Es sind mehrere unscheinbare und unförmige Metallobjekte: Als das Grabungsteam der Kantonsarchäologie diese Funde im Jahr 2021 auf einer Rettungsgrabung in Möriken-Wildegg (AG) bergen, ahnt noch niemand von ihrer überraschenden Herkunft. Diese ist jetzt mittels Metallanalysen am Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim, Deutschland, nachgewiesen worden.
Die Rettungsgrabung im Vorfeld eines Bauprojekts im "Sandacher" brachte die Überreste einer Siedlung aus der mittleren bis späten Bronzezeit (um 1500−1300 v. Chr.) zum Vorschein. Mit einer untersuchten Fläche von über 4.000 Quadratmetern stellt der Fundort eine der grossflächigsten Untersuchungen einer mittelbronzezeitlichen Siedlung in der Schweiz dar. Dokumentiert wurden Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie – ein seltener Glücksfall – die originale Bodenoberfläche aus der Bronzezeit. Hier lagen verstreut Fragmente von Keramikgefässen, verbrannte Steine und vereinzelt Metallobjekte. Diese belegen, dass vor Ort Metall verarbeitet wurde.
Sieben der acht analysierten Metallobjekte entpuppten sich bei genauerer Untersuchung als Bruchstücke von bronzezeitlichen Kupferbarren. Mehrere von ihnen stammen ursprünglich von fladenförmigen Barren, wie sie um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends in Europa typisch waren. In Form solcher Barren gelangte das Rohmaterial von den Abbaugebieten zu den Endverbrauchern. Kupfer wurde in der damaligen Zeit nur an bestimmten Orten in Europa abgebaut und von den bronzezeitlichen Menschen über weite Strecken verhandelt. Anhand der chemischen und isotopischen Zusammensetzung des Metalls lässt sich aufzeigen, wo das Kupfer ursprünglich herkam. Um das herauszufinden, schickte die Kantonsarchäologie acht Proben des Metalls an das Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim. Die Resultate der Analyse wurden nun im Dezember 2025 in der renommierten Zeitschrift "Antiquity" publiziert.
Die Analysen der chemischen und isotopischen Zusammensetzung des Metalls ergaben, dass das Rohmaterial der Barren aus drei verschiedenen Abbaugebieten stammt. Eine erste Gruppe von drei Objekten stammt aus dem Mitterberg-Gebiet bei Salzburg in Österreich, etwa 450 Kilometer von Möriken-Wildegg entfernt. Diese Region ist bekannt als eine der wichtigsten Kupferlieferanten in Mitteleuropa, etwa in der Zeit von 1700 bis 1300 v. Chr. Die zweite Gruppe besteht aus zwei Objekten, einem Sichel- und einem Barrenfragment, deren Kupfer aus den Südalpen stammt, wahrscheinlich aus dem Trentino oder Venetien. Diese Region gilt ab 1500 v. Chr. als bedeutende Kupferlieferantin.
Überraschend war schliesslich die dritte Gruppe. Drei Objekte zeichneten sich durch eine aussergewöhnlich reine Zusammensetzung aus. Sie mussten von Lagerstätten stammen, deren Kupfererze schon von Natur aus kaum Verunreinigungen enthalten. Die Analyse ergab, dass das Kupfer aus Zypern stammen muss – eine echte Seltenheit nördlich der Alpen. Der einzig andere Beleg von zypriotischem Kupfer stammt aus Südwestdeutschland. Zypern ist als eine der Hauptquellen für Kupfer im östlichen Mittelmeerraum bekannt. Von dort aus wurden vor allem Griechenland, Ägypten und Mesopotamien versorgt. Die Neufunde aus Möriken-Wildegg zeigen, dass aber auch kleine, ländliche Siedlungen im Mitteleuropa des 15. bis 13. Jahrhunderts v. Chr. Zugang zu solchen "exotischen" Ressourcen hatten – und damit schon vor rund 3.400 Jahren enge Handelsverbindungen zwischen Mitteleuropa und dem östlichen Mittelmeergebiet bestanden.
Publikation
Cypriot copper in the Swiss ‘Hinterland’? New evidence for long-distance copper trade around 1400 BC from Möriken-Wildegg
Antiquity. Dez 2025
DOI: 10.15184/aqy.2025.10187





