Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Liebenauschen Vorwerks in Pirna

In Pirna soll auf dem Gelände des Liebenauschen Vorwerks ein Neubau für das Finanzamt errichtet werden. Archäologische Untersuchungen im Vorfeld der Bauarbeiten erlauben einen Einblick in die Entwicklungsgeschichte eines vorstädtischen Areals.

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Pirna (Ausschnitt)
Ansicht von Pirna im 17. Jh. auf einem Kupferstich von Merian (Ausschnitt)

Seit August 2013 führt das Landesamt für Archäologie in Pirna Ausgrabungen auf dem Areal des Liebenauschen Vorwerks durch, auf dem nach dem für Ende März geplanten Abschluß der archäologischen Untersuchungen den geplanten Neubau des Finanzamts gebaut werden soll.

Im Mittelpunkt der Arbeiten stehen die Veränderungen der Bausubstanz des Vorwerkes (Gutshof) unter Oberstleutnant Johann Siegmund von Liebenau, der als Amtshauptmann zu Pirna und erfolgreicher Verteidiger der Festung Sonnenstein gegen Schweden im Jahre 1639 bekannt geworden ist. Die Archäologen interessieren sich insbesondere für den genauen Zeitpunkt der Errichtung des Vierseitenhofes, seine ursprüngliche Form sowie die Umbauten im Laufe der Geschichte.

Zu Beginn der Grabungen wurden die Spuren der Binnenstruktur des Vierseithofes und weitere barockzeitliche Baustrukturen großflächig freigelegt, so unter anderem die Grundmauern einer Scheune und zwei Backöfen der damaligen »Feldbäckerei«. Von den bereits zu Liebenauschen Zeit urkundlich erwähnten »Drescherhäuser« konnten die Fundamentstrukturen dokumentiert werden.

Die bisherigen Ergebnisse der Ausgrabungen weisen darauf hin, dass das gesamte Areal bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bewirtschaftet und bebaut war. Da aus dieser Periode kaum oder keine schriftlichen Überlieferungen existieren, sind die aus den Ausgrabungen gewonnenen Erkenntnisse von besonderer Bedeutung.

Es gibt nur wenige vergleichbare Grabungen, bei denen die Bebauung einer historischen Vorstadt und die einer vorherigen landwirtschaftlichen Nutzung aufeinander treffen. Die Nutzung des Geländes in vorliebenauscher Zeit belegen zahlreiche Keramikfragmente und Spuren von Baumaterial, die in meterdicken aufplanierten Schichten unterhalb des Bauhorizontes des Liebenauschen Vorwerks entdeckt wurden.

Einzelne Fundstücke werden dem 11. Jahrhundert, der slawischen Zeit, zugeordnet. Von einer Bewirtschaftung des Geländes ist mindestens seit dem späten Mittelalter auszugehen. Aus dieser Zeit stammt sehr wahrscheinlich ein bis vor kurzem noch unbekannter und vollständig erhaltener Keller. Dieser Überrest der Vorbauten überstand die Errichtung des Vorwerks im 16. Jahrhundert, dessen Zerstörung während des dreißigjährigen Krieges sowie umfangsreiche Umbauten, die der Oberstleutnant von Liebenau und andere Besitzer des Vierseitenhofes bis in das 19. Jahrhundert hinein vorgenommen hatten. Auch vom Einbau zweier Kraftstofftanks für eine Tankstelle im Hof in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, blieb der Keller verschont.

Im weiteren Verlauf der Ausgrabungen wurde die Bebauung auf dem nördlichen Teil des Grundstücks erforscht, wo sich das Waisenhaus befindet. Dabei wurden die Mauerreste der Lederfabrik von Christian Gottlieb Wolf entdeckt, die 1814 zusammen mit dem Wohnhaus des Fabrikanten durch die neugegründete Waisenversorgungsanstalt gekauft wurde. Zudem legten die Archäologen ein Stallgebäude samt großem Kellergewölbe sowie verschiedene zum Waisenhaus gehörige Anbauten frei und dokumentierten deren Bauphasen.

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