Rehgeweihkopfschmuck belegt Kontakte zwischen Wildbeutern und frühen Ackerbauern

Mitteldeutschland gehört zu den Gegenden, in denen bereits ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus frühe Bauern die mittelsteinzeitlichen Wildbeuter von den fruchtbaren Lössböden nach Norden verdrängten. Bald nach der Einwanderung kam es jedoch auch zu Austausch zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen. Das LDA Sachsen-Anhalt untersucht mit der Siedlung von Eilsleben (Landkreis Börde) einen Schlüsselfundplatz zum Verständnis dieser Zeit. In einer kürzlich erschienenen Studie werden neue Erkenntnisse zu einem Altfund aus der Siedlung vorgestellt: Ein Rehgeweihkopfschmuck hat seinen besten Vergleich im bedeutend älteren mittelsteinzeitlichen Grab der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg.

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Rehgeweih aus Eilsleben
Zu einer Kopfbedeckung zugerichtetes Rehgeweih aus Eilsleben. Ein ähnlicher Fund liegt aus dem älteren Grab der „Schamanin“ von Bad Dürrenberg vor. Es handelt sich um einen deutlichen Hinweis auf Kontakte der frühen Bauern zu Wildbeutergruppen. Foto: Juraj Lipták © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Historischer Hintergrund: Einwanderung jungsteinzeitlicher Bauern

Ab etwa 9600 vor Christus verbesserte sich das Klima in Mitteleuropa nach der letzten Eiszeit nachhaltig. Dieser Einschnitt ist in der Archäologie mit dem Beginn des Mesolithikums (die Mittelsteinzeit) verknüpft. Die Menschen dieser Zeitstufe waren wie auch in der davorliegenden Altsteinzeit Jäger und Sammler. In der nun zunehmend bewaldeten Landschaft Mitteldeutschlands stellten sie mit dem Bogen Beutetieren wie Reh, Rothirsch, Ur/Wisent und Wildschwein nach. Die Bedeutung von Fischfang und pflanzlicher Nahrung stieg. In diese Zeit gehört das herausragende Grab der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg (Saalekreis). Die 30- bis 40-jährige Frau war vor etwa 9.000 Jahren in einem aufwendigen Grabbau zusammen mit einem etwa sechs Monate alten Kind bestattet worden. Unter anderem ein Kopfschmuck aus Rehgeweih und Tierzahngehänge belegen die besondere Stellung der Toten als ›Schamanin‹, als spirituelle Anführerin ihrer Gruppe.

Mitteldeutschland gehört zu den Gegenden, in denen bereits ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus die ersten Bauern, die genetisch aus Anatolien und der Ägäis abstammen, die Wildbeuter von den fruchtbaren Lössböden nach Norden verdrängten, etwa auf die Sander- und Binnendünenflächen der Altmark. Diese ersten Bauern in Mitteleuropa fasst man archäologisch als so genannte Linienbandkeramikkultur. Schon bald nach der Einwanderung kam es jedoch auch zu Kontakten und Austausch zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen. Befunde, die diese Kontakte beleuchten, sind selten. Aus Sachsen-Anhalt liegt mit der Siedlung von Eilsleben-Vosswelle einer der wichtigsten Fundorte zum Verständnis dieser Übergangsphase vor.

Ein Außenposten in vorgeschobener Lage: Die Siedlung von Eilsleben

Der Fundplatz liegt ganz am nördlichen Rande der Lösszone ungefähr 2,5 Kilometer südöstlich von Eilsleben im Bereich eines leichten Hangs, der zur Aller abfällt, und wurde bereits in den 1920er Jahren durch Oberflächenfunde identifiziert. Auf erste Sondagegrabungen im Jahr 1973 folgten umfangreiche Ausgrabungen durch Dieter Kaufmann zwischen 1974 und 1989, bei denen eine wohl mit Wall, Graben und Zaun befestigte mehrphasige Siedlung der Linienbandkeramikkultur ausgegraben werden konnte. Bemerkenswert ist, dass offenbar bereits die Siedlung der ältesten Linienbandkeramikkultur befestigt war, ein seltener Sonderfall, der mit der vorgeschobenen Position im Grenzland zusammenhängen könnte.

Zu den Wildbeutergruppen in der Umgebung scheint es intensive Beziehungen gegeben zu haben. Nicht nur zeigen die Stein- und die Geweihgeräte der Siedlung Affinitäten zu mesolithischen Herstellungstechniken und Geräteformen, auch liegt mit einem bearbeiteten Rehgeweih, das Teil eines Kopfschmucks war, ein Fund vor, dessen nächste Analogien in mesolithischen Masken zu finden sind.

Als Bauern eine Schamanin brauchten: Der Rehgeweihkopfschmuck

Aus einer unscheinbaren, 1987 ausgegrabenen Grube stammt das schädelechte Geweih eines etwa 2 bis 3 Jahre alten Rehs, das bei näherer Betrachtung Spuren von Bearbeitung erkennen lässt. Das Schädelfragment ist rechteckig zugerichtet und weist zudem Schnittspuren auf, die auf eine Häutung hindeuten. Unmittelbar am Geweihansatz befinden sich beidseitig jeweils Kerben. Es dürfte sich um einen Kopfschmuck beziehungsweise eine Maske gehandelt haben – die Kerben dienten der Befestigung. Eine Radiokarbondatierung ergab ein kalibriertes C14-Alter von 5291–5034 v. Chr.

Ähnlich zugerichtete Geweihe sind in der Jungsteinzeit unbekannt. Sie liegen allerdings aus mesolithischen Fundkontexten in einiger Zahl vor. Die Deutungen variieren zwischen Verkleidungen von Jägern und der Kopfbedeckung von Schamanen. Die mittelsteinzeitlichen Geweihe stammen bislang fast allesamt von Rothirschen. Für das wesentlich jüngere Stück von Eilsleben aus Rehgeweih gibt es nur einen guten Vergleich, der ebenfalls aus Mitteldeutschland stammt. Ein ganz ähnliches Stück liegt aus dem Grab der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg vor und wird als Teil eines aufwendigen Kopfschmucks interpretiert.

Das Rehgeweih von Eilsleben könnte damit Zeugnis des Kontakts zwischen bäuerlichen Siedlern und wildbeuterischen Ritualspezialisten sein, wie Forscher des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in einem kürzlich erschienen Artikel ausführen.

Die neolithische Lebensweise brachte eine Reihe von Veränderungen mit sich, die sich teils negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirkten. Ob Zahnprobleme durch den regelmäßigen Verzehr stärkehaltigen Getreides, neue virale und bakterielle Erkrankungen durch den engen Kontakt mit Haustieren, ein höheres Unfallrisiko durch schwere Arbeit wie Waldrodung, gewalttätige Auseinandersetzungen um Land – es gibt eine Reihe von Szenarien, in denen die medizinischen Fähigkeiten der frühen Bauern an ihre Grenzen gestoßen sein mögen. Es ist vorstellbar, dass man versuchte, die Fähigkeiten einer erfahrenen Heilerin beziehungsweise eines Heilers zu nutzen, die nicht nur über Kontakte ins Geisterreich, sondern sicher auch über ein umfassendes Wissen zu den medizinischen Eigenschaften lokaler Pflanzen verfügten. 

»Schamanin« von Bad Dürrenberg
Künstlerische Interpretation der »Schamanin« von Bad Dürrenberg auf Grundlage der Fundzusammensetzung mit Geweihmaske/ -haube und in voller Zeremonialkleidung. Bild: Karol Schauer © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Linienbandkeramischer Kumpf aus Eilsleben
Ein reich verziertes Gefäß der Linienbandkeramik von Eilsleben. Foto: Juraj Lipták © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Publikation

Oliver Dietrich/Harald Meller/Jörg Orschiedt

Ritual encounters at the northern periphery of the early Neolithic world. A roe deer antler headdress from Eilsleben, Börde county, Saxony-Anhalt

Prähistorische Zeitschrift. 31.1.2026
DOI: 10.1515/pz-2025-2030