Kein plötzlicher Umbruch: Forschende erzählen die lange Geschichte der Steinzeit neu
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen winzige Quarzartefakte aus dem Felsunterstand von Umhlatuzana in der Provinz KwaZulu-Natal. Detaillierte Analysen der Funde belegen, dass sich zwischen etwa 50.000 und 20.000 Jahren vor heute zentrale Aspekte des Lebens der Steinzeitmenschen schrittweise veränderten: Techniken zur Herstellung von Steinwerkzeugen, die Form der Geräte und die Nutzung von Rohmaterialien wurden allmählich umgestellt. Merkmale des Middle und des Later Stone Age existierten dabei über längere Zeit nebeneinander.
Die untersuchten Funde stammen aus hochauflösenden Ausgrabungen der Universität Leiden aus den Jahren 2018 und 2019 unter der Leitung von Gerrit L. Dusseldorp. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse des internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nun im Fachjournal Quaternary Science Reviews.
Systemwechsel in Etappen
»Die Ergebnisse von Umhlatuzana zeigen, dass Wildbeuter:innen ihre Mobilität, ihre Strategien zur Beschaffung von Nahrung und Rohmaterialien sowie ihre Werkzeugherstellung schrittweise anpassten«, sagt Viola Schmid, Erstautorin der Studie vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW. Der Wandel betraf damit nicht nur einzelne Werkzeugtypen, sondern das gesamte technologische, wirtschaftliche und vermutlich auch soziale System.
Lange Zeit wurde das Aufkommen des Later Stone Age mit dem Entstehen biologisch und kognitiv moderner Menschen gleichgesetzt – also mit Lebensweisen, die heutigen Jäger- und Sammler:innengruppen ähneln. Inzwischen ist jedoch klar, dass Homo sapiens bereits deutlich früher anatomisch uns heutigen Menschen entsprach und komplexe Verhaltensweisen entwickelte.
Die neuen Daten sprechen gegen die Vorstellung eines plötzlichen »Fortschrittsschubs«. Stattdessen deuten sie auf einen Systemwechsel in Etappen hin: Bestehende technologische Prinzipien – etwa die Nutzung lokaler Rohmaterialien, wie Quarzgerölle aus Flussschottern, die bipolare Bearbeitung mit Ambossen oder die gezielte Miniaturisierung von Werkzeugen – wurden neu kombiniert und weiterentwickelt. Kleine Steinlamellen dienten zunehmend als modulare Elemente zusammengesetzter Geräte.
Flexibilität und Vernetzung der Gruppen
Ein Vergleich mit anderen Fundstellen im südlichen Afrika zeigt zudem, dass dieser Wandel weder gleichzeitig noch einheitlich verlief. Der Übergang vom Middle zum Later Stone Age war räumlich und zeitlich unterschiedlich ausgeprägt. Die Forschenden interpretieren dies als Ergebnis einer Verbreitung gekoppelt an lokale Innovationen in locker vernetzten Gruppen.
Damit erscheint das Ende der Middle Stone Age nicht als scharfer kultureller Bruch, sondern als vielschichtiger, regional variierender Anpassungsprozess. Dieser legte die Grundlage für die späteren Jäger- und Sammler:innengesellschaften im südlichen Afrika – und zeigt, wie dynamisch und anpassungsfähig menschliche Gesellschaften schon vor Zehntausenden von Jahren waren.
Publikation
Wind(ow) of change: The end of the Middle Stone Age and the beginning of the Later Stone Age at Umhlatuzana rockshelter showcasing concurrent technological and techno-economic shifts
Quaternary Science Reviews, vol. 377. 01.04.2026
DOI: 10.1016/j.quascirev.2026.109806
https://www.sciencedirect.com/science/ar...



