmuster dem Paranthropus boisei zuzuordnen. Überraschend war jedoch ihre Größe. "Die Größe der Fußabdrücke deutet auf menschenähnliche Körpermaße hin, mit einer Körpergröße von bis zu 1,80 Metern und einem Gewicht von etwa 75 Kilogramm", sagt Erstautor Kevin Hatala von der Chatham University in Pittsburgh (USA) und assoziierter Wissenschaftler der Abteilung für Menschliche Ursprünge am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Bis vor Kurzem machten Schädel mit massiven Kiefern und Zähnen den Großteil der Fossilien von Paranthropus boisei aus. Über die Anatomie unterhalb des Halses war hingegen nur wenig bekannt. Die neuen Befunde stellen nun jedoch frühere Studien infrage, denen zufolge Paranthropus boisei deutlich kleiner gewesen sein soll als der zeitgleich lebende Homo erectus – ein möglicher direkter Vorfahre des modernen Menschen.
Da Flächen mit fossilen Fußspuren in der Regel sehr rasch entstehen, können sie besonders wertvolle Einblicke in das Verhalten und die Gruppendynamik früher Homininen bieten. "Dass acht überwiegend erwachsene männliche Individuen der Art Paranthropus boisei offenbar gemeinsam als Gruppe unterwegs waren – ohne Frauen oder Kinder – deutet auf eine komplexe Sozialstruktur dieser Art hin", sagt Co-Autor Neil Roach von der Harvard University. "Möglicherweise lebten sie in größeren Gruppen, in denen Männer um Partnerinnen konkurrierten, einander aber auch tolerierten, um in einer potenziell gefährlichen Umgebung besser geschützt zu sein."
Die Entdeckung ergänzt die Fossilfunde von Paranthropus boisei um eine wichtige Verhaltensdimension. Diese Art lebte neben frühen Vertretern der Gattung Homo, schlug jedoch einen anderen evolutionären Weg ein.
Eine zunehmende Anzahl von in Ufergebieten entdeckten alten menschlichen Fußabdrücken deutet ebenfalls darauf hin, dass es sich bei diesen Gebieten um einen wichtigen Lebensraum mit lebenswichtigen Ressourcen für unsere ausgestorbenen Vorfahren handelte. "Es ist erstaunlich, dass wir in zwei 40 Kilometer voneinander entfernten Gebieten von East Turkana dieselbe Art von Uferablagerungen vorfinden, die zudem etwa gleich alt sind", sagt Co-Autorin Kay Behrensmeyer von der Smithsonian Institution.
Inzwischen hat das Forschungsteam in der Region Hunderte Fußspuren von Homininen an mehr als einem halben Dutzend Fundstellen dokumentiert. Behrensmeyer ist überzeugt: "Wenn wir die geologischen Bedingungen verstehen, die die Erhaltung dieser Spuren ermöglichten, werden wir auch besser nachvollziehen können, warum Homininen über mehr als 100.000 Jahre hinweg immer wieder in die Seeuferlandschaften zurückkehrten."
Noch in diesem Jahr wird das Team nach Kenia zurückkehren, um die Forschung an diesen außergewöhnlichen Fundstellen fossiler Fußspuren fortzusetzen. "Jede Fundstelle ist eine Momentaufnahme unserer Vergangenheit. Gemeinsam ergeben sie nach und nach ein Fotoalbum, das unterschiedliche Einblicke in die Anatomie, Fortbewegung, das Verhalten und die Umweltbedingungen von Homininen im frühen Pleistozän ermöglicht", sagt Hatala.
Co-Autorin Purity Kiura von den National Museums of Kenya ergänzt: "Die Entdeckung dieser fossilen Fußspuren entlang der Ufer des Turkana-Sees verdeutlicht die globale Bedeutung dieser Region für die Erforschung der menschlichen Evolution. Sie ist Schauplatz einzigartiger Zeugnisse dafür, wie unsere frühen Verwandten vor 1,4 Millionen Jahren lebten. Zugleich stärkt sie das Ansehen Kenias als eines der weltweit wichtigsten Gebiete für die Paläoanthropologie und macht deutlich, welche große Verantwortung wir tragen, dieses unersetzliche Erbe zu schützen."
Indem die Studie neue analytische Ansätze auf außergewöhnlich gut erhaltene Fundstellen fossiler Fußspuren anwendet, zeigt sie, dass diese nicht nur die Anatomie und Fortbewegung ausgestorbener Menschenverwandter sichtbar machen, sondern auch seltene Einblicke in ihr Sozialleben und ihre Lebensräume ermöglichen.
Publikation
New insights into hominin body size, locomotion, and behavior from Early Pleistocene trackways in northern Kenya
PNAS. 27.7.2026
DOI: 10.1073/pnas.253099612




