Ein Anker des Herodes ?

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Der stark gesunkene Meeresspiegel des Toten Meeres hat am Strand von Ein Gedi den bisher einzigen vollständig erhaltenen Anker aus der Römerzeit freigegeben. Der Anker befindet sich in einem riesigen Klumpen von Salz und Mineralien, die sich um den Anker gebildet hatten und ihn so für die Nachwelt konservierten. Die ungewöhnliche Größe des 2000 Jahre alten Ankers ließ die Archäologen spekulieren, dass er zu einem großen Schiff gehört haben muss. Auf dem Binnenmeer mit extrem salzigen Wasser dürfte vor 2000 Jahren nur König Herodes und dessen Umfeld ein derartig "großes Schiff" benutzt haben, um zwischen seinen Palästen zu verkehren, die er beiderseits des Toten Meeres errichtet hatte, meint der Entdecker Dr. Gideon Hadas.

"Vor einem Monat machte ich einen Spaziergang am Ufer des Toten Meeres und erkannte den Anker. Der Form nach stammt er aus römischer Zeit." Reines Holz lugte aus dem Salzblock heraus, der sich um den Anker herum gebildet hatte. So beschreibt Dr. Hadas eine sensationelle archäologische Entdeckung aus der Zeit Jesu.

Hadas lebt schon viele Jahre im Kibbuz Ein Geddi, einer wasserreichen Oase am Westufer des Toten Meeres. Der Archäologe hat vor seiner Haustür viel zu tun: "Wir graben gerade ein Haus aus der herodianischen Epoche aus, das im Jahr 68 während des ersten jüdischen Aufstandes gegen die Römer zerstört wurde." Dort am Ufer des Toten Meeres wurde vor zweitausend Jahren nach einem heute verloren gegangenen Rezept ein Balsamparfüm hergestellt, das in die ganze damalige Welt exportiert und von Kleopatra bevorzugt wurde. Anders als heute war das Tote Meer damals eine sehr reiche Gegend, die auch von König Herodes wegen ihrer Heilquellen bevorzugt wurde.

Hadas selbst war es nicht möglich, den Block zu bewegen. Es musste ein Schlitten gebaut werden, um den Anker mit seinem Salzkleid vom Ufer wegzubewegen. Alles zusammen wog 800 Kilo, wobei Hadas das Nettogewicht des Ankers allein auf eine halbe Tonne schätzt. "Es wurden aus römischer Zeit immer nur Teile von Ankern gefunden, darunter Bleiringe, die die Querbalken mit dem Stock des typischen Admiralitätsanker zusammenhielten. Noch nirgendwo ist ein bestens erhaltener kompletter Holzanker aus dieser Zeit entdeckt worden", sagt Hadas, wobei er die Datierung bisher nur aufgrund der Form vorgenommen habe. Dieser Ankertypus, 1,80 Meter hoch und fast einen Meter breit, sei vor allem bei der Handelsschifffahrt im westlichen Mittelmeerraum üblich gewesen, jedoch extrem selten im östlichen Mittelmeer.

"Herodes ist in Rom erzogen worden. Er hatte die beste und neueste römische Technologie in sein Land importiert. Nur so konnte er die gewaltige Bautätigkeit, darunter des Jerusalemer Tempels, bewältigen.", sagt Hadas. Als Herodes alt und krank war, sei er zu den Quellen von Kaleroi (heute in Jordanien) gekommen. Doch die heilsamen Wasser halfen ihm nicht. Der Historiker Josefus Flavius beschreibt, wie Herodes von Kaleroi nach Jericho gereist und dort gestorben sei. "Ich fantasiere jetzt mal. Es ist nicht anzunehmen, dass der alte Herodes auf dem Esel nach Jericho ritt. Der bestieg wohl seine königliche Yacht und fuhr über das Wasser."

Hadas sagt, dass es viele Quellen für Schiffe und Schifffahrt auf dem Toten Meer gebe, auch in der Zeit des Herodes: vor allem Texte und Mosaiken. Einen so großen Anker dürfte nur ein "ziemlich großes Schiff, mindestens 15 Meter lang, gehabt haben", so Hadas. Der große Herrscher Herodes dürfte in der damaligen Zeit der Einzige gewesen sein, der sich ein derart großes Boot auf dem Toten Meer geleistet habe.

"Wenn es heißt, dass das vor einigen Jahren am See Genezareth gefundene Schiff dem Petrus gehörte und das Jesus darauf gefahren sei, dann werde ich doch wohl behaupten können, den Anker der Yacht des Herodes entdeckt zu haben", lacht Hadas.

Den Anker entdeckte er am Strand, weil der Meeresspiegel des Toten Meeres stark gesunken ist. Israel und Jordanien leiten das Wasser aus fast allen Zuflüssen zum Toten Meer um und verwenden es. Der Holzanker sei vermutlich schon vor drei Jahren aus dem Wasser hervorgekommen. Doch das Holz sei von den Mineralien des Tote Meerwassers durchsetzt, so dass es trotz der Berührung mit Luft nicht in Staub verfallen sei.