Analyse von Mahlwerkzeugen offenbart Verarbeitung von Pflanzen, Pigmenten und Knochen im neolithischen Nord-Saudi-Arabien

Eine Abnutzungsanalyse von fünf Mahlwerkzeugen aus der Fundstätte Jebel Oraf offenbart deren neolithischen Ursprung und gibt Aufschluss über die Lebensweise der Einwohner dieser Region in der Vergangenheit.

Mahlstein aus Jebel Oraf
Mahlstein aus Jebel Oraf. (© Ceri Shipton)

In den letzten Jahren haben Studien gezeigt, dass die heute trockene Region Nordarabiens einst viel wasserreicher und grüner war und den Menschen während des Neolithikums Zugang zu Wasser und Wild bot. Durch die heutige Trockenheit der Region bleibt jedoch nur wenig organisches Material erhalten, was eine Rekonstruktion der neolithischen Lebensweise erschwert.

In einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde, präsentieren Forschende vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie (MPI-GEA), dem National Research Council of Italy, dem Institute of Heritage Science (CNR ISPC) und dem University College London eine Analyse der Abnutzung von Mahlwerkzeugen, die in Jebel Oraf in der Nefud Wüste in Saudi-Arabien gefunden wurden. Sie geben damit neue Einblicke in dieses bisher wenig verstandene Kapitel der Menschheitsgeschichte. Die Abnutzungsanalyse zeigt, dass Mahlwerkzeuge zur Verarbeitung von Knochen, Pigmenten und Pflanzen verwendet wurden und während ihrer Lebensspanne mitunter für andere Zwecke eingesetzt wurden, bevor sie letztendlich zerbrochen und auf Feuerstellen platziert wurden.

In dieser Studie verwendeten die Forschenden Hochleistungsmikroskope, um die Abnutzungsmuster der archäologischen Werkzeuge mit denen experimenteller Werkzeuge zu vergleichen. Bei Experimenten entstehen durch das Zermahlen von Getreidekörnern, anderen Pflanzen, Knochen oder Pigmenten charakteristische Makro- und Mikrospuren auf der benutzten Oberfläche der Werkzeuge - darunter Bruchstellen, Kantenabrundungen einzelner Körner, abgeflachte Bereiche, Rillen und verschiedene Arten von Polituren. Diese charakteristischen Spuren wurden auch auf den neolithischen Mahlwerkzeugen entdeckt. Dadurch war es dem Forschungsteam möglich herauszufinden, welche Materialien verarbeitet wurden.

Obwohl tierische Überreste bereits gezeigt haben, dass in Jebel Oraf Fleisch gekocht und verzehrt wurde, deuten die Abnutzungsmuster darauf hin, dass Fleisch und Knochen zunächst auf Mahlsteinen bearbeitet wurden. Eventuell wurden die Knochen zerbrochen, um an das Knochenmark zu gelangen.

Mahlwerkzeuge wurden auch für die Verarbeitung von Pflanzen verwendet. Es gibt zwar keine Hinweise für domestiziertes Getreide in Nordarabien in dieser Zeit, doch sehen die Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, dass stattdessen Wildpflanzen gemahlen und möglicherweise zu einfachen Broten verarbeitet wurden.

"Die Feuerstellen, an denen wir die Mahlwerkzeuge gefunden haben, waren extrem kurzlebig, und die Menschen waren möglicherweise sehr mobil – Brote wären somit ein gutes und leicht transportables Nahrungsmittel für sie gewesen", sagt Maria Guagnin, Forscherin am MPI-GEA und eine Hauptautorin der Studie.

Das Forschungsteam fand auch Hinweise auf die Verarbeitung von Pigmenten, die ihrer Meinung nach mit den neolithischen Malereien in Verbindung stehen könnten. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Pigmente in viel größerem Umfang gemahlen und verarbeitet wurden als bisher angenommen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass es mehr neolithische Felsmalerei gegeben haben könnte, als die wenigen erhaltenen vermuten lassen.

"Es ist klar, dass Mahlwerkzeuge für die Bewohner von Jebel Oraf während des Neolithikums wichtig waren. Viele waren stark beansprucht, und einige wiesen sogar Löcher auf, die darauf schließen lassen, dass sie transportiert wurden. Das bedeutet, dass die Menschen schwere Mahlwerkzeuge bei sich trugen und ihre Funktionalität ein wichtiges Element des täglichen Lebens gewesen sein muss", sagt Giulio Lucarini vom National Research Council of Italy, der zweite Hauptautor der Studie.

Diese Art der Analyse wurde bisher nur selten auf archäologisches Material von der arabischen Halbinsel angewandt, kann aber wichtige Informationen über die Herstellung, die Nutzung und die Wiederverwendung von Mahlwerkzeugen liefern, die wiederum Aufschluss über die Existenz, die Wirtschaft und die Kunst der Menschen geben, die sie hergestellt haben.

Die an dieser Studie beteiligten Forschenden arbeiten in enger Partnerschaft mit dem Saudischen Ministerium für Kultur zusammen. Weitere Partner sind die King Saud University und Kerninstitutionen im Vereinigten Königreich, Irland und Australien.

Werkzeug mit Spuren von Pflanzen- und Pigmentverarbeitung
Werkzeug mit Spuren von Pflanzen- und Pigmentverarbeitung. Die Abbildungen A-E zeigen Fotos der Oberfläche des Werkzeugs in starker Vergrößerung. B und E zeigen Spuren von Pigment, die auf C und D sichtbare Politur ist typisch für die pflanzliche Bearbeitung. R1 und R2 zeigen experimentelle Werkzeuge zum Vergleich. (© Giulio Lucarini)
Bemalte Felszeichnungen aus dem nördlichen Saudi-Arabien geben Hinweise auf die Bedeutung der Pigmentverarbeitung
Bemalte Felszeichnungen aus dem nördlichen Saudi-Arabien geben Hinweise auf die Bedeutung der Pigmentverarbeitung. (© Maria Guagnin)
Publikation

Maria Guagnin, Giulio Lucarini, Ceri Shipton, Anita Radini, Abdullah M. Alsharekh, Michael Petraglia

Plant, pigment, and bone processing in the Neolithic of northern Arabia – New evidence from use-wear analysis of grinding tools at Jebel Oraf

PLOS ONE. 4.10.2023
DOI: 10.1371/journal.pone.0291085

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