Recklinghausen im Mittelalter dichter besiedelt als gedacht

Davon ahnte niemand etwas: Dass im Boden von Recklinghausen - mitten in der Stadt - derartig viele Hinweise auf eine mittelalterliche Besiedlung schlummern, überrascht auch die LWL-Archäologen vor Ort.

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Unscheinbar muten die Pfähle an, die wie hier an vielen Stellen auf engstem Raum zum Vorschein kamen. Sie sind Zeugen einer mittelalterlichen Besiedlung, die an dieser Stelle bislang nicht bekannt war. (Foto: LWL/Klostermann)
Unscheinbar muten die Pfähle an, die wie hier an vielen Stellen auf engstem Raum zum Vorschein kamen. Sie sind Zeugen einer mittelalterlichen Besiedlung, die an dieser Stelle bislang nicht bekannt war. (Foto: LWL/Klostermann)

Jetzt, wo die Bagger hier den Weg für die Entstehung des Einkaufszentrums Recklinghausen Arcaden ebnen, kommen beinahe täglich neue Überraschungen zum Vorschein. Darunter echte archäologische Raritäten. Die Brunnen, die der LWL-Archäologe Mark Schrader gleich serienweise dokumentiert, sind besonders ungewöhnlich. Ein Typus mit senkrechten Bohlen und darin verzapften Längshölzern, "ist bislang für Westfalen noch nicht oft dokumentiert", erklärt der Fachmann. Die gesamte Situation "ist einzigartig", sind sich alle Beteiligten einig. Auch der ehrenamtliche Stadtarchäologe Arno Straßmann staunt über die Fülle und Dichte der mittelalterlichen Brunnen, die er ebenfalls untersuchen und dokumentieren konnte. Zwei Baumstammbrunnen, vier Kastenbrunnen, ein Steinbrunnen und weitere Holzkonstruktionen finden sich auf engstem Raum.

"Das deutet auf eine dichte Besiedlung im Mittelalter hin, die uns bisher noch nicht bekannt war", sagt Mark Schrader. Das Fundmaterial reicht vom 12. bis in das 16. Jahrhundert hinein. Schrader und das Team der LWL-Archäologie dokumentieren alles akribisch und nehmen Holzproben für dendrochronologische Untersuchungen, die mittels einer speziellen Analyse der Baumringe Rückschlüsse auf das Alter der Brunnen ermöglichen.

Unterstützt werden die LWL-Archäologen vom ehrenamtlichen Engagement der Stadtführergilde und auch der Investor, die mfi - management für immobilien AG, fördert die Forschungen während des Baustellenbetriebs. Baggerfahrer legen die Fundobjekte bereits so weit frei, dass Kellen und Kratzer zügig an den Gehalt der historischen Zeugnisse vordringen können.

Unter der Aufsicht der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Recklinghausen sind bereits zu Beginn der Bauarbeiten interessante Funde ans Tageslicht gekommen. Die Baggerschaufeln holten neben einem Grabstein aus dem 20. Jahrhundert und der Zeitkapsel, die bei der Grundsteinlegung eines Verlagsbaus vergraben wurde, auch Tierknochen und Zähne aus einer alten Abdeckerei sowie die Produktionsreste einer mittelalterlichen Lohgerberei aus der Erde. In einem der jetzt entdeckten Brunnen konnte der ehrenamtliche Stadtarchäologe Arno Straßmann neben einem Krug, Keramikresten, Metallteilen und Tierknochen sogar eine lederne Schuhsohle und die noch immer erhaltenen Reste von Eierschalen dokumentieren.

In ihrer Gesamtheit werden die überraschenden Funde der Stadtchronik von Recklinghausen einige neue Kapitel hinzufügen. Die Brunnen werden weiter untersucht und als 3D-Modell in der LWL-Archäologie wieder auferstehen - zusammen mit einem dann amtlichen "Geburtsdatum" aus den naturwissenschaftlichen Untersuchungen im Labor.

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