Citizen-Science-Projekt erforscht Frauen und ihre Rolle im Wirtschaftsleben der Hansezeit
Aus den umfangreichen Beständen des Archivs der Hansestadt Lübeck wurden für das gemeinsame Projekt rund 1.200 Seiten Testamente aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie etwa 1.800 Seiten Handelsgerichtsprotokolle des Bergener Kontors ausgewählt. Diese Quellen, vom Archiv der Hansestadt als Digitalisate bereitgestellt, werden nun für die gemeinsame Forschung digital aufbereitet und transkribiert. Die historischen Dokumente geben Einblicke in wirtschaftliche Beziehungen, Besitzverhältnisse und den Alltag der Menschen in der Hansezeit. Gerade die Testamente und Gerichtsprotokolle können dabei neue Hinweise auf die Rolle von Frauen im Wirtschaftsleben liefern. Untersucht werden Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebens- und Berufshintergründen – von der Magd bis zur Kauffrau. »Mich interessiert besonders, welche unterschiedlichen Rollen Frauen im Wirtschaftsleben des Mittelalters einnahmen und wie vielfältig ihre Lebensrealitäten waren. Gerade hier gibt es noch viele offene Fragen und bislang vergleichsweise wenige Forschungen«, sagt Verena Weller vom Forschungsprojekt PatriFem.
Auch das Forschungsprojekt HansaWomen möchte den Blick auf Frauen in der Hansegeschichte erweitern. »Bislang sind Frauen in der Geschichte der Hanse oft sehr einseitig dargestellt worden, insbesondere im Zusammenhang mit den Hansekaufleuten in Bergen und dort vielfach nur als Prostituierte. Wir möchten die Rolle der Frauen genauer untersuchen, damit sie in ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung sichtbar werden«, sagt Kirsi Leena Salonen, Projektmanagerin von HansaWomen an der Universität Bergen.
Bevor Historikerinnen und Historiker mit historischen Quellen arbeiten können, müssen diese zunächst gelesen und transkribiert werden. Genau hier setzt die Kooperation an: Ein rund 25-köpfiges Citizen-Science-Team der FGHO wird die Quellen gemeinsam aufbereiten. Bestenfalls sollen dabei alle rund 3.000 Seiten der beiden Bestände bearbeitet werden. Dabei kommt eine Mischung aus manueller und automatischer Transkription zum Einsatz. Zunächst nimmt die Citizen-Science-Managerin der FGHO die neuen Quellen genau in den Blick und schult das Team, denn die Dokumente bringen neue Herausforderungen mit sich. »Mich freut besonders, dass die Citizen Scientists genau wie ich Lust auf ein neues Thema und neue Quellen mit ganz eigenen Herausforderungen haben – andere Schriften, andere Inhalte. Das bringt neuen Schwung und schöne Abwechslung in die Arbeit. Besonders gespannt bin ich auf den Austausch zwischen den Forschenden und unseren Citizen Scientists«, sagt Manuela Nitsch, Citizen-Science-Managerin der FGHO. Die fertigen Transkriptionen werden anschließend den beteiligten Forscherinnenteams zur Verfügung gestellt. So können die Wissenschaftlerinnen die Quellen gezielt auswerten und neue Erkenntnisse über die Rolle von Frauen im Wirtschaftsleben des Mittelalters gewinnen.
Die Kooperation verbindet damit wissenschaftliche Forschung und bürgerschaftliches Engagement: Die Citizen Scientists helfen dabei, historische Dokumente für die Forschung und für Interessierte zugänglich zu machen. Die entstandenen Transkriptionen sollen nach Abschluss des Projekts als offene Forschungsdaten veröffentlicht werden. So können die Ergebnisse von den beteiligten Wissenschaftlerinnen und anderen Forschenden und Interessierten weiter genutzt werden. »Mit der Kooperation verbinden wir Forschung und bürgerschaftliches Engagement auf besondere Weise«, sagt Citizen-Science-Managerin Manuela Nitsch. »Unsere Citizen Scientists leisten einen wichtigen Beitrag dazu, historische Quellen zugänglich zu machen und damit neue Forschung zu ermöglichen.«
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