Kopflose Skelette eröffnen neue Einsichten in bäuerliche Gesellschaften vor 7.000 Jahren

Dutzende menschliche Skelette, scheinbar wahllos über- und nebeneinander liegend, denen auch noch der Schädel fehlt – was Forschende seit 2022 in einer 7000 Jahre alten Siedlung nahe der heutigen Ortschaft Vráble in der Slowakei fanden, wirkt auf den ersten Blick erschreckend. Sind die kopflosen Skelette Spuren eines jungsteinzeitlichen Massakers, grauenvolle Indizien für eine Krise der damaligen Gesellschaft? Erste Knochenuntersuchungen und die Zusammenfassung der bisherigen Grabungsergebnisse deuten in eine andere Richtung.

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Ausgrabungsbefund der Massendeponierung
Die Massendeponierung im Graben. Unten Fotos, oben Umzeichnung der Skelette in verschiedenen Farben. Ganz links, wo der Graben endet und der Durchgang zur Siedlung bestand, sind die meisten Individuen zu finden. Abb.: © Katharina Fuchs, Agnes Heitmann, Nils Müller-Scheeßel, Till Kühl

»Wir haben im Gegenteil Hinweise darauf, dass die für uns ungewöhnlichen Bestattungen Teil sozialer Praktiken waren, die lokale und überregionale Beziehungen strukturierten und nur begrenzt Zeichen von Konflikt und Krise«, sagt Prof. Dr. Martin Furholt von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Er ist Erstautor der entsprechenden Studie, die jetzt in internationalen Fachzeitschrift Proceedings of the Prehistoric Society erschienen ist.

Einer der wichtigsten Fundplätze der Linearbandkeramik

Die jungsteinzeitliche Großsiedlung von Vráble zählt zu den wichtigsten Fundplätzen der sogenannten Linearbandkeramik (LBK) in Mitteleuropa. Forschende der CAU und der slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra untersuchen sie schon seit 2012. 

Der Fundplatz umfasst mehr als 300 Hausgrundrisse in drei Nachbarschaften, in denen zeitweise bis zu 80 gleichzeitig bewohnte Gebäude existierten. Die Siedlung bestand über mehrere Jahrhunderte zwischen etwa 5250 und 4950 v. u. Z. 

Eine der Nachbarschaften war von einem Graben eingefasst, der vermutlich der Abgrenzung diente. Schon in früheren Grabungskampagnen fanden die Forschenden in diesem Graben menschliche Überreste. Seit den Arbeiten 2022 häuften sich diese Funde auf spektakuläre Weise. Am Eingang zur Siedlung wurden die Überreste von mindestens 78 Individuen gefunden – in unterschiedlichen Körperhaltungen und ohne erkennbare Ordnung.

Spektakuläre Funde kopfloser Skelette

77 der Individuen fehlte der Kopf. Nur ein Kinderskelett fanden die Ausgrabenden mit erhaltenem Schädel. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass zwischen dem Tod der Menschen und ihrer Niederlegung wenig Zeit vergangen ist.

»Die Befunde zeigen klar eine intentionale Manipulation der Körper«, erklärt Dr. Katharina Fuchs, Biologische Anthropologin am Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU und Mitautorin der Studie. »Erste Analysen deuten vor allem an, dass es sich hier nicht um eine gewaltsame ‚Köpfun« gehandelt hat, sondern eher um eine gekonnte Entfernung der Schädel.«

Wie diese Praktik zu deuten ist, bleibt noch offen. Diskutiert wird unter anderem, dass die Köpfe möglicherweise separat aufbewahrt wurden – ein bislang für Vráble nicht direkt nachgewiesenes, aber aus anderen Kontexten bekanntes Phänomen.

Vergleichbare Eingriffe in menschliche Körper sind aus vielen urgeschichtlichen Gesellschaften belegt, auch innerhalb der LBK. Dabei variieren die Praktiken im Detail erheblich. Ebenso ist die Deponierung von Toten oder Körperteilen in Siedlungsgräben kein Einzelfall. Auffällig ist jedoch, dass Massengräber, Bestattungen in Siedlungsgräben sowie Manipulationen von Körpern gegen Ende der LBK an vielen Fundstellen auftauchen.

Dieses Phänomen wurde häufig als Hinweis auf eine Krisenphase interpretiert, etwa im Zusammenhang mit Gewalt oder Konflikten. Die Beteiligten an der aktuellen Studie schlagen jedoch eine differenziertere Perspektive vor. »Die Niederlegung von Körpern und Körperteilen kann Teil komplexer, bedeutungsvoller und wiederkehrender Handlungen gewesen sein,« führt Co-Autor Dr. Nils Müller-Scheeßel aus. Und er ergänzt: »Erst das Ende solcher Praktiken könnte dann auf tiefgreifende Veränderungen hindeuten.« »Wir müssen damit rechnen, dass diese Handlungen in ganz anderen Bedeutungszusammenhängen standen als in modernen Gesellschaften«, erklärt Martin Furholt, »das macht ihre Interpretation so herausfordernd.«

Fundplatz liefert Schlüssel zur Diskussion grundlegender Fragen

Die Publikation ist damit Ausgangspunkt für weitere Analysen im aktuellen Forschungsprojekt »Neolithic Bodies«, das seit 2025 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Aktuell sortieren die beteiligten Arbeitsgruppen die gefunden Knochen weiter, bestimmen die Sterbealter und die biologischen Geschlechter, analysieren die Schnittspuren an den Halswirbeln noch detaillierter. Weitere Studien zu möglichen Gewalteinwirkungen sowie forensische Untersuchungen zu Zersetzungsprozessen kommen hinzu. Isotopen- und DNA-Analysen sollen zusätzlich Aufschluss über Herkunft, Ernährung und Verwandtschaft geben der jungsteinzeitlichen Menschen geben. Auch die Konstruktion des Grabensystems lässt noch ein paar Fragen offen. 

»Aber schon die ersten Ergebnisse zeigen, dass Vráble ein außergewöhnlicher Fundplatz ist. Er liefert uns die Schlüssel zur Diskussion grundlegender Fragen: Wie wurden Tod und Körper in der Jungsteinzeit verstanden – und welche Rolle spielten damit verbundene Praktiken im sozialen Gefüge früher bäuerlicher Gesellschaften?«, fasst Martin Furholt die noch zu klärenden Fragen zusammen. 

Freilegung der Massendeponierung
Während die Ausgrabung der Massendeponierung ab 2022 auf den östlichen Bereich zielte, wird seit 2024 der westliche Bereich ausgegraben. Das über dem Schnitt errichtete Zelt schützt vor Regen und Sonne. Foto: © Katharina Fuchs
Publikation

Furholt, M., Cheben, I., Hukeľová, Z., Wunderlich, M., Bistáková, A., Furholt, K., Kühl, T., Müller-Scheeßel, N. & Fuchs, K.

Neolithic Bodies in Vráble – 7000 year-old Headless Human Skeletons in an Enclosed LBK Settlement in South–West Slovakia

Proceedings of the Prehistoric Society. 02.06.2026
DOI: 10.1017/ppr.2026.10082
https://www.cambridge.org/core/journals/...