DFG fördert Forschung zum "Klatschblatt der Spätantike"

Der Kaiser als Teufel, seine Frau als Hure: Ein obskures Werk der Spätantike, die "Geheimgeschichte" des Prokop, wird jetzt erstmals wissenschaftlich kommentiert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt an der Universität Würzburg mit 250.000 Euro.

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Rene Pfeilschifter
Rene Pfeilschifter, Professor für Alte Geschichte an der Universität Würzburg (Foto: Robert Emmerich)

Sechstes Jahrhundert, Spätantike: Das Imperium der Römer ist in einen West- und einen Ostteil zerfallen. Im Osten, in Konstantinopel, herrscht Kaiser Justinian. Er hat weite Teile des Westens zurückerobert; fast in seinem ganzen Reich ist das Christentum verbreitet. Nun bemüht sich der Kaiser, auch noch die letzten "Heiden" zu bekehren.

An Justinians Hof wirkt auch Prokop, Spross einer griechischen Familie aus Palästina. Er gilt als der letzte bedeutende Geschichtsschreiber seiner Zeit. Den heutigen Historikern hat er ein größeres Rätsel hinterlassen: die "Geheimgeschichte", sein drittes und letztes Werk. Der Text ist in Altgriechisch geschrieben und steckt voller hemmungsloser Verleumdungen und pornographischer Passagen.

"Prokop bewirft da den Kaiser und dessen Frau Theodora regelrecht mit Dreck", sagt Rene Pfeilschifter, Professor für Alte Geschichte an der Universität Würzburg. Dabei versuche der Geschichtsschreiber, in Sprache und Stil Platon und andere Schriftsteller der klassischen Zeit Athens nachzuahmen, die damals schon 1000 Jahre zurücklag. Herausgekommen sind 183 Seiten, vollgepackt mit Sex & Crime, eine Art "Klatschblatt der Spätantike".

Warum sich die Geschichtsforschung für ein derartiges Machwerk interessiert? Laut Professor Pfeilschifter gibt es dafür mehrere Gründe: "Die Spätantike ist als Zeit eines religiösen Umbruchs grundsätzlich spannend für uns. Und die 'Geheimgeschichte' ist die einzige Quelle, die das Leben am Hof Justinians aus Sicht eines Insiders schildert." Zudem beschreibe Prokop viele Dinge, die sonst nirgendwo überliefert sind. Bislang gebe es keinen einzigen wissenschaftlichen Kommentar zu dem Werk. Der sei aber "notwendig, um viele der Bemerkungen und Anspielungen überhaupt zu verstehen".

Die Wissenschaftler wollen auch ergründen, welche Behauptungen in Prokops "Geheimgeschichte" Verleumdungen sind und welche einen wahren Hintergrund haben könnten. Mussten Justinians Untertanen tatsächlich eine "Luftsteuer" bezahlen? Das könnte durchaus stimmen, sagt Pfeilschifter.

Befand sich unter dem Kaiserpalast ein Folterkeller, in dem Theodora ihre Gegner verschwinden ließ? Das könnte erfunden sein, zumal Prokop die Frau des Kaisers ohnehin nicht zimperlich behandelt: Er schildert ihr angebliches Vorleben als Prostituierte und ihre Vorlieben bei sexuellen Ausschweifungen. Prokop nennt aber auch den um die Durchsetzung des Christentums bemühten Kaiser Justinian "Fürst der Dämonen" und weist ihm damit ein klares Synonym für den Teufel zu. Er unterstellt ihm, dass er zu nächtlicher Stunde seinen Kopf vom Körper lösen könne. Diese Behauptung werden die Historiker wohl zügig in der Rubrik "Verleumdungen" einsortieren.

Mit der "Geheimgeschichte" befasst sich Pfeilschifter ab Anfang 2016 in dem von der DFG geförderten Projekt. Vorgesehen sind eine neue Übersetzung und ein erster Kommentar zu Prokops Werk. Es gibt zwar schon deutsche Übersetzungen, doch die seien veraltet und würden einige Fehler aufweisen, wie der Würzburger Althistoriker sagt.

Der Kommentar soll sich auch mit literaturwissenschaftlichen Fragen befassen. Darum wird in dem Projekt eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler aus der altgriechischen Philologie, der Gräzistik, mitarbeiten. Die DFG hat zudem Mittel für zwei studentische Hilfskräfte bewilligt. "Die Studierenden müssen das Altgriechische beherrschen und werden an der Redaktion des Kommentars mitarbeiten", so der Professor. Aber auch andere Studierende sollen Einblick in das Projekt bekommen, etwa im Rahmen von Lehrveranstaltungen oder bei Abschlussarbeiten.

In dem Kommentar wollen Pfeilschifter und seine Mitarbeiter Interpretationsmöglichkeiten aufzeigen und ihre persönliche Fachmeinung äußern: "Er soll Arbeitsinstrument und Basis für weitere Forschungen sein", erklärt der Würzburger Professor. Kommentar und Übersetzung sollen dafür sorgen, dass sich die "Geheimgeschichte" künftig leichter im akademischen Unterricht verwenden lässt. Gerade die Übersetzung richtet sich auch an Geschichtslehrkräfte und die außeruniversitäre Öffentlichkeit. Pfeilschifter sieht den Kommentar als ersten Baustein eines Gesamtkommentars zu Prokop. Neben der "Geheimgeschichte" hat der Hofschreiber zwei weitere Werke hinterlassen, in denen er einen ganz anderen Ton anschlägt. In den "Kriegen" beschreibt er chronistisch-nüchtern die Feldzüge des Kaisers, in den "Bauten" rühmt er alle Renovierungen und Neubauten, die Justinian ausführen ließ.

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