Gläserne Schätze aus Lüneburgs Boden

von: Dr. Peter Steppuhn
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Die ältesten Glasobjekte stammen aus der Zeit um 500. Die drei sehr schön erhaltenen Sturzbecher aus dem fränkisch/sächsischen Gräberfeld von Buxtehude-Kattenbeck sollten den Verstorbenen, die Reise ins Jenseits gut gestärkt anzutreten. Zu den bemerkenswerten Funde des Spätmittelalters gehören weiterhin das Fragment eines sogenannten Hedwigsbechers aus dem 12. Jahrhundert sowie ein Becher mit Punktmuster, der in die Zeit um 1300 datiert werden kann. Dieses möglicherweise aus Frankreich stammende Stück zählt ebenso zu den frühen Importgläsern in Lüneburg, wie einige Keulengläser und Fadenrippenbecher des 14./15. Jahrhunderts aus der Region Böhmen/Thüringen. Waldglasprodukte deutscher Hütten (hier insbesondere Weserbergland, Thüringen, Mecklenburg und Schleswig-Holstein) sind durch geläufige Trinkglasformen des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts wie optisch geblasene Becher mit Rippen- oder Kreuzrippendekor, des weiteren Krautstrünke und Keulengläser vertreten. Glasgefäße des 16. und 17. Jahrhunderts sind in Form von Stangengläsern, Berkemeiern und Römern sowie birnförmigen Flaschen und Henkelflaschen präsent.

Neben den Waldglaserzeugnissen heimischer Glashütten kommt den luxuriösen Trink- und Tischgeschirrgefäßen des 16. und 17. Jahrhunderts aus farblosem und farbigem Glas eine herausragende Stellung zu. So finden sich an Bechern und Kelchgläsern außer Emailbemalungen ebenso Goldblattauflagen sowie verschiedenfarbige Netz- und Fadenglasverzierungen. In Lüneburg ist nahezu das gesamte Spektrum an Formen und Dekoren der südniederländischen Glasbetriebe dieser Zeit gerade auch mit vielen Stücken früher Produkte à la façon de Venise vertreten! Parallelstücke aus Antwerpen und den südlichen Niederlanden aus dem Zeitraum von etwa 1550-1620 belegen die Handelsbeziehungen Lüneburgs zu dieser westeuropäischen Region recht eindrucksvoll. Zu den bemerkenswertesten Exemplaren jenes Herkunftsgebietes zählen nicht nur verschiedene Varianten von Flügelgläsern, sondern gleichfalls ein sogenannter Kometenbecher, der aus Fundkomplexen deutscher Städte bisher nur aus Köln bekannt ist.

Hinweise auf einen gehobenen Lebensstil liefern weiterhin Glasgefäße, die weniger funktionalen sondern eher dekorativen und repräsentativen Zwecken auf der Tafel dienten. Dazu gehören Scherzgläser und Zierflaschen wie auch Schalen, die durch ihre farbigen Glasmassen eine Ergänzung zu den Trinkgläsern bilden. Gerade Glasschalen waren relativ häufig auf den festlichen Tafeln der Lüneburger High Society vertreten. Grüne, blaue und rote Exemplare mit optisch- oder formgeblasenen Mustern, aufgelegten Fäden sowie Fußschalen, die zum Teil eine Goldblattauflage tragen, zeigen, dass gläserne Schalen in Lüneburg offenbar mehr als andernorts beliebt waren.

Viele Jahre lang schlummerten in Vitrinen, Schubladen und Pappkartons des Museums für das Fürstentum Lüneburg gut 1.300 Glasfunde und warteten darauf, an das Licht der Öffentlichkeit zu gelangen. Die Glasobjekte, die während der letzten 30 Jahre im Zuge von Ausgrabungen durch Gerhard Körner, Friedrich Laux, Jan Joost Assendorp und Edgar Ring geborgen werden konnten, haben es verdient: Im Vergleich zu anderen stadtarchäologischen Glaskomplexen des 15. bis 18. Jahrhunderts besticht die Lüneburger Sammlung durch eine große Zahl qualitativ hochwertiger Gläser vor allem des 16. und 17. Jahrhunderts.

Unter den Glasobjekten des 18. Jahrhunderts finden sich neue Glasarten und Verzierungstechniken. So sind im Fundgut neben den "normalen" Glasarten nun auch Kristallgläser zu finden, Diamantgravuren und Mattschliffe sind sowohl an Bechern als auch an Kelchgläsern festzustellen. An einigen Mineralwasser- und Weinflaschen angebrachte Glassiegel belegen, aus welchen Hütten die Flaschen stammen, was sich in ihnen befand und für wen deren Inhalt bestimmte war. Trotz des reichen Fundmaterials auch für die jüngsten Epochen lässt sich die zurückgehende wirtschaftliche Bedeutung der Stadt Lüneburg ebenso an ihrer gläsernen Hinterlassenschaft ablesen: Die herausragenden Glasobjekte fehlen, der eindeutig überwiegende Anteil des Glasmaterials besteht aus durchschnittlichem Gebrauchsglas und Importe aus weit entfernten Regionen sind kaum noch vorhanden, da sich die Bewohner der Stadt nun mehr den Erzeugnissen der Glashütten aus der näheren Umgebung zuwenden.

Die Lüneburger Glaskomplexe vermitteln einen guten Eindruck von der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt durch die Jahrhunderte. Parallel zu der mit dem Salzhandel verbundenen wirtschaftlichen Entwicklung lassen sich anhand der Glasobjekte unterschiedliche Prosperitätsphasen ablesen. Gleichzeitig geben die Fundkomplexe Hinweise auf soziale Gruppen innerhalb der Stadt und sie weisen einige Grundstücke bestimmten Bevölkerungsschichten und Gewerben zu.

Zur Ausstellung "Glaskultur in Niedersachsen" mit dem Untertitel Tafelgeschirr und Haushaltsglas vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit ist ein von Edgar Ring für die Lüneburger Stadtarchäologie herausgegebener Katalog erschienen (= Archäologie und Bauforschung in Lüneburg, Bd. 5; Husum 2003; ISBN 3-89876-100-2; 200 Seiten, 245 zumeist Farbabbildungen; € 19,95) der nicht nur die interessantesten Glasobjekte vorstellt, sondern sich außerdem verschiedenen Themen zur Glashistorie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie der Glasproduktion widmet. Die schönsten Stücke der Lüneburger Glasbestände sind von Mitarbeitern des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege fachmännisch restauriert worden. Zusammen mit diesen Glasfunden werden noch aus weiteren Städten Niedersachsens Glasobjekte zu sehen sein, die in ihrer Gesamtheit einen facettenreichen Überblick zur niedersächsischen Glaskultur vermitteln. Es ist vorgesehen, die Wanderausstellung u.a. auch in Wolfenbüttel, Göttingen, Celle, Hannover, Jever und Plön zu zeigen.

Dem Stadtarchäologen Dr. Edgar Ring in Verbindung mit dem Verein Lüneburger Stadtarchäologie e.V. als Initiatoren und dem Lüneburgischen Landschaftsverband als Finanzier ist es zu verdanken, dass die reichhaltigen Glasbestände des Museums aufgenommen und ausgewertet werden konnten. Am Ende des zweijährigen Bearbeitungszeitraumes steht nicht nur ein Gesamtkatalog des Lüneburger Glases in Form einer Access-Datenbank, sondern ebenso die erste Station der Wanderausstellung "Glaskultur in Niedersachsen", die am 11. Mai 2003 im Rathaus der Stadt Lüneburg eröffnet wurde.

Ziel des Ausstellungs-Vorhabens ist, einen Einblick in das stilistische und funktionale Spektrum der Lüneburger Glasgefäße mit ihrer außergewöhnlichen Formen-, Farb- und Dekorvielfalt zu geben. Zusammen mit ausgewählten Exponaten des Mittelalters und der Neuzeit aus weiteren Städten Niedersachsens werden 13 Jahre nach der Ausstellung "Glas aus Niedersachsen" (Museum Burg Bederkesa) neue Erkenntnisse zu einer regionaltypischen Glaskultur erarbeitet und vermittelt. Dabei werden nicht nur die quantitativen und qualitativen Entwicklungen des Glasgebrauchs über etwa 15 Jahrhunderte aufgezeigt, sondern ebenso die Veränderungen des Warenangebotes, die technologischen Neuerungen sowie der Wandel des Zeitgeschmacks dokumentiert.

In Niedersachsen sind nach dem Braunschweiger Glas bislang nur die Lüneburger Glasfunde Gegenstand einer umfangreichen Bearbeitung geworden. Aus anderen Städten dieses Bundeslandes liegen zwar eine Reihe von kleineren Publikationen vor, ein zusammenführendes Projekt wird jedoch erstmals mit diesem Vorhaben realisiert. Die Ausstellung zeigt in chronologischer Reihenfolge Glasobjekte nach ihrer Funktion, erläutert deren Produktion und Technologie und gibt schließlich einen Überblick zum Glashandel und zur Verwendung von Glas .

Das Herzstück der Wander-Ausstellung bilden die Lüneburger Glasfunde. Die fast ausschließlich aus Kloaken der Lüneburger Altstadt geborgenen Fundstücke können zumeist in das 15. bis 18. Jahrhundert datiert werden. Obgleich die Lüneburger Saline bereits im Jahre 956 erstmals genannt wird, die Stadt 1247 ihre Stadtrechte erhielt und im Wirtschaftsverbund der Hanse während des späten 13. bis zum 15. Jahrhundert durch Salzgewinnung und -handel eine führende Rolle innehatte, sind spätmittelalterliche Glasfunde aus dem Stadtbereich kaum bekannt. Die eindrucksvollsten Glasobjekte aus dem Lüneburger Boden sind dem 16. und 17. Jahrhundert zuzuweisen, einer Zeit, in der die Bedeutung des Salzhandels für die Stadt bereits langsam abnahm.

Das Lüneburger Glasmaterial vermittelt einen umfassenden Eindruck der vielen Verwendungsmöglichkeiten von Glas insbesondere in frühneuzeitlichen Haushalten. Neben Fensterverglasungen, schlichten Vorrats- und Schenkgefäßen sowie Gläsern aus dem medizinisch-alchemistischem Bereich sind Glasgefäße einer gehobenen Tisch- und Trinkkultur geborgen worden. Letztgenannte Gruppe spiegelt mit einer außergewöhnlichen Formen-, Farb- und Dekorvielfalt sowohl kulturelle Wertvorstellungen als auch individuelle Wirtschaftskraft der ehemaligen Benutzer wider. So überrascht vor allem die Vielfältigkeit an Trinkgläsern neben einer bemerkenswerten Zahl von Zierkannen und Schalen. Unterschiedliche Herkunftsgebiete der Glasobjekte sind an den verschiedenen Glasrezepturen und Dekoren abzulesen.