Keine römische Quelle unter dem Aachener Dom

Die sog. Dom- oder Münsterquelle in Aachen hat es nie gegeben. Diese irrtümliche Annahme, die auf den Funden einer römischen Badeanlage beim Neubau der Ungarnkapelle 1755 beruhte, ist nicht mehr haltbar, wie Prof. Dr. Thomas R. Rüde vom Lehr- und Forschungsgebiet Hydrogeologie der RWTH Aachen im gerade erschienen ersten Band der Aachener Stadtgeschichte darlegt.

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Die Bohrungen während der Restaurierungsarbeiten am Aachener Dom in den letzten beiden Jahren konnten eindeutig nachweisen, dass die Thermalwasser führenden Kalksteinschichten über 7 Meter unter dem Fußboden des Domes und mehr als 4 Meter unter dem Bodenniveau der Römer lagen. „Es ist demnach unmöglich, dass unter der Ungarnkapelle jemals eine Thermalquelle gewesen ist, die die Römer hätten fassen können", schreibt Lydia Seiffert dazu in ihrer Bachelor-Arbeit „Oberflächennahe Gesteine unter dem Dom zu Aachen und die Frage der thermalen Domquelle".

Beim Neubau der Ungarnkapelle 1755 waren im Untergrund römische Mauerreste entdeckt worden. Nachdem lange über eine Zuordnung dieser Funde gerätselt worden war, interpretierte 1952/53 Hans Christ diese Funde als eine römische Quellfassung, von der aus benachbarte Badehäuser mit Wasser versorgt worden sein sollen. Erst im Zuge der archäologischen Grabungen unter der Bodenplatte des Oktogons und damit an der Thermalanlage unter dem Dom in den Jahren 2007 bis 2009 konnten auch geologische Untersuchungen dazu vorgenommen werden. Insgesamt wurden 13 Bohrungen im Umgang des Oktogons abgeteuft. Dabei konnten frühere Forschungen bestätigt werden, dass nämlich unter dem Dom durchaus Kalksteinbänke liegen, die bisher nur unter der Chorhalle bekannt waren. „Nur dort trifft man auf den Hauptquellenkalkzug, aus dem an anderen Stellen in Aachen Termalquellen hervortreten", erläutert Lydia Seiffert. Die Kalksteine unter dem Oktogon werden aber von anderen Ablagerungen bedeckt - das Thermalwasser verblieb deshalb tief im Boden. Das erstmals sicher unter dem Oktogon an einer Stelle nachgewiesene Thermalwasser wurde erst in einer Tiefe von 7,23 Meter zur Fußbodenoberkante des Domes und damit 4,80 Meter unter Bezugsniveau der Römer erbohrt. „Es liegt viel zu tief unter dem Boden, um von den Römern genutzt worden zu sein", schlussfolgert Lydia Seiffert.

Die römischen Funde unter der Ungarnkapelle erweisen sich nach den jüngsten archäologischen Interpretationen vielmehr als ein Hypokaustum - eine Art Fußbodenheizung, mit der etwa der Ruheraum eines Badekomplexes beheizt wurde. Aufgrund von archäologisch seit dem späten 19. Jahrhundert gesicherten Rohrleitungen nehmen die Experten um den Stadtarchäologen Andreas Schaub inzwischen an, dass die Münsterthermen von der höher gelegenen Quirinusquelle gespeist wurden. „Damit decken sich die Ergebnisse von Archäologie und Geologie", fasst Professor Rüde zusammen. „Eine Domquelle hat es leider nie gegeben."

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