Eine jungsteinzeitliche Prunkpalette aus Girza im Niltal steht im Zentrum einer neuen Untersuchung zur frühen Himmelsdeutung in Ägypten. Das Artefakt zeigt einen stilisierten Kuhkopf, zwischen dessen Hörnern fünf Sterne angeordnet sind.
In dem aktuell erschienenen Buch »Vom Sternbild zum Götterbild« stellt Ludwig Morenz fest, dass es sich dabei nicht um eine zufällige Sternmarkierung handelt, sondern um eine gezielte Darstellung einer Sternenkonfiguration. Die Anordnung der Sterne entspricht auffallend dem später als Orion bekannten Sternbild. Damit könnte es sich um das älteste bislang eindeutig identifizierbare Sternbild aus dem Alten Ägypten handeln.
Vom astronomischen Zeichen zur göttlichen Figur
Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie aus der Beobachtung eines Sternbildes eine religiöse Symbolfigur entstehen konnte. Die Palette verbindet eine astronomisch deutbare Sternengruppe mit der Darstellung eines Kuhkopfes.
Morenz argumentiert, dass dieses Motiv als Bild des Nachthimmels verstanden werden kann: »Das jungsteinzeitliche Bild von der Himmelsgöttin hat zwei Seiten: den Taghimmel mit der Sonnenscheibe als ‚Sonnenfrau« und den Nachthimmel als ‚Sternenkuh«.“
Demnach existierte bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. eine Vorstellung von einer dualen Himmelsgottheit: Der Taghimmel erschien als weibliche Sonnengestalt, der Nachthimmel als kuhhafte Sternenträgerin. Die ikonographische Verbindung von Sternen und Rindergestalt verweist auf eine symbolische Verdichtung astronomischer Beobachtungen zu religiösen Bildern.
Orion im prädynastischen Ägypten
Die Identifizierung der fünf Sterne mit dem Sternbild Orion ist ein zentraler Befund der Untersuchung. Orion spielte auch in der späteren altägyptischen Tradition eine bedeutende Rolle und wurde dort mit dem Gott Osiris in Verbindung gebracht.
Die Girza-Palette zeigt jedoch, dass strukturierte Sternbeobachtung und ihre religiöse Interpretation deutlich älter sein könnten als bislang angenommen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Existenz einzelner Sternzeichen, sondern ihre bewusste Anordnung in einem wiedererkennbaren Muster.
Morenz versteht die Darstellung als Beleg für ein »ordnungstiftendes« Denken: Der Himmel wurde nicht als zufällige Ansammlung von Lichtpunkten wahrgenommen, sondern als strukturierter Raum mit religiöser Bedeutung.
Kontinuität und Transformation religiöser Bilder
Die Studie ordnet das Motiv in eine längere Entwicklungslinie ein. In späteren Epochen erscheinen Himmelsgöttinnen wie Hathor in Kuhgestalt oder mit kuhhörniger Ikonographie. Die Girza-Palette könnte eine frühe Stufe dieser Bildtradition repräsentieren, ohne bereits die ausgeformte Mythologie der pharaonischen Zeit vorwegzunehmen.
Gerade diese Verbindung von archäologischem Objekt, astronomischer Analyse und religionsgeschichtlicher Interpretation macht den wissenschaftlichen Reiz der Untersuchung aus. Sie eröffnet einen selten konkreten Zugang zu Vorstellungen einer Epoche, aus der kaum schriftliche Quellen vorliegen.
Ein Beitrag zur Archäoastronomie und Religionsgeschichte
Mit Vom Sternbild zum Götterbild legt Ludwig Morenz eine interdisziplinär angelegte Studie vor, die archäologische, ikonographische und astronomische Befunde miteinander verbindet. Die Publikation zeigt exemplarisch, wie materielle Kultur als Quelle für früheste kosmologische Konzepte genutzt werden kann.
Die Girza-Palette erscheint damit nicht nur als kunsthistorisch interessantes Einzelstück, sondern als Zeugnis einer frühen Phase religiöser Weltdeutung, in der Himmelsbeobachtung und Göttervorstellung untrennbar miteinander verbunden waren.
Publikation
Vom Sternenbild zum Götterbild. Neuer Denkraum im spätneolithischen Niltal und ein urtiefer Mythos um die Himmelsgöttin
Hans-Bonnet-Studien zur Ägyptischen Religion 5. 2025




