Mensch und Hund sind weltweit enger verbunden als gedacht

Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams unter der Leitung der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zeigt verblüffende Gemeinsamkeiten in der Interaktion zwischen Menschen und Hunden in sehr unterschiedlichen Gesellschaften.

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Junge mit Hund in der Mongolei
Junge mit Hund in der Mongolei: Die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund, wie wir sie aus westlichen Gesellschaften kennen, besteht auch in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Foto: © Juliane Bräuer

Die Forschenden untersuchten Jagdhunde und ihre Halter in fünf ländlichen Gesellschaften in Vanuatu, der Mongolei, Madagaskar, Peru und Deutschland. Trotz großer Unterschiede in Kultur, Umwelt und Hundehaltung zeigte sich: Die Beziehung zwischen Hunden und Menschen ist weltweit bemerkenswert ähnlich.

Bisherige Studien zur Kognition von Hunden wurden überwiegend in westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen Gesellschaften, häufig als »WEIRD« bezeichnet, durchgeführt. Doch rund drei Viertel aller Hunde weltweit leben nicht als westliche Familienhunde. Viele von ihnen sind Freigänger und leben als Jagd- oder Wachhunde in ganz anderen sozialen Kontexten mit Menschen zusammen.

Um diesen Blick zu erweitern, entwickelte das Team eine Testbatterie für einen Kulturvergleich, die aus sechs etablierten Verhaltensexperimenten sowie einem Fragebogen zur Erfassung emotionaler und praktischer Aspekte der Beziehung zwischen Mensch und Hund besteht. Insgesamt untersuchten die Forschenden 164 Mensch-Hund-Paare: 34 in ländlichen Regionen Deutschlands, 30 in Vanuatu, 35 in der Mongolei, 33 in Madagaskar und 32 in Peru. Lokale Helferinnen und Helfer unterstützten das Team, insbesondere bei der Optimierung kulturvergleichender Aspekte der Studie.

Mensch-Hund-Kommunikation weltweit untersucht

»Hunde leben zwar fast überall mit Menschen zusammen, aber nicht immer auf dieselbe Weise«, sagt Juliane Bräuer, Erstautorin des Papers und Leiterin des DogStudies-Projekts an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. »Wir wollten wissen, ob die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund, wie wir sie aus westlichen Gesellschaften kennen, universell ist und auch in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten besteht.«

Die Forschenden konzentrierten sich in ihrer Studie auf Jagdhunde, denn die Jagd zählt zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Hund. Die Verhaltenstests untersuchten unter anderem, ob die Hunde auf Zuruf kamen, ob sie einer menschlichen Zeigegeste folgten, um verstecktes Futter zu finden, ob sie ihren Halterinnen und Haltern den Ort von verstecktem Futter anzeigten, ob sie verbotenes Futter mieden, wenn sie beobachtet wurden, ob sie bei einem unlösbaren Problem Blickkontakt zu Menschen suchten und ob sie sich beim Annähern an ein neues, potenziell beängstigendes Objekt an der Reaktion ihrer Besitzerinnen und Besitzer orientierten.

In allen fünf Gesellschaften zeigten die Hunde viele ähnliche soziale und kognitive Verhaltensweisen. So konnten sie beispielsweise menschliche Zeigegesten nutzen, um verstecktes Futter zu finden. Auch bei Aufgaben, bei denen nur der Hund wusste, wo das Futter versteckt war, die Halterin oder der Halter es aber finden musste, kommunizierten Mensch-Hund-Paare erfolgreich miteinander. Zudem suchten die Hunde in unsicheren Situationen häufig Orientierung beim Menschen, was darauf hindeutet, dass sie Menschen aufmerksam beobachten und als Informationsquelle nutzen.

Eine geschätzte Beziehung über Kulturen hinweg

Der Fragebogen zeigte, dass Hundebesitzer in allen fünf Ländern ihre Tiere sehr schätzen. Alle Befragten gaben an, zumindest zeitweise gerne mit ihrem Hund zusammen zu sein. Fast alle sagten außerdem, dass ihr Leben besser sei, weil sie einen Hund haben. In jedem der fünf Länder erklärten zudem mehr als 90 Prozent der Befragten, sie könnten sich zumindest manchmal auf ihren Hund verlassen. Ebenfalls glaubten mehr als 90 Prozent, dass ihr Hund sie in einer bedrohlichen Situation schützen würde.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hunde selbst in Gesellschaften, in denen sie nicht primär als Familienhunde im westlichen Sinne gehalten werden, nicht nur nützliche Arbeitspartner sind, sondern auch eine wichtige soziale Bedeutung für ihre Besitzerinnen und Besitzer haben.

Die Studie zeigte zudem auch einige Unterschiede. So bewerteten Halterinnen und Halter in Peru ihre Beziehung zu ihren Hunden niedriger als Befragte in den anderen Ländern. Die Forschenden vermuten einen Zusammenhang mit den lokalen Jagdpraktiken, da Hunde dort für den Jagderfolg nicht immer entscheidend sind.

Auch lokale Praktiken prägen das Verhalten

Ein Teil der Unterschiede scheint damit zusammenzuhängen, wie Hunde in den jeweiligen Gesellschaften eingesetzt und trainiert werden. So konnten Halter in Vanuatu das Verhalten ihrer Hunde bei einer Aufgabe besonders gut deuten, bei der nur die Hunde wussten, wo das Futter versteckt war. In den dichten Wäldern des Landes sind die Besitzerinnen und Besitzer bei der Jagd auf Wildschweine auf ihre Hunde angewiesen, weshalb es für sie auch besonders wichtig ist, die Signale ihrer Hunde aufmerksam zu lesen.

Auch deutsche Hunde unterschieden sich in mehreren Punkten. So näherten sie sich ihren Halterinnen und Haltern im Gehorsamkeitstest schneller, blieben länger dran, als es darum ging, ein unlösbares Problem zu lösen, und konzentrierten sich stärker auf ihre Besitzer als auf eine unbekannte Versuchsleiterin. Diese Muster könnten auf das Training für Jagdhundeprüfungen sowie auf die in westlichen Kontexten stärkere Bedeutung der individuellen Mensch-Hund-Beziehung zurückgehen.

»Viele dieser Unterschiede ergeben Sinn, wenn man sich den Alltag der Hunde anschaut«, sagt Bräuer. »Training, Jagdtechniken und die soziale Rolle beeinflussen, wie Hunde mit Menschen interagieren.«

Eine lang erprobte und flexible Bindung

Die Forschenden untersuchten außerdem, ob eine engere Beziehung zwischen Haltern und ihren Hunden mit besseren Leistungen in den Verhaltenstests einherging. Dies war jedoch nur selten der Fall. Eine Ausnahme zeigte sich im Test zum sozialen Bezugnehmen: Hunde mit einem höheren Beziehungswert näherten sich gemeinsam mit ihrer Besitzerin oder ihrem Besitzer eher einem fremden Objekt. Dies deutet darauf hin, dass die Stärke der Bindung insbesondere in unsicheren oder potenziell beängstigenden Situationen eine Rolle spielen könnte.

Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass die Kooperation von Mensch und Hund auf einer stabilen und zugleich flexiblen Basis beruht. Hunde wurden vor rund 30.000 Jahren domestiziert – früher als jede andere Tierart. Die Partnerschaft zwischen Mensch und Hund hat sich ursprünglich entwickelt, weil sie für beide Seiten von Vorteil war, vor allem vermutlich bei der gemeinsamen Jagd, dem gegenseitigen Schutz und dem Teilen von Nahrung.

»Trotz enormer kultureller Vielfalt fanden wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede«, sagt Russell Gray, Direktor der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Seniorautor der Studie. »Die Bindung zwischen Menschen und Hunden scheint weltweit verbreitet zu sein und sich an sehr unterschiedliche Lebensweisen angepasst zu haben.«

Publikation

Bräuer, J., Bender, Y., Jandke, L. et al.

Striking Global Similarities in Dog-Human Interactions

Scientific Reports. 23.06.2026
DOI: 10.1038/s41598-026-57657-1
https://www.nature.com/articles/s41598-0...