Erste Tübinger Grabungskampagne im antiken Sigeion bei Troia

Funde belegen zentrale Schaltstelle für den Schwarzmeerhandel

Ein Grabungsteam um Prof. Dr. Thomas Schäfer vom Institut für Klassische Archäologie der Universität Tübingen führte im November und Dezember 2009 eine erste Grabungskampagne im antiken Sigeion durch. Diese Stadt liegt nur wenige Kilometer von Troia entfernt direkt an den Dardanellen und kontrollierte in der Antike den gesamten Handel und Verkehr mit dem Schwarzen Meer.

Nachrichten durchblättern
Vermessung
Mitarbeiter des Sigeionprojektes bei der Vermessung, im Hintergrund die Einfahrt in die Dardanellen.

Bei der Grabungskampagne wurden die antiken Schichten erreicht und erste Grundmauern von griechischen Häusern der klassischen und archaischen Zeit freigelegt. Von herausragender Bedeutung war der Fund einer hellenistischen Ehreninschrift, die nicht nur die Existenz der Stadt Sigeion noch im dritten Jahrhundert vor Christus bezeugt, sondern auch die Herkunft aus dem berühmten Heiligtum der Athena von Sigeion. Die Wissenschaftler hoffen, dieses Heiligtum in den kommenden Jahren lokalisieren zu können.

Die Bedeutung des Forschungsvorhabens, das bereits seit 2005 läuft und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wird, liegt in der seltenen Chance, eine historisch bekannte und bedeutende Stadt exemplarisch zu erforschen, die nur in einem fest umrissenen Zeitraum von kaum mehr als 400 Jahren existierte (vom 7. Jh. bis zum 3. Jh. v. Chr.) und in römischer und byzantinischer Zeit nicht mehr überbaut wurde. Wegen seiner exponierten strategischen Lage wurde Sigeion mehrfach angegriffen. Die Stadt war ohne die Möglichkeit von Subsistenzwirtschaft und bedeutende Ressourcen auf die Schlüsselstellung für den regen Schwarzmeerhandel und die daraus resultierenden Einnahmen angewiesen. Sigeion war wie nur wenige Städte unterschiedlichsten politischen, militärischen und kulturellen Einflüssen ausgesetzt. Dass Sigeion eine Schaltstelle des Schwarzmeerhandels und damit eines bedeutenden Kulturtransfers war, bestätigen die bislang ausgegrabenen Keramikfunde.

Die ersten Jahre des Forschungsvorhabens dienten archäologischen Oberflächenbegehungen, die durch geophysikalische Tiefensondierungen mit Radar und Geomagnetik ergänzt wurden. Im November 2009 gelang es schließlich, vom türkischen Kultusministerium eine der äußerst selten erteilten neuen Grabungslizenzen zu erhalten.

Sigeion ist eine Gründung des späten 7. Jahrhunderts vor Christus, entweder durch Mytilene auf Lesbos oder Athen. Beide Städte rangen jahrzehntelang um die Kontrolle der Stadt. Alkaiaos von Mytilene, der Dichterkollege und Landsmann der berühmten Sappho, verlor dabei seinen Schild, den die siegesbewussten Athener dem Heiligtum der Athena von Sigeion weihten. Ab 530 v. Chr. wurde die Stadt unter der Herrschaft des athenischen Tyrannen Peisistratos endgültig attisch. Sein Sohn Hippias floh hierher, als er im Jahre 510 v. Chr. von den sich neu etablierenden Demokraten aus Athen vertrieben wurde. Sigeion war Mitglied des ersten delisch-attischen Seebundes und wurde in den Tributlisten zwischen 475 und 418 v. Chr. mit einem jährlichen Beitrag von 1000 bis 6000 Drachmen geführt. Dies lässt auf die Zahl von etwa 2500 Bürgern schließen. Seit 355 v. Chr. herrschte der Tyrann Chares in Sigeion, der sich 334 v. Chr. Alexander dem Großen unterwarf. Im dritten Jahrhundert v. Chr. verlor die Stadt ihre Unabhängigkeit an das wieder gegründete benachbarte Ilion/Troia, wohin die ehemaligen Bewohner Sigeions zwangsweise umsiedelten. Auf dem Platz der antiken Stadt wurde ein neuzeitliches Dorf errichtet, das bereits 1915 während der Kämpfe um die Dardanellen zerstört wurde.

Ehreninschrift
Der Tübinger Restaurator Sönmez Alemdar bei der Bergung der neugefundenen hellenistischen Ehreninschrift. Fotos: Gebhard Bieg

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben