Vom Thing zu den Nationalstaaten Nordeuropas

Archäologin der Universität Wien erforscht mittelalterliche Versammlungsstätten

Welche Rolle spielten Thing-Stätten - Volks- und Versammlungsplätze - für die Entstehung, Konsolidierung und Erhaltung von kollektiven Identitäten in Nordeuropa? Dieser Schlüsselfrage geht die Archäologin Natascha Mehler vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts nach. Ziel ist es, die Entstehung von Nationalstaaten besser zu verstehen.

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Natascha Mehler, Uni Wien
Natascha Mehler, Uni Wien

Nach altem germanischen Recht waren Thing Volks- und Gerichtsversammlungen. Der Ort oder Platz, an dem eine solche Versammlung abgehalten wurde, hieß Thing-Stätte. Bislang konzentrierten sich die Forschungen dazu auf die schriftlichen Hinterlassenschaften, die von Historikern ausgewertet worden waren. Die tatsächlichen Orte, d. h. deren Lage, ihre kulturellen Hinterlassenschaften sowie deren Einbettung in die umliegende Landschaft wurden dabei fast immer außer Acht gelassen. Nun rücken die Thing-Stätten in den Fokus der Archäologie.

Internationaler Vergleich der Thing-Stätten

Das Projekt erlaubt erstmals einen internationalen Vergleich solcher Anlagen, denn bislang geschahen Forschungen zu Thing-Stätten lediglich auf nationaler Ebene. Dadurch soll kritisch evaluiert werden, wie Nationalstaaten entstanden, welche Charakteristika den Thing-Stätten zu Grunde liegen und welche Unterschiede es in Zeit und Raum gibt.

Im Mittelpunkt der Forschung stehen dabei die Thing-Stätten von England, Schottland, Irland, Norwegen, den Orkney und Shetland Inseln, Island und Grönland aus der Zeit von ca. 400 bis 1500. In drei ineinandergreifenden Teilprojekten werden die Aspekte Handel und Wirtschaft, königliche Macht sowie Christianisierung und Historiographie untersucht. Natascha Mehler vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien wird sich in den nächsten drei Jahren dem Bereich Handel und Wirtschaft widmen. Mit den anderen Aspekten befassen sich WissenschafterInnen an den Universitäten Durham und Orkney (GB) sowie Oslo (N), wo auch die Projektleitung liegt.

Handel und Wirtschaft

Natascha Mehler konzentriert sich in ihrer Forschung auf wirtschaftliche Aktivitäten der Wikingerzeit und des Mittelalters, die häufig parallel zu den Versammlungen an den Thing-Stätten stattfanden. Fremde und einheimische Händler boten ihre Waren feil, während Handwerker zusammen kamen, um Gegenstände zu verkaufen oder zu reparieren. In der Wikingerzeit wurden diese Geschäfte von den lokalen Häuptlingen bei den Thing-Versammlungen reguliert. Häufig entstanden in unmittelbarer Nähe zu den Thing-Stätten auch separate Handelsplätze. Dies hatte Auswirkungen sowohl auf die Gesellschaften als auch auf die fremden Händler bzw. deren Geschäfte.

Die wichtigsten Fragen, denen Natascha Mehler nachgeht, sind: Auf welche Weise wurden Thing-Stätten für Handel und Handwerk genutzt? Welche Infrastruktur liegt diesen Stätten zu Grunde und in welchem Netzwerk sind sie miteinander verbunden? Welche Auswirkungen hatten Handel und Handwerk der Thing-Stätten auf die Gesellschaften? In welchem topographischen Verhältnis stehen die Thing-Stätten zu zeitgleichen Handelsplätzen?

Projektförderung durch EU-Programm HERA

Das Forschungsvorhaben wird vom EU-Forschungsprogramm HERA mit rund einer Million Euro dotiert. HERA (Humanities in the European Research Area) ist ein Forschungsprogramm der European Science Foundation (ESF) für die Geisteswissenschaften, zu dem sich 13 europäische Forschungsförderorganisationen zusammengeschlossen haben. Zielsetzung ist, dass sich ForscherInnen zu Netzwerken zusammenschließen und gemeinsame, transnationale Forschungskooperationen innerhalb der Geisteswissenschaften entwickeln.
Bei dieser Ausschreibung wurden europaweit insgesamt 19 Projekte bewilligt.

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