Uni-Archivar auf den Spuren der Walpurgisnacht

In der Nacht vom 30. April auf den ersten Mai ist es wieder so weit: Zur Walpurgisnacht schwingen sich Satansbräute aus ganz Deutschland auf ihre Reisigbesen und machen sich auf zum Blocksberg im Harz, um sich dort mit dem Teufel orgiastischen Ausschweifungen hinzugeben.

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Dr. Thomas Becker, Historiker und Archivar an der Universität Bonn, spürt seit vielen Jahren den Ursachen des Hexenglaubens nach - auch der Entstehung des Walpurgisnacht-Mythos.

Die Walpurgisnacht auf dem Blocksberg habe es im 15. und 16. Jahrhundert nicht gegeben. "Es ist eine sehr alte Vorstellung, dass sich Hexen zu gewissen Zeiten versammelt haben - einmal im Monat oder alle zwei Wochen. Sie trafen sich an nahe gelegenen Orten, in einem Talkessel zum Beispiel oder sogar unsichtbar mitten auf dem Marktplatz", erläutert Becker. Erst 1669 erwähnte der Leipziger Johann Praetorius den "Blocksberg" als Zentrum der Teufelsanbetung - und meinte damit den Brocken im Harz. Goethe, der 1777 erstmals den Brocken bestieg, verewigte die Walpurgisnacht im Faust als die große jährliche Hexenversammlung: "Die Hexen zu dem Brocken ziehn, die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün. Dort sammelt sich der große Hauf, Herr Urian sitzt oben drauf. So geht es über Stock und Stein. Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock."

Die von Dämonologen und Juristen propagierte Vorstellung des "Hexentanzes" diente laut Becker wohl auch dazu, ein Bedrohungsszenario aufzubauen. "Tanzen kann man nicht mit sich selbst, sondern nur in der Gruppe. Hexen oder "Zeubersche", wie man sie damals eher nannte, waren demnach keine Einzelpersonen, sondern bildeten eine gefährliche Untergrund-Gruppierung, gegen die man mit aller Macht vorgehen musste." Die Hexenverfolgung war entgegen der landläufigen Meinung weniger Sache der kirchlichen Inquisition, sondern von weltlichen Gerichten. "In unserem Raum waren dafür vor allem Schöffengerichte verantwortlich", betont der Archivar. In jeder Stadt gab es damals Familien, die qua Erbrecht Schöffen stellen durften und daher eine enorme Macht auf sich vereinten - eine Macht, die viele Neider fand. Oftmals instrumentalisierten daher nicht-schöffenbürtige Familien die Hexenverfolgung, um sich in die obersten Gesellschaftsschicht hochzuarbeiten - beispielsweise, indem sie durch Intrigen dafür sorgten, dass Schöffen selbst als Zauberer oder Hexer verdächtigt wurden. "Es gibt gut dokumentierte Fälle, in denen ganze Schöffen-Familien dem Hexenwahn zum Opfer fielen", erklärt Becker. "Diejenigen Familien, von denen die Gerüchte ausgingen, konnten dann ihren Platz einnehmen." Im Laufe seiner Forschung fand der Archivar Hinweise auf bis zu hundert Hexenprozesse in Bonn. "Ich bin davon überzeugt, dass Bonn damals eines der Zentren der Hexenverfolgung war."

Quelle: Uni Bonn (idw)

Kommentare (1)

  • Astrid Gehrmann
    Astrid Gehrmann
    am 24.04.2001
    Noch heute treffen sich Frauen, die sich mit der alten Hexenreligion beschäftigen, im Großraum Bonn zu den alten Festen der Göttin und des gehörnten Gottes, natürlich auch in der Walpurgisnacht. Dabei geht es aber nicht um Böses, sondern mehr um Selbstfindung mit alten schamanischen Techniken, denn die Hexen und Zauberer des Mittelalters waren ja die europäischen Schamanen. Ausgerottet wurden sie von der katholischen Kirche, weil sie das Christentum ablehnten und deshalb unbequem und auch politisch gefährlich waren. Heute werden Hexen nicht mehr auf Scheiterhaufen verbrannt, treffen sich aber immer noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit in kleinen Zirkeln von bis zu 13 Frauen (entsprechend den 13 Mondmonaten des Jahres), um ihre Feste zu feiern.

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