Troia-Kampagne 2009: bronzezeitliche Stadtbefestigung und Gräber

Bei den diesjährigen Grabungen in Troia haben Archäologen der Universität Tübingen Teile eines Stadttores und Gräber aus der Bronzezeit freigelegt.

Nachrichten durchblättern
Troia - Grabungsareale 2009 und spätbronzezeitliche Verteidigungsgräben (Plan: Universität Tübingen)
Troia - Grabungsareale 2009 und spätbronzezeitliche Verteidigungsgräben (Plan: Universität Tübingen)

Der Verteidigungsgraben, der die spätbronzezeitliche Stadt Troia VI um 1300 v. Chr. umschloss, ist nun auf über neunhundert Meter Länge nachgewiesen. An den Ausgrabungen, die von Juli bis September 2009 dauerten, nahmen unter der Leitung von Prof. Ernst Pernicka von der Universität Tübingen 44 Wissenschaftler und Techniker aus acht Ländern teil. Obwohl Untersuchungen an Fundmaterialien und die Vorbereitung umfangreicher Publikationen des bereits 1988 begonnenen Projektes derzeit den Schwerpunkt der Arbeiten bilden, wurde auch in diesem Jahr wieder gegraben - auf kleiner Fläche, aber mit großem Erfolg.

Die Suche nach der bronzezeitlichen Stadtbefestigung gestaltet sich im Südosten des Stadtgebietes besonders schwierig, weil sie hier mehr als drei Meter tief unter dem Schutt der hellenistischen und römischen Stadt Ilion liegt - zu tief für den Einsatz geophysikalischer Prospektionsmethoden. Trotzdem konnte bereits im Vorjahr erneut ein Stück des Grabens freigelegt werden. Bereits damals waren die Wissenschaftler sicher, dass ein im ausgegrabenen Bereich gefundenes, scheinbares Ende des Grabens nur eine Unterbrechung im Bereich einer Toranlage war. In diesem Jahr gelang es, die Fortsetzung mit Hilfe von Bohrungen zu orten und anschließend auszugraben.

Im Torbereich wurden außerdem zwei Gräber aus der Spätbronzezeit entdeckt. Dies ist ein bedeutender Fund, weil die Friedhöfe Troias mit Ausnahme eines kleinen Gräberfelds bisher noch nicht bekannt sind. Es ist noch nicht klar, ob die Gräber älter oder jünger als der Graben sind. Von den Skeletten wurden daher Proben zur Datierung mit der Radiokarbonmethode entnommen.

Über und neben dem am Ende von Troia VI zugeschütteten Graben wurden bronzezeitliche Schichten und ein Mauerstück gefunden. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass die damals schon etwa dreißig Hektar große Stadt in der Folgezeit (Troia VII, 1300-1180 v. Chr.) noch über dieses Gebiet hinaus wuchs. Überraschend war, dass auch ein fast vollständiges Keramikgefäß und andere Funde aus Troia VIIb (1180-950 v. Chr.) geborgen werden konnten. Funde aus dieser Spätzeit waren so weit entfernt von der Burg bisher nicht bekannt.
Die neuen Ergebnisse legen es nahe, die Ausgrabungen im nächsten Jahr fortzusetzen. Die Torsituation muss vollständig erfasst werden, die genaue zeitliche Abfolge der Besiedlung ist zu klären, und es sollte überprüft werden, ob in der Nähe weitere Gräber liegen. Die Finanzierung dieser Arbeiten ist allerdings noch nicht gesichert.

Troia 2009 - Spätbronzezeitliche Bestattungen (Foto: Gebhard Bieg, Universität Tübingen)
Troia 2009 - Spätbronzezeitliche Bestattungen (Foto: Gebhard Bieg, Universität Tübingen)

Kommentare (2)

  • Hans Wilhelm Daehnhardr
    Hans Wilhelm Daehnhardr
    am 23.10.2009
    Erstaunlicherweise sind keinerlei Schriftstücke gefunden worden. WARUM?
    Es handelt sich um die Linear B Zeit.
    Auch ist ausser dem luwischen Siegel nichts gefunden.
  • Friedrich Kelm
    Friedrich Kelm
    am 21.12.2010
    Schriftstücke - wie etwa gebrannte Tontafeln, wie man sie zum Gebrauch der Kommunikation in den anatolischen Regionen der Einflußspäre der Hethiter eigentlich in einer Residenzstadt wie Troia VI erwartet hätte - würden sich wohl am ehsten in einem sogenannten "Tontafelarchiv" finden lassen, doch die gehörten - wie z. B. jene von Hattusa, Knossos und Pylos - immer zum inneren Palast- und Tempelbezirk, genau jenem Bereich also, den die frühen Griechen in der Stadt (zu Zeiten von Troia VIII) zum Bau ihres Athena-Tempels abtrugen und regelrecht planierten, will heißen, sie schnitten die Kuppe des Hügels Hisarlik in diesem Bereich vollkommen ab. Einen Gutteil davon warfen sie auf den Schutt - und in diesem Planierungssschutt könnte sich noch das eine oder andere verbergen, fände man die Zeit danach zu graben und gäbe es das Geld die Leute hierfür zu bezahlen, aber die Hoffnung auf den Fund eines intakten Tontafelarchivs der Periode Troia VI besteht nicht mehr.

    Ob sich Linear B-Täfelchen in diesem Archiv hätten finden lassen ist eher unwahrscheinlich, da Linear B zur Buchhaltung, Verwaltung und Registratur in mykenischen Palästen eingesetzt wurde und nicht die Literatur- oder Schriftsprache der mykenischen Kultur war. Briefe oder literarische Texte wurden in Linear B - soweit das heute bekannt ist - nicht abgefaßt, und ein "mykenischer Brief" (wenn es denn so etwas denn gegeben haben könnte) wäre vermutlich das einzige gewesen, was sich in Troia VI in einem Archiv hätte zeigen können, denn diese Stadt war nicht von Mykenern besiedelt, sondern von "Trojanern", die in der späten Bronzezeit vielleicht in Fehde mit den Mykenern standen, von denen uns, den Bewohnern der Stadt Troia VI und auch Troia VIIa, die in einer Brandkatastrophe unterging - vor allem wegen fehlender Schriftfunde - nicht bekannt ist, welche Sprache sie sprachen.

    Im Westen Anatoliens war in der Bronzezeit das Luwische verbreitet und es könnte sein, dass auch ein Teil der Bevölkerung der Troas des Luwischen mächtig war. Das in der Schicht Troia VIIb gefundene luwische Siegel eines "hethitischen Schreibers" könnte andeuten, dass dieser des luwischen mächtige Schreiber, dem das Siegel zu Lebzeiten gehörte, möglicherweise auch ein Vertrauter des Großkönigs von Hattusa war, in dessen Auftrag die "konsularischen Geschäfte" mit Troia/Wilusa bearbeitete und wohl auch ein waches Auge auf die inneren Angelegenheiten des Vasallenstaates Wilusa hatte, der mit Troia VI identisch sein könnte.

    Den letzten Rest über diese Beziehung werden wir wohl erst in einigen Jahren erfahren ...


Neuen Kommentar schreiben