NESPOS 3.0

von: Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger , Dr. Andreas Pastoors , Dr. Jan Graefe , Astri
veröffentlicht am
ForschungFunde & BefundeGIS3DPaläolithikum

Digitale Daten, ihre Speicherung und Verfügbarkeit werden in der Archäologie des 21. Jahrhunderts ins Zentrum der Forschung rücken. Die Online-Datenbank NESPOS bietet Archäologen und Anthropologen die weltweit einmalige Möglichkeit ihre Forschungsergebnisse im Netz mit Kollegen zu teilen, wichtige Objekte digital zu archivieren und aktuell mehr als 16.000 Seiten mit Kerndaten zu Fundplätzen und Fundstücken für die eigene Arbeit zu nutzen. Ein Update hat aus der spröden Datenbank inzwischen eine interaktive Website gemacht, auf der nun auch die allgemeine Öffentlichkeit auf einen großen Teil der gespeicherten Informationen zugreifen kann.

Je weiter wir in der Zeit zurück schreiten, umso fragmentarischer werden die Hinterlassenschaften und Überreste, aus denen Archäologen und Anthropologen Aussagen über die Lebensweise früher Menschen rekonstruieren können. Präzise Methoden, die alle Untersuchungsmöglichkeiten ausschöpfen, sind daher gerade für Prähistoriker und Paläoanthropologen unerlässlich, um ihren Fundstücken Informationen zu entlocken. Folgerichtig hat sich vor allem in der Paläoanthropologie in den letzten Jahren eine weites Forschungsfeld gebildet, das neuste Computertechniken und mathematische Grundlagen anwendet, um aus wenigen Knochenstücken die virtuelle Rekonstruktion eines Schädels zu ermöglichen oder über geometrische Analysen die Ähnlichkeiten und Unterschiede zweier Oberschenkelknochen genauestens beschreiben zu können. In der virtuellen Anthropologie, wie sich diese Teildisziplin nennt, arbeiten Forscher ausschließlich mit digitalen Versionen ihrer Fundstücke, um diese mit hochspezialisierten Computerprogrammen am Bildschirm untersuchen zu können. Die Digitalisierung der Objekte erfolgt dabei durch einen CT- oder Oberflächenscanner, aus dem ein 3D-Modell errechnet wird.

Die Idee, für diese Daten ein Archiv zu schaffen, das gleichzeitig auch als Plattform für den Austausch von 3D-Objekten dienen kann, wurde 2004 im Rahmen des EU-Projektes TNT (The Neanderthal Tools) umgesetzt und führte 2005 zur Gründung der NESPOS Society e.V. Zusammen mit dem Royal Belgian Institute of Natural Sciences, dem Croatian National History Museum, der Universität von Poitiers und drei technischen Partnern, initiierte das Neanderthal Museum eine über das Internet zugängliche Datenbank, in der Mitglieder ihre Forschungsergebnisse und digitalen Daten einstellen und wahlweise mit allen Mitgliedern oder einzelnen Kollegen teilen oder auch nur für sich selbst in einem privaten Bereich ablegen können. Die zentrale Speicherung der digitalen Version wichtiger Fundstücke soll so aus vielen Orten auf der ganzen Welt einen zentralen Ort schaffen, an dem der schnelle Zugriff auf eine maximale Stichprobengröße weit verstreuter Objekte möglich ist.

Nicht zuletzt schont die Arbeit mit digitalen Kopien auch die Originale und leistet so einen entscheidenden Beitrag zu deren Erhaltung. Ein speziell für NESPOS entwickeltes Software-Paket ermöglicht auch Studenten und Doktoranden die Arbeit mit digitalen 3D-Objekten und Kartierungsprogrammen, ohne das kostspielige kommerzielle Lizenzen erworben werden müssen. Seit der Gründung der NESPOS Society wird das Projekt am Neanderthal Museum mit Unterstützung der Neanderthaler-Gesellschaft e.V. weitergeführt und ständig ausgebaut. Die Datenbank enthält heute wichtige Fundplatzinformationen mit Angaben zur Stratigraphie, Forschungsgeschichte und Datierungen, Objektinformation, Angaben zu Personen, Literaturzitate, Volltext- PDFs, CT-Scans, Oberflächenscans, Fotografien und Röntgenbilder. Das europäische Marie Curie-Trainingsnetzwerk EVAN (European Virtual Anthropology Network) nutzt NESPOS seit 2006 als digitales Bildarchiv.

Der Schwerpunkt von NESPOS wurde seit seinen Anfängen beträchtlich erweitert und ist heute nicht mehr auf Humanfossilien des Neanderthalers beschränkt. Aus dem Untertitel „Neanderthal Studies Professional Online Service“ wurde „Pleistocene People and Places“. Neben Daten zu frühen Hominiden und anatomisch modernen Menschen bilden archäologische Schlüsselobjekte einen neuen Kernbereich von NESPOS. Durch Oberflächenscans in Kooperation mit der Firma Breuckmann wurde erst kürzlich eine Reihe archäologischer Objekte zu Testzwecken digitalisiert. Dabei zeigte sich, dass Oberflächenscans der technischen Zeichnung sowohl hinsichtlich der Präzision als auch hinsichtlich des Zeitaufwandes überlegen sind. Stein- und Knochenwerke sowie Kleinkunstobjekte konnten hochauflösend gescannt werden und lieferten objektive Bilddaten, die der Zeichnung mit ihrer erheblichen interpretatorischen Individualität überlegen sind.

Im Rahmen eines von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projektes werden seit 2008 neben Humanfossilien auch wichtige archäologische Schlüsselobjekte des späten Mittelpaläolithikums der Iberischen Halbinsel digital erfasst und der Öffentlichkeit über NESPOS zur Verfügung gestellt.

Darüber hinaus bietet NESPOS interessierten Kollegen und Forschungseinrichtungen in Kooperation mit den Firmen Delphi und ctm-DO in unmittelbarer Nachbarschaft des Neanderthal Museums Zugang zu Hochleistungsscanner von internationalem Spitzenformat an. Dieses Angebot wird seit Mai 2010 durch einen Oberflächenscanner der Firma Breuckmann ergänzt, der vom Neanderthal Museum erworben wurde.

NESPOS nutzt die Plattform Confluence – ein Firmen-Wiki - der australischen Firma Atlassian. NESPOS und ist aktuell noch eines der wenigen wissenschaftlichen Projekte, dass dieses System anwendet. Die Mehrzahl der Nutzer stammt aus der Wirtschaft oder sind große staatlichen Institutionen. Firmen wie z.B. die Deutsche Bahn oder das Federal Bureau of Investigation (FBI) nutzen vor allem die umfangreiche Intranet und WEB 2.0 - Funktionalität des Programms. NESPOS geht einen Schritt weiter und setzt auch auf die öffentliche Präsentation wissenschaftlicher Daten. Im Mai 2009 wurde NESPOS mit Unterstützung des Softwareentwicklers PXP Interactive einem Update unterzogen und generalüberholt. Ziel war, die bisherigen Möglichkeiten der Datenbank zu erweitern und die Benutzerfreundlichkeit zu verbessern. Dazu gehören z.B. eine automatische Implementierung von Google Maps Karten in die Fundstelleninfos, eine stärkere Vernetzung mit Wikipedia, ein RSS Feed und umfangreiche Bildergalerien zu den Fundplätzen. Eine stärkere Personalisierung, ähnlich dem bekannten Foren Xing oder Facebook, ermöglicht nun auch einen einfacheren wissenschaftlichen Austausch. In einem nächsten Schritt wurde NESPOS im März 2010 erneut weiterentwickelt. Seitdem dient es auch Projekten des SFB 806 „Our Way to Europe“ als Plattform und digitales Archiv.

Literatur

  • Dunja Berens, Astrid Slizewski 2008: Neanderthaler digital - Fundkatalogisierung mit der Online-Plattform NESPOS. Der Präparator 54: 84-88
  • Breuckmann, Bernd; Arias Cabal, Pablo; Mélard, Nicolas; Ontañón Peredo, Roberto; Pastoors, Andreas; Teira Mayolini, Luis C. et al. (2009): Surface scanning - New perspectives for archaeological data management and methodology? In: Fischer, Lisa; Frischer, Bernhard; Wells, Sarah (Hg.): Computer applications and quantitative methods in Archaeology. Making history interactive. March 22-26, 2009. Williamsburg, S. 1–8.
  • Flora Gröning, Jan Kegler, Gerd-Christian Weniger 2007: Die digitale Welt der Neanderthaler – NESPOS, ein Online-Archiv für die Neanderthalerforschung. Archäologisches Korrespondenzblatt 37, 3, 312-333.
  • Astrid Slizewski, Patrick Semal 2009: Experiences with low and high cost 3D surface scanners. Quartär 56, 131-138.