Die Silexartefakte aus dem Chamer Erdwerk von Riekofen

Lkr. Regensburg, Oberpfalz

von: Dipl.Geol.Univ. Alexander Binsteiner
veröffentlicht am
ForschungDeutschlandNeolithikumHandelMontanarchäologie

Die Ausgrabungen des Erdwerkes aus der endneolithischen Chamer Kultur auf dem »Kellnerfeld« in Riekofen, Landkreis Regensburg[1](Abb.1), erbrachten neben einer Vielzahl von Steingeräten, keramischen und organischen Funden auch einen größeren Komplex von Silexartefakten[2], der jetzt unter modernen materialkundlichen Gesichtspunkten neu aufgenommen werden konnte. Dabei zeigte sich erneut die Dominanz der Hornsteine aus den Minen von Arnhofen und Baiersdorf, die mit einem Anteil von insgesamt rund 75 Prozent auch in der Chamer Zeit offenbar weiträumig die Grundlage der Rohstoffversorgung bildeten. Endgültige Betrachtungen zur Abbaugeschichte beider Hornsteinbergwerke müssen daher in Zukunft auch vermehrt die bekannten Fundstellen des Endneolithikums einbeziehen, wollen sie nicht zu kurz greifen[3].

Die Rohstoffe

Insgesamt standen 339 Silexgeräte für eine aktuelle Materialbestimmung zur Verfügung. Zusätzlich wurde ein weiterer Fundkomplex aus 428 Präparationsabschlägen, Halbfabrikaten und Fragmenten sowie Roh- und Trümmerstücken ausgegliedert und gesondert berechnet. Das Rohstoffspektrum im Erdwerk von Riekofen reicht von den verschiedenen Jurahornsteinen der Donau-Altmühl-Region und der Frankenalb[4] bis zu den Importen aus den oberösterreichischen Hornstein- und Radiolaritvorkommen der Nördlichen Kalkalpen[5], den Moränenfeuersteinen der sogenannten Feuersteinlinie in Nordböhmen, Nordmähren und Sudwestpolen und den nordböhmischen Quarziten[6] sowie in einem Fall dem französischen Feuersteinabbau von Grand Pressigny[7].

Die qualitativ erstklassigen Platten- und Knollenhornsteine aus dem Arnhofener Abbau bildeten eine nachhaltige Rohstoffbasis für die Geräteproduktion der Riekofener Siedlung. Rund 62,5 Prozent wurden aus der in Luftlinie rund 38 km entfernt liegenden Mine im Abensberger Raum besorgt. Der Anteil der Plattenhornsteine lag dabei um rund ein Fünftel über dem der Knollen und übrigen Konkretionen (Abb.2).

Nicht minder bedeutsam, vor allem für die Herstellung flächig retuschierter Geräte, waren die Plattenhornsteine aus dem etwa 43 km entfernten Bergwerk von Baiersdorf im Altmühltal. Ihr Anteil im Geräteinventar lag bei etwas über 13 Prozent.

Alle anderen Typen von Hornsteinen und Quarziten der Südlichen Frankenalb[8] wie auch aus dem nördlichen Teil der Frankenalb[9], die keinem der bekannten Abbauplätze zugeordnet werden konnten und mit der größten Wahrscheinlichkeit an der Oberfläche oder in oberflächennahen Vorkommen gewonnen worden waren, ergaben einen Anteil von insgesamt knapp 16 Prozent im Riekofener Inventar.

Die Importe machten zusammen rund 8,5 Prozent aus. Im Einzelnen konnten rund 4 Prozent der Silexmaterialien der Hornstein-Radiolarit-Zone der Nördlichen Kalkalpen zugeordnet werden. Aus nordböhmischen und mährischen Vorkommen kamen hochwertige Quarzite und Feuersteine mit ebenfalls etwa 4 Prozent nach Riekofen. Ein Fragment eines Spandolches stammte eindeutig aus dem Abbau von Grand Pressigny in Westfrankreich. Damit wird deutlich, dass die importierte Ware keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Grundversorgung der Siedlung hatte, sondern der Bedarf an Silexrohstoffen zum Großteil aus den heimischen Resourcen gedeckt werden konnte.

Die Rohstoffverteilung in der Gruppe der Produktionsabfälle zeigte einen Anteil von 59,11 Prozent Arnhofener Hornsteine; die Baiersdofer Hornsteine lagen bei 10,28 Prozent; die Hornsteine der Südlichen Frankenalb schlugen mit 28,51 Prozent zu Buche und schließlich lagen die Importe aus Böhmen und dem alpinen Raum bei 2,1 Prozent.

Gesteinsbeschreibung der verarbeiteten Silexrohstoffe im Chamer Grabenwerk von Riekofen, Lkr. Regensburg

Plattenhornstein Arnhofen

Hochwertige Hornsteinvarietät in plattiger Absonderung mit meist planparallelen Bänderungen und Schlieren. Die Kortex ist kreidig weiß bis hellbraun und feinkörnig; oft dunkelblaues bis dunkelbraunes Band unter der Kortex. Das Gestein ist weitgehend fossilleer. Die typische Farbpalette reicht von blaugrau über weißgrau und braungrau bis zu schwarzen und rötlichen Tönen.

Hornstein Arnhofen

Alle Arten von Knollen und Fladenhornsteine meist mit konzentrischen Bänderungen und Schlieren. Als Fossilreste können oftmals Spongien, Echinodermen und Schalenschill besonders in Kortexnähe und im Kern identifiziert werden. Auftreten von Calcisphären (Kalkalgen), gelegentlich auch jurassische Foraminiferen im Mikrofossilbereich. Farbpalette wie bei den Plattenhornsteinen.

Plattenhornstein Baiersdorf

Hochwertige, aber etwas grobkörnigere Hornsteinvarietät z.T. mit Schlierenbildungen. Die helle Kortex ist meist grobkörnig , sandig und löchrig. Manchmal finden sich verkieselte Makrofossilen wie Stilglieder von Seelilien, Reste von Seeigeln und Schalenträger auf der Oberfläche. Die typischen Farben zeigen meist graue und braungraue Töne. Im Schliffbereich finden sich Schwammnadeln und Calcisphären.

Hornstein Südliche Frankenalb

Variantenreiches Hornsteinspektrum mit teils brauchbaren Qualitäten. Meist graubraune Farbpalette. Teils fossilführend, meist aber nur Spongienreste. Die Vorkommen liegen auf der gesamten Südlichen Frankenalb und lassen sich keinem bestimmten Abbau zuordnen. Die Kortexbildungen zeigen, dass die Gesteine an der Oberfläche gewonnen wurden.

Hornstein Frankenalb

Die graubrauen Knollenhornsteine mit teils kräftigen Kortexbildungen erscheinen auch im nördlichen Teil der Frankenalb.

Quarzit Südliche Frankenalb

Helle bis schmutzig weiße, grobkörnige Gesteine der Formationen Kreide und Tertiär. Das bekannteste Vorkommen liegt in Birnbach bei Hausen, Lkr. Kelheim.

Hornstein nordalpin

Organogenes Silexgestein. Farbgebung rotbraun bis kräftig rot und schwarzgrau. Fossilinhalt: Spiculae, Spongienreste, Schill und gelegentlich organische Reste und Sedimentpartikel und vereinzelt Radiolarien besonders unter der Kortex. Bei steigendem Radiolarienanteil bis zu 20 Prozent spricht man von Radiolarienhornstein. Herkunft: Salzkammergut Hornstein-Radiolarit Zone der Nördlichen Kalkalpen.

Radiolarit

Organogenes Silexgestein mit einem Radiolarienanteil ab 30 Prozent. Die Radiolarienquerschnitte liegen bei 100-300 µ. Farben rotbraun bis schwarz mit schwarzgrauer Bänderung unter einer dicken schmutzig graubraunen Kortex. Herkunft: Salzkammergut Hornstein-Radiolarit Zone der Nördlichen Kalkalpen.

Quarzit nordböhmisch

Feinkörniges und weißes, metamorphes Sedimentgestein. Bekannteste Vorkommen: Becov, Skršín und Tušimice, Nordböhmen.

Feuerstein baltisch

Synonym glacigen, erratisch, nordisch. Kompaktes Kieselgestein. Farbgebung: braun bis graubraun, seltener grau bis weißgrau. Oft durchscheinend. Als Fossileinschlüsse zu bestimmen sind Schwammnadeln (Spiculae), Spongienreste, Bryozoenfragmente und Fischreste. Herkunft: Moränen und Glazialgebiete Nordböhmens, Nordmährens und Südwestpolens.

Grand-Pressigny

Feuerstein Hochwertiger Kreidefeuerstein mit typisch gelber bis ockergelber Farbpalette. Fossilinhalt meist größere Schwammstrukturen (Spongien).

Die Silexgeräte

Der Großteil der Geräte stammt aus der Verfüllung des Grabens 1 im Erdwerk A[10]. Hinzu treten auch in geringerem Umfang Lesefunde aus dem Inneren der Chamer Anlage. Der untersuchte Gerätekomplex kann also weitestgehend als zeitliche Einheit aufgefasst werden. Es steht dabei aber außer Zweifel, dass vor allem bei der Anlage des Grabenwerkes ältere Befunde geschnitten worden sein könnten, und auch ältere Artefakte in den Graben oder die Innenanlage gelangten. So wurden beispielsweise unter den Lesefunden zwei geometrische Mikrolithen des Mesolithikums identifiziert. Weitere Stücke, die im Einzelfall auch eine andere neolithische Datierung zulassen, sollen am Ende des Beitrages unter dem Aspekt kultureller Beziehungen diskutiert werden.

Die Gruppe der Kratzer stellt mit 28,61 Prozent und einer Stückzahl von 97 Exemplaren etwas mehr als ein Viertel der Geräte (Abb. 3). Deutlich wird die Vorliebe für Arnhofener Hornsteine, die innerhalb der Gruppe rund 70 Prozent erreichen (Tab.1). Dabei spielte offenbar keine Rolle, ob es sich bei der Fertigung von Kratzern um Plattenhornsteine oder Knollenhornsteine handelte. Danach folgen Pfeilspitzen mit 16,5 Prozent, die gleichermaßen aus den Arnhofener Rohstoffen und den Hornsteinen der Frankenalb hergestellt wurden. Rund 15 Prozent der Pfeilspitzen sind gestielt, haben also an der Basis einen sogenannten Schäftungsdorn. Dahingegen überwiegen bei den Sicheleinsätzen, die etwa 15 Prozent des Inventares ausmachen, wieder klar die Arnhofener Hornsteine. Die Plattenhornsteine wurden hier etwa doppelt so häufig verwendet wie die knolligen Varietäten. Bei den Messern mit knapp 11 Prozent steigt jetzt der Anteil an Baiersdorfer Plattenhornstein an. Er liegt in dieser Gerätegruppe mit einer Stückzahl von 36 Exemplaren bei genau 50 Prozent gegenüber dem Arnhofener Material mit rund 39 Prozent. Die Klingen stellen mit 26 Artefakten rund 8 Prozent des Inventares. Davon wurden 17 Stücke, das sind 65 Prozent, aus Arnhofener Plattenhornsteinen gefertigt.

Bei den 11 flächig retuschierten Sichelblättern, die größtenteils als Fragmente vorliegen, überwiegen mit 8 Exemplaren eindeutig die Baiersdorfer Plattenhornsteine. Eine Besonderheit im Riekofener Fundkomplex sind 11 Silexbeile, die ebenfalls überwiegend aus Baiersdorfer Material geschlagen und anschließend zum Teil geschliffen wurden. Bei Bohrern und Einsatzklingen, die jeweils mit rund 3 Prozent nur einen geringen Anteil haben, lassen sich keine signifikanten Präferenzen feststellen. Bei den ebenfalls in geringen Stückzahlen auftretenden Abschlägen, Spitzen und Schlag- bzw. Picksteinen waren vorzugsweise Arnhofener Hornsteine im Gebrauch.

Fünf der insgesamt sieben Silexdolche sind aus Plattenhornsteinen hergestellt worden. Für die flächig retuschierten Stücke wurden die hochwertigen Platten aus der Arnhofener Mine verarbeitet. Die Plattendicken liegen zwischen 0,7 und 1,3 Zentimeter. Bei den beiden Spandolchen fanden große Klingen Verwendung, die anschließend mit Dorsalretuschen in die richtige Form gebracht wurden. Das Exemplar aus baltischem Feuerstein ist vollständig erhalten (s. Abb. 4,5). Das Stück aus Grand-Pressigny Feuerstein liegt als Fragment vor (s. Abb. 4,3).

Wirtschaftliche Zusammenhänge

Nicht zuletzt die dünnplattigen Varietäten der Arnhofener Plattenhornsteine, die vor allem in der Produktion von erstklassigen Silexdolchen Verwendung fanden, sind ein klarer Hinweis darauf, dass der Abbau von Arnhofen in der Chamer Zeit noch in Betrieb war. Es ist weitgehend auszuschließen, dass gerade diese Platten in größeren Mengen an der Oberfläche der alten Halden des Bergbauareales aufgesammelt worden wären.

Die Arnhofener Dolche waren im Chamer Einflussbereich weit verbreitet. So finden wir perfekt gearbeitete Exemplare nicht nur in der Nähe der Riekofener Anlage wie beispielsweise in Köfering[11], sondern auch im Inventar aus der Höhensiedlung auf dem Galgenberg bei Landshut mit einem Gesamtanteil von rund 90 Prozent Arnhofener Hornsteinen[12].

Auch die Baiersdorfer Lagerstätte[13] stand in der Chamer Kultur noch unter Abbau. Das zeigen vor allem die zahlreichen Messer und Sichelblätter der nahegelegenen Siedlung von Dietfurt[14] im Altmühltal, die zweifellos aus Baiersdorfer Plattenhornsteinen angefertigt wurden. Aus der Höhensiedlung auf der »Burgwiese« in Ansfelden[15] nahe Linz stammt ein Messerfragment eines Baiersdorfer Plattenhornsteines, das sich in der Verfüllung des Chamer Sohlgrabens fand. Zudem liegt mittlerweile auch ein abgebrochenes Heft eines kleinen Silexdolches aus Arnhofener Plattenhornstein vor. Im Gegenzug fanden auch einige Geräte aus Rohmaterialien des alpinen Raumes, darunter eine Pfeilspitze aus einer rotbraunen Hornsteinvarietät (Abb.4,2), den Weg nach Riekofen. Ob dabei die Siedlung von Ansfelden und der Wasserweg der Donau eine Rolle spielten, lässt sich nicht mit Sicherheit nachweisen.

In den Ansiedlungen der Chamer Kultur von Windegg und Pulgarn in der Gemeinde Steyregg nahe Linz verschwinden dahingegen bayerische Importe aus den Silexinventaren[16]. Erst wieder im Raum Melk im niederösterreichischen Donautal in einer Siedlung der Jevišovice Kultur am Wachberg gibt es einen Dolch aus Arnhofener Plattenhornstein[17]. Ein vergleichbarer Silexdolch liegt aus einer Freilandfundstelle bei Mitterbreitsach im oberösterreichischen Innkreis vor, die wiederum der Chamer Kultur zugerechnet wird[18]. Am Alpenrand direkt am Inn liegt die Chamer Höhensiedlung von Dobl in typischer Lage auf einem Bergsporn, der durch einen Graben abgeriegelt war. Hier fand sich unter den Silexgeräten ein Messer aus gebändertem Plattensilex[19], das aus dem Arnhofener Abbau stammen dürfte.

Auch in den Pfahlbau- und Moorsiedlungen am Bodensee sowie auf der oberschwäbischen Seenplatte und am Federsee kennt man die Geräte aus dem typischen Plattensilex der Frankenalb[20]. Zudem sind aus der Goldberg III-Gruppe große Sichelblätter beschrieben worden[21]. Generell nimmt die Verbreitung bayerischer Plattenhornsteine in der Horgener Kultur ab etwa 3400 v. Chr. aber stark ab.

Das Fragment eines Spandolches aus Grand-Pressigny Feuerstein in den Lesefunden der Riekofener Anlage spricht möglicherweise schon für eine schnurkeramische Zeitstellung. Am Bodensee treten derartige Dolche dendrochronologisch frühestens zwischen 2660-2420 v. Chr. auf[22]. Das deckt sich gut mit dem Zeitansatz einer späten Entwicklung der Chamer Kultur in Riekofen mit C-14 Daten zwischen 2950 und 2650 v. Chr.[23]. Einige flächig gearbeitete Sichelblätter aus den Lesefunden der Anlage könnten zudem auf kulturelle Einflüsse aus der vorangegangenen Altheimer Kultur hindeuten.

Unlängst wurden zwei Inventare aus den westböhmischen Siedlungen der Chamer Kultur neu aufgearbeitet. In Lopata und Bzí im Raum Pilsen-Süd[24] standen für eine Materialanalyse insgesamt 429 Artefakte zur Verfügung, wobei der größere Teil mit 360 Artefakten auf die Siedlung von Lopata bei Šťáhlavice entfiel. Hier stieg beispielsweise bei den Klingen der Anteil bayerischer Platten- und Knollenhornsteine bis auf 72 Prozent an. Bei den Abschlägen waren es immerhin noch 45 Prozent. In der Ansiedlung von Velká Skála bei Bzí stammten 35 Prozent der Klingen und Abschläge aus den bayerischen Vorkommen. Die Werte in der Chamer Kultur des Pilsener Beckens liegen also durchaus in einer vergleichbaren Größenordnung zur Riekofener Anlage. Das Distributionsmodell der »Feuersteinstraße nach Böhmen« als regelmäßige und direkte Handelsverbindung zwischen den bayerischen Abbaugebieten von Jurahornsteinen und den Absatzgebieten in den Siedlungskammern Böhmens behält daher auch für die endneolithische Chamer Kultur seine Gültigkeit[25]. Ein Handelsgut, das von Böhmen im Austausch gegen die Hornsteine zurück nach Bayern ging, könnten Felsgesteinvarietäten der nordböhmischen Lagerstätten[26] gewesen sein, die unter anderem aus der zeitgleichen Řivnač Kultur bekannt sind. Gesteine dieser Art, vorwiegend Amphibolite und Serpentinite, waren im Donauraum Mangelware.

Dennoch bleiben offene Fragen. Welche Route nahm die Distribution nach Böhmen in der Chamer Zeit? Verlief sie wie in der Bandkeramik und im Mittelneolithikum über das Regental und die Cham-Further Senke, die von Knöbling (Abb. 6, Fundort 3) nach Nordosten zieht? Oder war die Direktverbindung über die Stallwanger Senke im Spiel, die aus dem Chamer Becken heraus direkt nach Süden an die Donau führt? Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage, ob die Chamer Siedler von Riekofen mit Hornstein von außen beliefert wurden oder ihre Rohstoffe selbst an der Mine besorgten, die nur einen Tagesmarsch entfernt lag. Ein erster Hinweis könnte die relativ geringe Menge an Schlagabfall in Riekofen sein, was bedeutet, dass die Ware schon als Fertigprodukt oder Halbfabrikat in die Siedlung kam.

Wo genau lag der Chamer Abbau im Arnhofener Revier und wie wurde er betrieben? Denn Angaben zur Abbaugeschichte in Arnhofen können derzeit nur als vorläufig gelten, da die Zahl der untersuchten Schacht- und Grubenanlagen nur einen Bruchteil des gesamten Bergbauareales abdeckt. Ähnliches gilt auch für den Abbau in Baiersdorf, der bislang nur geophysikalisch untersucht wurde.

In jedem Fall aber ist das Silexinventar von Riekofen ein neuer Mosaikstein, der in die Zukunft weist und einen weiteren Schritt in der Rekonstruktion neolithischer Wirtschaftsstrukturen markiert.

Zusammenfassung

Die Untersuchung eines Silexinventares aus dem Erdwerkes der endneolithischen Chamer Kultur auf dem »Kellnerfeld« in Riekofen, Landkreis Regensburg zeigte erneut die Vormachtstellung der Hornsteinminen von Arnhofen und Baiersdorf bei der Versorgung jungsteinzeitlicher Kulturen im mittleren Donauraum. Anhand der hohen Verbreitungsrate, die bis zu 75 Prozent erreicht, wird deutlich, dass die Bergwerke auch im Endneolithikum in Betrieb waren. Auch jenseits des Bayerischen Waldes in den westböhmischen Siedlungen der Chamer Kultur erreichten die bayerischen Hornsteine ähnlich hohe Werte. Das Distributionsmodell der »Feuersteinstraße nach Böhmen« behält daher auch für die Endphase des Neolithikums seine Gültigkeit. Erstmals können in nennenswertem Umfang auch Silexvarietäten bestimmt werden, die in der Gegenrichtung den Weg von Böhmen nach Bayern fanden.

Fußnoten
  1. Dazu I. Matuschik – H. Werner, Eine befestigte Siedlung des Endneolithikums aus Riekofen-Kellnerfeld, Lkr. Regensburg. Bericht bayer. Bodendenkmalpfl. 1981/82, 37-55; I. Matuschik, Die neolithische Besiedlung in Riekofen »Kellerfeld« – Beitrag zum Spätneolithikum im südlichen Bayern. Mikrofich-Publ. Freiburg i. Br. 1996.

  2. Der Fundkomplex befindet sich im Historischen Museum der Stadt Regensburg. An dieser Stelle gilt mein besonderer Dank Dr. Andreas Boos, der die aktuelle Untersuchung der Silexartefakte ermöglichte.

  3. Dazu G. Roth, Geben und Nehmen – Eine wirtschaftshistorische Studie zum neolithischen Hornsteinbergbau von Abensberg-Arnhofen, Kr. Kelheim (Niederbayern), Dissertation Universität Köln, 2008, 909.

  4. A. Binsteiner, Die Lagerstätten und der Abbau bayerischer Jurahornsteine sowie deren Distribution im Neolithikum Mittel- und Osteuropas. Jahrb. RGZM 52, 2005, 48-83.

  5. A. Binsteiner – E.M. Ruprechtsberger, Jungsteinzeitliche Silexartefakte und Keramik im Raum Linz und in Oberösterreich. Linzer Arch. Forsch. Sh 41, Linz 2008, 46-47; A. Binsteiner, Die Silexversorgung der jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlung von See am Mondsee, Oberösterreich. Arch. Korrbl. 39, 2009, 333-339.

  6. A. Přichystal, Kamenné suroviny v pravĕku. Východní části střední evropy. Masarykova univerzita, Brno 2009, 46-50 und 152-158.

  7. N. Mallet, F 12 Grand Pressigny, Touraine, Dép. Indre & Loire. In: G. Weisgerber, 5000 Jahre Feuersteinbergbau, Die Suche nach dem Stahl der Steinzeit. Veröffentl. aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 77, 3. verbesserte, erweiterte und aktualisierte Auflage, Bochum 1999, 483-485.

  8. Dazu bereits früher A. Binsteiner, Die Feuersteinlagerstätten Südbayerns und ihre vorgeschichtliche Nutzung. Der Anschnitt 42, 1990, H.5-6, 162-168.

  9. Dazu Anm. 4, insbesondere 80-83.

  10. Dazu I. Matuschik, Riekofen und die Chamer Kultur Bayerns. In: Hemmenhofener Skripte 1, Aktuelles zu Horgen-Cham-Goldberg III-Schnurkeramik in Süddeutschland, Gaienhofen-Hemmenhofen 1999, 75-76, Abb.5.

  11. U. Osterhaus, Eine kreisförmige endneolithische Anlage aus Köfering. »Scharwerkbreite«, Landkreis Regensburg, Oberpfalz. Das Archäologische Jahr in Bayern 1990, 38-40, Abb. 13.

  12. B. S. Ottaway, A changing place. The Galgenberg in Lower Bavaria from the fifth to the first millennium B.C. BAR Internat. Ser. 752 (Oxford 1999). 177, Fig. X7. 2, a-b.

  13. A. Binsteiner, Der neolithische Abbau auf Jurahornsteine von Baiersdorf in der südlichen Frankenalb. Archkorrbl. 19, 1989, 331-337.

  14. M. Hoppe, Archäologische Spurensuche – Häuser der endneolithischen Chamer Gruppe bei Dietfurt a.d. Altmühl, Landkreis Neumarkt i.d. OPf., Oberfalz. Das Archäologische Jahr in Bayern 1989, 48-51, Abb. 25.

  15. P. Trebsche, Die Höhensiedlung »Burgwiese« in Ansfelden (Oberösterreich). Linzer Arch. Forsch. 38, Linz 2008, 61-69, Taf. 11,15; dazu auch: A. Binsteiner, Zur Rohstoffanalyse jungsteinzeitlicher Silexinventare Im Raum Linz und in Oberösterreich. Arch. Korrbl. 38, 2008, 480, Abb. 2 und 4.

  16. A. Binsteiner, Drehscheibe Linz – Steinzeithandel an der Donau. Linzer Arch. Forsch. 37, Linz 2006, 70-100.

  17. G. Trnka, Niederbayerischer Hornsteinimport in das niederösterreichische Donautal im Raum Melk. In: B. Hänsel (Hrsg.), Zwischen Karpaten und Ägäis. Neolithikum und ältere Bronzezeit. Gedenkschrift für Viera Nemejcová-Pavúková. Internat. Arch. Studia honoraria 21 (Rahden/Westf. 2004) 312, Abb.4.

  18. Dazu O. Schmitsberger, Der Silexdolch oder: Protokoll einer Identifikation. Oberösterr. Heimatbl. 57, 2003, 132-141.

  19.  I. Burger, Die Siedlung der Chamer Gruppe von Dobl, Gemeinde Prutting, Landkreis Rosenheim und ihre Stellung im Endneolithikum Mitteleuropas. Materialh. Bayer. Vorgesch. A 56 (München 1988) 129, Taf. 56,8.

  20. H. Schlichtherle, Archäologie und Naturschutz im Federseemoor. Begleitheft zur Ausstellung. Landesdenkmalamt Baden.Württemberg, Stuttgart 1999, 10.

  21. H. Schlichtherle, Die Goldberg III Gruppe in Oberschwaben. Hemmenhofener Skripte 1, 1999, 35-48.

  22. Schriftliche Mitteilung Urs Leuzinger, Amt für Archäologie, Kanton Thurgau, Schweiz.

  23. Dazu Anm. 10, 83, Abb. 12.

  24. M. Popelka, Poznámky ke štípané industrii z Bzí a Lopaty, okr. Plzeň-jih. Praehistorica XXV-XXVI, Universita Karlova, Praha 2001, 179-204.

  25. A. Binsteiner, Die Feuersteinstraße zwischen Bayern und Böhmen. Eine Studie zur Verbreitung der Arnhofener und Baiersdorfer Jurahornsteine. Bayer. Vorgeschbl. 66, 2001, 7-12, Beilage 1.

  26. Dazu P. Šida, Die Gewinnung von Metabasit im Jizerské-Gebirge und ihre Rolle für die Neolithisierung Mitteleuropas. Fines Transire 18, 2009, 125-131.