Steinzeit - Das Experiment

»Living Science« oder (nur) gelebte Vergangenheit?

von: Christoph Steinacker M.A.
veröffentlicht am
Aus aller Welt

Übermorgen, am 27.5.2007, beginnt in der ARD das Leben in der Steinzeit. Wer es trotz des großen Medieninteresses der letzten Wochen noch nicht mitbekommen hat: Im Sommer 2006 drehte ein Filmteam des SWR in Baden-Württemberg die Dokumentation "Steinzeit - Das Experiment", die an ähnliche Projekte (Auswanderer auf einem Segelschiff, Leben in einer Burg bzw. in einem Gutshaus) anknüpft. Sieben Erwachsene und sechs Kinder sollten in einem extra dafür nachgebauten steinzeitlichen Dorf im Landkreis Ravensburg am Bodensee die Zeit vor 5000 Jahren nacherleben. Zwei Monate sollten sie dort ohne uns heute alltägliche Hilfsmittel auskommen.

"Living Science" nennen die beiden Produzenten Egon Mayer und Walter Sucher das Fernsehformat und der SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen spricht gar von einem "Fernseh-Experiment mit sozialer Relevanz". Das sind hohe Ansprüche an ein Experiment, das auch abendliche Fernsehunterhaltung sein will und soll. Die wissenschaftliche Beratung hatten deshalb auch 3 Archäologen, 2 Archäotechniker und ein Überlebenstrainer übernommen, die die Siedlung und das Umfeld entsprechend gestalteten bzw. den Teilnehmern die nötigen Grundkenntnisse beibrachten.

Allein um den richtigen Ort für die Häuser zu finden, es sollte möglichst weit ab moderner Zivilistation sein, waren die Verantwortlichen über Monate immer wieder in den Wäldern rings um den Bodensee unterwegs: Vielfrequentierte Radwege, Wander- und Joggingstrecken, geräuschintensive Bundesstraßen und Einflugschneisen erwiesen sich als Hindernisse. Bei Orten, die auf den ersten Blick geeignet erschienen, machte der Naturschutz einen Strich durch die Rechnung, oder der See erwies sich als beliebter Badesee. Erst ein Flug über die Region brachte die Entscheidung für das "Himmelreichmoos".

Im Juli 2005 begannen die Vorarbeiten. Der See wurde ausgebaggert, das Ufer abgerundet, Fische eingesetzt. Es wurden Felder angelegt, Bäume gefällt, eine kleine Lichtung entstand. Die Häuser durften ebenfalls nicht bloße Kulissen darstellen, sondern mussten bewohnbar sein und steinzeitlichen Vorbildern entsprechen: das Team entschied sich für einen Haustyp, der bei Ausgrabungen in Hornstaad am Bodensee entdeckt worden war. Zwei Mitarbeiter des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen und drei Mitarbeiter der SWR-Ausstattung waren ständig vor Ort, unterstützt von weiteren Helfern bauten sie zwölf Wochen an den Häusern. 14 Tonnen Holz und zwölf Tonnen Lehm wurden verbaut. Viele Arbeiten mussten gänzlich von Hand ausgeführt werden – in steinzeitlicher Technik.

Verschiedene Forscher begleiten den Dreh

Da die Teilnehmer über eine längere Zeit sich zwar unter Beobachtung, aber doch fern von modernen Alltäglichkeiten wie Strom, Telefon und anderem befanden, waren sie nicht nur für Archäologen ein interessanter Forschungsgegenstand.

Zwei Projekte beschäftigten sich mit der Bekleidung dieser Zeit. Die Kleidung der Teilnehmer wurde basierte auf den Erkenntnissen aus dem Fund des "Ötzi" in den Alpen. Wie warm, "atmungsaktiv" und bequem war Ötzis Kleidung im Vergleich mit unserer modernen Ware? Das Ergebnis ist eher ernüchternd. Wollte Ötzi überleben, musste er intelligent mit seiner Kleidung umgehen, denn einmal nass geworden, dauerte es sechs Stunden, bis sie wieder trocken war. Von Atmungsaktivität keine Spur. Daraus resultierend muss man wohl auch die bisherigen Erkenntnisse zum Energiebedarf der Menschen von einst überdenken, wenn nicht gar revidieren. Man hat vermutlich in der Kleidung von einst mehr gefroren und musste daher auch mehr essen, um nicht zu unterkühlen.

Die Teilnehmer wurden während des Experimentes gesundheitlich überwacht. Trotz der täglichen körperlichen Arbeit, die nach Angaben der Wissenschaftler den Extremleistungen eines Radprofis gleicht, fühlten sich die "Steinzeitler" nach einer kurzen körperlichen Durststrecke fit und auch seelisch wohl. Ein Zustand, der in seiner Allgemeinheit wohl so nicht direkt auf die Menschen im Neolithikum übertragen werden kann. Auch das Schlafverhalten wurde untersucht mit dem Ergebnis, dass die Menschen wohl etwa eine Stunde länger schliefen. Verantwortlich dafür ist wohl nicht nur der durch die Sonne bestimmte Tages- und Nachtverlauf, sondern auch die gemeinschaftliche Atmosphäre im großen Raum des Hauses, wie die Psychologen meinen. Von Interesse war auch das Thema Zahnhygiene. Wie verändert sich die Mundgesundheit, wenn die Zahnbürste für acht Wochen Pause hat, dafür aber ganz auf Industriezucker verzichtet wird, fragten sich die Zahnmediziner. Der Vergleich des Zahnstatus vor und nach dem Aufenthalt im Pfahlbaudorf belegte ein deutliches Auftreten von bakteriellen Zahnbelägen bei allen Teilnehmern. Bedingt durch die Beläge ist bei allen in unterschiedlicher Ausprägung eine Zahnfleischentzündung aufgetreten. Bei den Kindern entwickelte sich außerdem in dieser kurzen Zeit neue Karies. Befunde, wie sie auch die Gebisse aus dem Neolithikum zeigen. Der Grund dafür ist nach Ansicht der Zahnmediziner und Anthropologen das Aufkommen von Klebteig durch die Verarbeitung von Getreide zu Brei, Brot und Fladen.

Unterhaltung macht Wissenschaft?

Die spannende Frage ist nun, was bei diesem Experiment herausgekommen ist. Das werden wir als Zuschauer wohl erst am 11.6. wissen, wenn die letzte Folge gelaufen ist. Aber kann eine Unterhaltungssendung auch wirklich wissenschaftliche Erkenntnisse liefern? Ist das Experiment wirklich "Living Science" oder eher nacherlebte Vergangenheit? Dieser Frage ist auch Almut Bick in einem Artikel in Bild der Wissenschaft (Ausgabe 5/2007, S. 26-30) nachgegangen. Trotz einiger aufschlussreicher Beobachtungen sei der Erkenntnisgewinn für die Archäologie begrenzt, zitiert sie Gunter Schöbel vom Pfahlbaumuseum Unteruhldingen. Zumal das Experiment nicht ausreichend dokumentiert und somit nicht wiederholbar sei.

Auch mit "Living Science" bleiben populäre Wissenschaftssendungen im Fernsehen also ein Spagat zwischen Unterhaltung und Wissenschaft. Wieviel von jedem in dem "Steinzeit-Experiment" enthalten ist, können wir ab Sonntag selbst mitverfolgen.

Quelle: SWR/Bild der Wissenschaft

Medien-Tipps

Homepage des SWR zur Sendung

"Der gute Geist der Steinzeit" (Die Zeit, 24.5.2007) - Artikel über Harm Paulsen, einen der beiden Archäotechniker, die das Projekt begleiteten

Begleitbuch zur Sendung "Steinzeit - Leben wie vor 5000 Jahren"