Farbproduktion vor 100.000 Jahren

Schon sehr lange nutzt der Mensch Farben. Doch gerade für die paläolithischen Epochen lagen bisher kaum Informationen zum Herstellungsprozess der Pigmente vor. Die Entdeckung eines 100.000 Jahre alten »Werkzeugkastens« zur Farbherstellung vor drei Jahren in Südafrika hat diese Wissenslücke nun etwas geschlossen. Französische Wissenschaftler des Centre National de la Recherche Scientifique haben bei der Auswertung dieses besonderen Fundkomplexes mitgearbeitet.

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Das »Malset« nach der Freilegung. Der Inhalt der Abalone-Schale wird durch einen flachen Kieselstein bedeckt © d'Errico/Pedersen/Henshilwood
Das »Malset« nach der Freilegung. Der Inhalt der Abalone-Schale wird durch einen flachen Kieselstein bedeckt © d'Errico/Pedersen/Henshilwood

Die 2008 in der Blombos Cave entdeckten zwei Gerätesets samt Ockerfragmenten lagen in Schichten, die 100.000 Jahre alt sind. In der Höhle wurden unter anderem auch die bisher ältesten abstrakten Abbildungen entdeckt (70.000 bis 90.000 Jahre). Der am besten erhaltene »Werkzeugkasten« besteht aus dem Gehäuse einer Abalone-Schnecke (Haliotis midae), auch Seeohr oder Irismuschel genannt, dessen Inneres mit einer fünf Millimeter dicken Schicht aus rotem Ocker bedeckt war. Auf der Ockerschicht lagen ein benutztes Pigmentstückchen sowie ein Quarzitabschlag.

Bedeckt war das Gehäuse mit einem flachen Kieselstein, der Schlagmarken aufweist. Neben weiteren Quarzitabschlägen, auf denen jeweils Gebrauchsspuren und Pigmentanhaftungen dokumentiert wurden, gehört zum »Set« noch ein »Knochenspatel«, der vermutlich zum Anrühren oder Aufbringen der Pigmentmasse diente. Vervollständigt werden die Gerätschaften durch das Schulterblatt einer Robbe sowie dem Wirbelknochen eines Tieres, deren Funktionen bisher noch nicht abschließend geklärt werden konnten.

Der zweite, allerdings deutlich schlechter erhaltene »Werkzeugkasten« besteht ebenfalls aus einem Schneckengehäuse mit Resten einer Pigmentmasse. Im Inneren der Schale befanden sich noch ein Steinabschlag mit Farbanhaftungen und das Fragment eines Pigmentminerals, das Abriebspuren aufweist.

Die Wissenschaftler konnten bei ihren Untersuchungen relativ gut das »Rezept« der paläolithischen Farbherstellung nachvollziehen. Als Farbpigment kamen vor allem die zwei am häufigsten in der Natur vorkommenden Eisenminerale zum Einsatz: Hämatit und Goethit. Durch Zerschlagen und Mörsern oder durch das Abschaben der Minerale mit Hilfe der Steinabschläge fertigten die Menschen der Altsteinzeit ein Pigmentpulver an.

Aufgrund von Spongiosaresten in der Pigmentmasse vermuten die Wissenschaftler, dass die damaligen Künstler Knochenmark als Bindemittel bei ihrer Farbherstellung eingesetzt haben. Die auf der Innenfläche einer der Schalen entdeckten kreisförmigen Spuren weisen darauf hin, dass eine flüssige oder breiige Masse in der Schale angerührt wurde. Alles in allem geht das Forscherteam von einem wiederholten Gebrauch der einzelnen Schalen aus. Eingesetzt wurde die Farbmasse vermutlich für Felszeichnungen oder Körperbemalungen. Denkbar wäre allerdings auch der Gebrauch in der Heilkunst oder beim Gerben von Häuten.

Veröffentlichung zum Thema

100,000-Year-Old Ochre Processing Workshop at Blombos Cave, South Africa.
Christopher S. Henshilwood, Francesco d'Errico, Karen L. van Niekerk, Yvan Coquinot, Zenobia Jacobs, Stein-Erik Lauritzen, Michel Menu, Renata García-Moreno. Science 14 October 2011: 219-222.

Die Einzelteile des »vollständigen Werkzeugkastens« bestehend aus dem Gehäuse einer Abalone-Schnecke. L1: Kieselstein, L2-7: Quarzitabschläge, B1: Knochenspatel, B2: Schulterbaltt einer Robbe, B3: Wirbelknochen, P1: Pigmenentstücken, S1: Gehäuse der Abalone-Schnecke © d'Errico/Pedersen/Henshilwood
Die Einzelteile des »vollständigen Werkzeugkastens« bestehend aus dem Gehäuse einer Abalone-Schnecke. L1: Kieselstein, L2-7: Quarzitabschläge, B1: Knochenspatel, B2: Schulterbaltt einer Robbe, B3: Wirbelknochen, P1: Pigmenentstücken, S1: Gehäuse der Abalone-Schnecke © d'Errico/Pedersen/Henshilwood

Kommentare (2)

  • Peter
    Peter
    am 22.11.2011
    Diese Veröffentlichung erweitert die Reihe der mir bekannten Bindemittel in der Antike und in früheren Zeiten für Anstrichstoffe (so der Normenausdruck für die Substanz "Farbe") um das Knochenmark. Sie war Anlass für einen entsprechenden archäochemischen Versuch. Ein Rindermarkknochen lieferte das Bindemittel, roter pulverisierter Ocker war das Pigment. Das Mark stellte sich als eine weissliche, wachsartige, am Rand etwas blutige Substanz dar, in die sich in einem Mörser nach leichtem Erwaärmen das Pigment gut einarbeiten liess. Es resultierte eine rote Paste, die sich durch Spachteln und nach leichtem Erwärmen auch durch Streichen verarbeiten liess.
    Knochenmark stellte sicher auch in alten Zeiten eine Delikatesse dar (vgl. osso buco!), so dass der Gedanke nahe liegt, dass mit seiner Verwendung zu einem Anstrich ein rituelles Opfer vorliegt. Ich denke, dass in erster Linie an die Körperbemalung zu denken ist (die Wärmeplastizität spricht hierfür; das Bindemittel Lehm versprödet beim Trocknen), aber vielleicht auch an die rituelle Dekoration der Höhlenwand.
  • Christian Fuchs
    Christian Fuchs
    am 03.12.2011
    Vermutlich sind Höhlenmalereien auszuschliessen, zumindest sind meines Wissens nach kein Befund aus dieser Zeit bekannt.

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