Mittelalterliche Zitadelle in Syrien neu entdeckt

von: PD Dr. Stefan Heidemann
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Luftbilder und Baustruktur

Bislang unveröffentlichte französische Luftaufnahmen der zwanziger und dreißiger Jahre und Fotos des deutschen Archäologen Max von Oppenheim aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zeigen jedoch deutlich die Baustruktur der Zitadelle. Sie schloß sich an die südwestliche Ecke der hufeisenförmigen Stadtmauer aus dem 8. Jahrhundert an. Sie war ein quadratischer, etwa 200 x 200 m großer Komplex mit vier massiven Türmen von etwa 15 Metern Durchmesser. Sie hatte einen Innenhof und soweit erkennbar an den Seiten flankierende Hallenbauten. Aufgrund einer Inschrift aus dem 16. Jahrhundert, in der von Renovierung einer Zitadelle (al-qal'a) die Rede ist, hatte man den Komplex in die osmanische Zeit datiert.

Eine verschwundene, einst bedeutende Zitadelle wurde mitten in der dicht bebauten syrischen Großstadt ar-Raqqa am Euphrat wieder entdeckt. Dies gelang mit Hilfe von bislang unveröffentlichten historischen Luft- und Reisefotografien im Vergleich mit mittelalterlichen Texten. Ar-Raqqa war im 8. Jahrhundert die glanzvolle Residenzstadt des auch aus den Märchen bekannten Kalifen Harun ar-Raschid. Ihre zweite Blütephase erlebte die Stadt als Residenz der Ayyubiden im 13. Jahrhundert. Heute ist sie mit etwa 200.000 Einwohnern Hauptstadt einer landwirtschaftlich bedeutenden Provinz.

Geschichte und Funktion

Eine erneute Auswertung mittelalterlicher arabischer Quellen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbrachte nun eine überraschende frühe Datierung. Die Quellen berichten über Bauaktivitäten, die exakt mit den Befunden aus den Luftfotografien übereinstimmen. Ein Text des syrischen Chronisten Ibn Nazif (gest. 1240) spricht von Bauarbeiten, die die "Palastanlagen" der "Neuen Zitadelle" mit der Stadt verbinden sollten.

In diesem [Jahr 1225] befahl [der ayyubidische König] al-Ashraf den Abriss von fünf Türmen der Stadtmauer von ar-Raqqa gegenüber den Palastanlagen (al-adar), die er in der "Neuen Zitadelle (al-qal'a al-jadida)" errichten ließ.

Die Summe der Abstände (von ihrem Mittelpunkt jeweils etwa 33 m) der abgerissenen Türme der abbasidischen Stadtmauer entsprechen genau der Länge der nördlichen Seite der Anlage, wie sie auf den Luftbildern erkennbar ist. Der ayyubidische Staatssekretär Ibn Shaddad (gest. 1285) bereiste am Vorabend der mongolischen Eroberung, in der Mitte des 13. Jahrhunderts, die Stadt ar-Raqqa und beschrieb ausführlich den damaligen Gebäudebestand. Jedoch eine "Zitadelle" oder einen militärischen Wehrbau erwähnt er nicht. Ibn Nazif hatte den Komplex "Palastanlagen (adar)" genannt; vielleicht sind sie mit den von Ibn Shaddad genannten "Palästen (jawasiq)" des Ayyubidenherrschers al-Ashraf Musa gleichzusetzen. Die Gärten waren verschwenderisch mit Palmen und Bananenstauden ausgestattet. Al-Ashraf Musa hatte in ar-Raqqa zwischen den Jahren 1201 und 1229 seine Residenz gehabt. Die "Neue Zitadelle" hatte offenbar mehr einen repräsentativen, als einen militärischen Charakter. In den folgenden Mongolenkriegen sollte sie keine Rolle spielen.

Der Baumwollboom der fünfziger Jahre

Der weltweite wirtschaftliche Boom infolge des Koreakrieges während der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts erreichte auch die Provinzstadt ar-Raqqa. Sie stieg zu einem bedeutenden Zentrum der Baumwollproduktion auf. Die Ruine der Zitadelle wurde damals mit Bulldozern ohne Dokumentation weggeschoben, um Platz für einen wichtigen Verkehrsverteiler am Rande der Innenstadt und ein politisches Denkmal zu schaffen. Nur ältere Leute in ar-Raqqa erinnern sich heute noch an den gewaltigen Stumpf eines der Türme.

Eine zitadellenartige Palastanlage muß innerhalb eines Stadtgefüges eine herausgehobene Bedeutung gehabt haben und muß Bereiche der Stadt auch dominiert haben.

zum  Autor:Der Jenaer Islamwissenschaftler Stefan Heidemann stellte die Ergebnisse seiner Forschungen zur Zitadelle von Raqqa auf einer internationalen Konferenz in Aleppo/Syrien vom 16. bis 20. September 2003 über "Mittelalterliche muslimische Festungsbauten" vor. Vom Autor gerade erschienen: Stefan Heidemann und Andrea Becker: Raqqa II - Die islamische Stadt, Mainz (Philipp von Zabern) 2003.

Mit dem Wissen um die Existenz der Palastanlage im 13. Jahrhundert lassen sich alte Hypothesen über die räumliche Organisation des Stadt neu überdenken. So erklärt sich vermutlich die Lage und der repräsentative Charakter des südöstlichen Bagdad-Tores daraus, dass es der südwestlich gelegenen Zitadelle gegenüber lag. Die von Ibn Shaddad gerühmten Palastgärten lagen vermutlich wegen der besseren Wasserversorgung südlich vor der Stadt in den Euphratauen und zwar zwischen dem Bagdad-Tor und der Palastanlage. Aber auch andere Nutzungen dieses Areals sind vorstellbar. Es liegt nun nahe, dass bislang nicht lokalisierte "Tor der Gärten (bab al-jinan)" von ar-Raqqa, das einen eigenen Eintrag in dem geographischen Wörterbuch von Yaqut (gest. 1229) fand, auf das Bagdad-Tor zu beziehen.

Die verhängnisvolle späte Datierung

Die Ruine war zwar bekannt gewesen, aber als eine späte Anlage und daher als unbedeutend angesehen worden. Reiseberichte des 16., 19. und frühen 20. Jahrhunderts erwähnen sie, beschreiben sie aber nicht. Die für die Region typische Lehmziegelbauweise hatte im Verfall nur eine quadratische hügelige Erhebung mit den Stümpfen von vier massiven Türmen hinterlassen. Viele der gebrannten Lehmziegel fanden auch bei dem Bau des Dorfes ar-Raqqa Verwendung, das als osmanische Wehrsiedlung am mittleren Euphrat im Jahr 1864 neu entrichtet worden war.

Friedrich Sarre und Ernst Herzfeld, die im Jahr 1907 die Region bereisten, um einen geeigneten Ort für eine deutsche islamische Grabung zu finden, erwähnen die Zitadelle nur kurz. Ihr Interesse galt der frühislamischen Zeit. Auf ihrer Planskizze von ar-Raqqa findet sich daher nur ein quadratischer Komplex, den sie als "Citadelle" kennzeichnen, ohne näher darauf einzugehen. In der Planskizze aus dem Jahr 1940 von Sir Archibald Creswell, dem einflußreichsten Historiker früher islamischer Architektur im 20. Jahrhundert, findet sich an dieser Stelle nur eine unbenannte schraffierte quadratische Erderhebung.

Man vermutete in der Ruine eine osmanische Anlage. Das Interesse an osmanischer Wehrarchitektur war noch gering. Einige der bedeutenden Zitadellen Syriens, so die in Aleppo und Damaskus, waren noch bis in die achtziger Jahre hinein in militärischer und polizeilicher Nutzung. In den fünfziger Jahren konzentrierte die Syrische Antikenverwaltung ihre Aktivitäten mehr auf das außerhalb der Stadt gelegene abbasidische Palastviertel, während im Stadtkern eine moderne Verkehrsführung entstand. Die Zitadelle verschwand. So findet sich die Zitadelle auch nicht mehr auf einigen jüngeren archäologischen Karten, die im Rahmen einer deutsch-syrischen Kooperationsgrabung entstanden.